Donnerstag, 16.09.2021

09:00 - 10:30

Raum 2

S16-12

Zwischen Paternalismus und Eigensinn – Widersprüchliche Adressierungen und widerständige Positionierungen älterer Menschen in der COVID-19 Pandemie

Moderation: A. Wanka, Frankfurt a. M.

Das Differenzmerkmal „Alter“ wird in der aktuellen COVID-19 Pandemie ambivalent diskutiert: Einerseits gilt es als zentraler Risikofaktor für schwere Krankheitsverläufe/Mortalität, wodurch die Notwendigkeit erwächst, ältere Menschen mit besonders drastischen Maßnahmen (z.B. Kontaktrestriktionen in institutionellen Kontexten) zu schützen und bei Maßnahmen wie etwa Impfplänen nach dem Alter zu priorisieren. Andererseits wird, teils auch öffentlich und von politischer Seite, in Frage gestellt, wie viel Einschränkung der Schutz des Lebens älterer Menschen wert ist und ob diese Einschränkungen die Gefahr eines Generationenkonflikts bergen. Ältere Menschen werden so in der Pandemie ambivalent, sowohl als schützenswerte Risikogruppe als auch als Last für die jüngeren Generationen, adressiert. Beiden Diskurslinien liegt dabei eine Form des Ageismus, also der Altersstereotypisierung, -abwertung oder sogar -diskriminierung zugrunde. Vor diesem Hintergrund fragt das Symposium, wie sich ältere Menschen selber im Spannungsfeld ambivalenter Adressierungen positionieren und wie sich diese Positionierungen im Pandemieverlauf verändern. Dabei soll insbesondere auf eigensinnige und widerständige Praktiken gegen homogenisierende und abgewertete Alterszuschreibungen fokussiert werden.   

Im Beitrag von Wanka et al. wird der Frage nachgegangen, wie es dazu kommt, dass sich mehr und mehr ältere Menschen ablehnend gegenüber Anti-Corona-Maßnahmen positionieren und mit welchen Adressierungen dies zusammenhängt. Im Beitrag von Heidinger et al. zur Impfbereitschaft und -ablehnung der COVID-19 Schutzimpfung in Österreich zeigt sich neben einer Mehrheit von impfbereiten älteren Menschen auch eine widerständige, der Covid-19 Pandemie und ihren Schutzmaßnahmen ambivalent gegenüber stehende Gruppe ältere Menschen, die im Detail in ihren Einstellungen und Motiven analysiert wird. Der Beitrag von Leontowitsch et al. widmet sich der widerständigen Positionierungen von Bewohner*innen in zwei Frankfurter Pflegeheimen nach der ersten Kontaktsperre und interpretiert diese als Gegennarrativ zum Alternsbild der Risikogruppe und als Handlungsmächtigkeit im Kontext von Pflege. Der Beitrag von Weigt et al. wird die Perspektive auf Bewältigungsstrategien von Pflegekräften und Mitarbeitenden in pflegerischen Langzeitversorgungskontexten gerichtet. Ein Dichotomisierungseffekt gegenüber Bewohner*innen wird zum Ende diskutiert. Diskutiert werden die Beiträge von Franz Kolland.

09:00
„Für mich das ist offizieller Genozid an älteren Menschen, von der Regierung gewollt und geplant“ - Widerständige und widersprüchliche Positionierungen älterer Menschen in Bezug zu Maßnahmen gegen die Verbreitung von COVID-19
S16-12-1 

A. Wanka; Frankfurt a. M.

Der politische Umgang mit der COVID-19 Pandemie und die Maßnahmen werden öffentlich heftig diskutiert, was insbesondere in Protestformen, etwa der “Querdenker”-Bewegung, viel mediale Öffentlichkeit erfährt. In ihrer “Politischen Soziologie der Corona-Proteste” (2020) charakterisieren die Soziolog*innen Nachtwey, Schäfer und Frei die Teilnehmenden dieser Protestformen u.a. durch eine für politische Bewegungen überdurchschnittlich hohe Altersverteilung. Während sich die pandemische Alter(n)sforschung bisher mit Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen, etwa erhöhter Einsamkeit, aber auch verstärkt kritisch mit Ageism auseinandergesetzt hat (vgl. Ayalon et al., 2020; van Dyk et al., 2020), ist die Seite der politischen Mobilisierung älterer Menschen bisher unzureichend beleuchtet.

Im Beitrag wird gefragt, wie es dazu kommt, dass sich mehr und mehr ältere Menschen ablehnend gegenüber Anti-Corona-Maßnahmen – und damit scheinbar irrational gegen ihren eigenen Schutz – positionieren und mit welchen Adressierungen dies zusammenhängt.

Empirisch wird dazu auf qualitative Fallstudien aus dem Projekt “Versorgung und Unterstützung in der SARS-CoV-2-Pandemie” (2020/21) rekurriert, in dem in einem längsschnittlichen Design 60 Personen zwischen 21 und 87 Jahren während der ersten und zweiten Welle der Pandemie interview wurden.  Die Ergebnisse zeigen, dass die Adressierung älterer Menschen als Risikogruppe zu sozialen Ausgrenzungsprozessen in verschiedenen Settings führen kann, wenn beispielsweise innerhalb der Familie der Kontakt zu Enkelkindern verboten wird oder älteren Arbeitnehmer*innen nahegelegt wird, im Home Office zu arbeiten. Diese Ausgrenzungsprozesse werden teils als Identitätsverletzungen wahrgenommen und führen zu widerständigen Praktiken, die sich u.a. in der Mobilisierung für Anti-Corona-Protestformen zeigen. Im kontrastiven Fallvergleich wird schließlich diskutiert, welche anderen, produktiven Formen des Widerstands im Alter sich finden und wie diese gestärkt werden können.

09:20
Widerständige Positionierungen von Pflegeheimbewohner*innen nach der ersten Kontaktsperre
S16-12-2 

M. Leontowitsch, F. Oswald, A. Schall, J. Pantel; Frankfurt a. M.

Bewohner*innen von Pflegeheimen sind von der Ausbereitung von SARS-CoV-2 im besonderen Maße betroffen. Als spezielle Risikogruppe mussten sie die strengen Maßnahmen der ersten Kontaktsperre 2020 erdulden. Sie durften keinen Besuch empfangen, sich nicht frei im Pflegeheim bewegen, nicht in Gemeinschaft Mahlzeiten zu sich nehmen und mussten über lange Strecken in ihren Zimmer verbleiben.

In der Studie „Alltagserleben von Bewohner*innen in Pflegeheimen während der COVID-19 Pandemie“ wurden Bewohner*innen in zwei Frankfurter Pflegeheimen danach gefragt, wie sie die erste strenge sechswöchige Kontaktsperre im Pflegeheim erlebten, welche biographischen Erlebnisse bei der Bewältigung derselben von Relevanz waren und mit welchen Gefühlen sie auf die Zukunft blickten. Aus den Antworten der Bewohner*innen wird deutlich, wie wichtig die ersten Lockerungen der Kontaktsperre für ihr Alltagserleben waren, wo und wie sie gegen Regelungen zur Eindämmung der Pandemie vorgingen, aber auch, wie sie ihre Wünsche für die Zukunft jenseits ihrer eignen Bedürfnisse und gesundheitlichen Einbußen in Bezug auf nachfolgende Generationen formulierten (z.B. globaler Frieden, Umweltschutz).

Im Vortrag werden die widerständigen Positionierungen der Bewohner*innen im Umgang mit Kontaktregeln als auch in der Beurteilung der Pandemie im Vergleich zu biographisch Erlebtem als Gegennarrativ zum mächtigen Narrativ der Risikogruppe interpretiert. Molly Andrews (2017) beschreibt Gegennarrative als Form von Widerstand und Handlungsmächtigkeit für Personen in gesellschaftlich marginalisierten Positionen, was auf Bewohner*innen von Pflegeheimen zutrifft. In einem zweiten Schritt werden die Zukunftsperspektiven der Bewohner*innen durch das Alternsmodell der „Eco Elders“ von Harry Moody (2009/10) betrachtet, um ihre Bedürfnisse nach Generativität und gesellschaftlicher Veränderung nachzuzeichnen. Diese konzeptionelle Einbettung der Daten verdeutlicht, dass zwischen gesellschaftlichen Zuschreibungen an das pflegebedürftige Alter und individuellen Bedeutungszuschreibungen unterschieden werden muss. Dieses Verständnis von Handlungsmächtigkeit ist ein Grundstein der sozialen Gerontologie, das aber im Kontext von Pflege unter Pandemiebedingungen ausgehebelt wurde. Die widerständigen Positionierungen der befragten Bewohner*innen machen sichtbar, welchen Schaden die Auswirkungen der Pandemie auf die noch jungen Bestrebungen hin zu Teilhabe und persönlicher Freiheit im Pflegekontext angerichtet haben.

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09:40
Rebellische Alte? - Impfbereitschaft und -ablehnung während der Covid-19 Pandemie
S16-12-3 

T. Heidinger, K. Lehner, V. Gallistl, F. Kolland; Wien/A, Krems/A

Fragestellung: Die Covid-19 Impfung gilt als Schlüssel zur Eindämmung der Virustransmission und ist daher zentraler Teil der gesellschaftspolitischen Diskussionen in Zeiten der Pandemie. Laut Umfragen zeigen ältere Personen eine höhere Impfbereitschaft als jüngere, wobei eine differenzierte Betrachtung der Impfeinstellung innerhalb der älteren Bevölkerungsgruppen bislang eher ausblieb. Vor dem Hintergrund der Heterogenität des Alter(n)s verfolgt der vorliegende Beitrag das Ziel, eine Typologie der Impfbereitschaft und -ablehnung im Alter auszuarbeiten und diese anhand empirischer Daten sozialstrukturell zu verorten.

Methode Auf Basis der Daten einer ein 2021 durchgeführten, repräsentativen Telefonbefragung der niederösterreichischen Bevölkerung über 60 Jahren in Privathaushalten (n=808) arbeitet der Beitrag detaillierte Motivlagen zur Bereitschaft und Ablehnung der Covid-19 Schutzimpfung im Alter heraus und verortet diese mittels Clusteranalyse im sozialstrukturellen Raum. Dafür werden durch Faktorenanalysen unterschiedliche Faktoren der Impfbereitschaft und -ablehnung identifiziert und mittels Clusteranalyse sozialstrukturell verortet.

Ergebnisse: Die Daten verdeutlichen eine erhebliche Heterogenität älterer Bevölkerungsgruppen bezüglich ihrer Bereitschaft zur Covid-19 Schutzimpfung. Während 75% der Befragten impfbereit sind, geben 12% an, eine solche Impfung abzulehnen. 50% der älteren Impfskeptiker*innen nennen Sicherheitsbedenken als Grund. Eine besonders niedrige Impfbereitschaft findet sich unter jüngeren Befragten (60-69 Jahre), sowie unter Personen mit einer höheren Schulbildung. Deutlich machen die Daten hierbei auch einen Transfereffekt zu anderen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19, da Personen mit Impfablehnung signifikant häufiger angeben, sich nicht an andere Schutzmaßnahmen (z.B. Social Distancing) zu halten.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse verdeutlichen ein überaus heterogenes Bild der Impfbereitschaft im Alter: So werden nicht nur sozialstrukturelle Unterschiede zwischen impfbereiten und nicht-impfbereiten älteren Menschen festgestellt, es werden auch implizite Beweggründe, sowie Differenzen im Verhalten während der Pandemie deutlich. Auf Basis dieser Daten skizziert der Beitrag abschließend unterschiedliche Impf-Typen im Alter, wobei ein Fokus nicht nur auf die differenzierte Betrachtung der Impfbereiten gelegt wird, sondern auch diskutiert wird, inwiefern sich Ablehnung und Widerständigkeiten gegen die Impfung erklären lassen.

10:00
„Also, wir haben auch ganz viele Bewohner, die sagen: "Nehmt jetzt euren Maulkorb endlich ab!" - Perspektiven von Pflegekräften und Mitarbeitenden in pandemischen Zeiten
S16-12-4 

J. Weigt, C. Apfelbacher, F. König, A. Eich-Krohm; Magdeburg, Brandenburg an der Havel

Hintergrund: Die massiven Auswirkungen der sozialen und politischen Maßnahmen der Covid-19-Pandemie zeigen sehr deutlich bereits bekannte Herausforderungen hinsichtlich des Pflegenotstandes im Setting der pflegerischen Langzeitversorgung. Pflegeheime entwickeln sich zum „gefährlichen Vakuum“ und Bewohner*innen in der vollstationären Langzeitversorgung werden in diesem Kontext zu Protagonist*innen einer „sozialen Tragödie“ (Sönnichen/Meyer 2021: 26).  Im kooperativen Projekt CoronaCare wird unter anderem die Perspektive der Mitarbeitenden in der Langzeitversorgung erforscht und wie sie den pandemischen Pflegealltag gestalten.

Methode: Die Datenbasis besteht aus 20 leitfadengestützten qualitativen Telefoninterviews mit Heimleitenden, Pflegepersonal und Bewohner*innen in der Langzeitversorgung. Dabei wurden Mitarbeitende (n=11) und Bewohner*innen (n=9) im Sample berücksichtigt. Die Datenanalyse wurde computergestützt durchgeführt und anhand der GMT analysiert.

Ergebnisse: Die ad hoc-Umsetzung von Hygienemaßnahmen, Abstandsregularien, Ausfall von Gruppenaktivitäten sowie die Aussetzung von Besuchen durch An-und Zugehörige führten dazu, dass Pflegekräfte Bewältigungsstrategien entwickelten, um einen pandemischen Pflegealltag zu gestalten. Krisenstäbe wurden ausgebaut oder aufgrund der Pandemie überhaupt erst gegründet. Die emotionalen und psychischen Belastungen stehen entstandenen Gewöhnungseffekten gegenüber. Mit dem Bild „Wir sitzen alle in einem Boot“ wird eine Abhängigkeit sichtbar, im Notfall unter den Mitarbeitenden zusammenzuhalten.

Diskussion: Der pflegerische Alltag birgt Gefahren die Bewohner*innen zu kategorisieren. Aufgrund des „Dichotomisierungseffektes“ schleichen sich Bewältigungsmuster ein, die den Umgang mit der Bewohner*innengruppe der „Fitten“ und denen der „Unorientierten“ verstärken. Zu diskutieren gilt, wie diese Tendenzen im Pflegealltag ausbalanciert werden können.

Diskutant: F. Kolland, Wien/A

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