Donnerstag, 16.09.2021

15:30 - 17:00

Raum 6

S16-46

Übergänge und Gestaltungsmöglichkeiten

Moderation: S. Kamin, Nürnberg

15:30
Die Freiwilligkeit von Renteneintritten: Ein europäischer Kohortenvergleich mit Daten des SHARE
S16-46-1 

P. Stiemke, M. Heß; Mönchengladbach

Die Freiwilligkeit von Renteneintritten ist von großer Bedeutung für Gesundheit und Lebensqualität. Freiwillige bzw. unfreiwillige Rentenübergänge sind von individuellen, betrieblichen und sozialstaatlichen Faktoren abhängig. Diese Faktoren haben sich in Europa in den vergangenen Jahrzehnten verändert, beispielsweise durch die Einschränkungen von Frühverrentungspfaden. Es ist jedoch unbekannt, ob sich in der Konsequenz auch die Freiwilligkeit von Rentenübergängen gewandelt hat.

Das Forschungsprojekt untersucht diesen Komplex in zwei Schritten: Eine systematische Literaturrecherche identifiziert Faktoren auf der Mikro-, Meso- und Makroebene, die mit der Freiwilligkeit des Renteneintritts in Zusammenhang stehen. Es konnten 12 Studien identifiziert werden, die sich mit diesen Determinanten beschäftigen. So haben beispielsweise Faktoren wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Ausstiegsweg aus dem Arbeitsmarkt, Branche oder Kündigungsschutzgesetze einen Einfluss auf die Freiwilligkeit des Ruhestands.

Im folgenden Schritt wird der Einfluss dieser Faktoren auf "unfreiwillige" (z.B. aufgrund einer Entlassung), "freiwillige" (z.B. um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen) oder "neutrale" (z.B. aufgrund der gesetzlichen Altersgrenze) Übergänge in den Ruhestand auf Basis des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) untersucht. Die Analyse umfasst 10 europäische Länder (Österreich, Deutschland, Schweden, Spanien, Italien, Frankreich, Dänemark, Griechenland, Schweiz und Belgien) und differenziert zwischen zwei Renteneintrittskohorten (1994-2004 und 2005-2015).

Wir schätzten mehrstufige, verallgemeinerte Strukturgleichungsmodelle mit den Ländern auf der oberen und Individuen auf der unteren Ebene. Die Ergebnisse zeigen, dass in der jüngeren Ruhestandskohorte der Anteil derer, die ihren Ruhestand als "neutral" erleben, zwischen den Kohorten zugenommen hat, während der Anteil der "unfreiwillig" und "freiwillig" Verrenteten abgenommen hat. Auf der individuellen Ebene finden wir, dass Geschlecht und sozioökonomischer Status mit der Freiwilligkeit des Renteneintritts korrelieren. Auf der Unternehmensebene korrelieren die Branche und die Betriebszugehörigkeit und auf der Makroebene die Wirtschaftsleistung und die Arbeitslosenquote mit der Freiwilligkeit des Renteneintritts.

15:50
Soziale Unterstützung und Lebenszufriedenheit bei älteren vulnerablen Menschen in Deutschland
S16-46-2 

A. Mergenthaler, F. Micheel, V. Cihlar; Wiesbaden

Hintergrund: Vulnerabilität im höheren Erwachsenenalter zeigt sich in mehreren Lebensbereichen. Eine solche kumulative Vulnerabilität, die durch ein niedriges Niveau individueller Ressourcen (vor allem Gesundheit und sozioökonomischer Status) gekennzeichnet ist, wurde bisher nur unzureichend untersucht. Sie stellt jedoch ein potenzielles Risiko für eine geringe Lebenszufriedenheit älterer Menschen dar. Soziale Unterstützung könnte in diesem Zusammenhang als Schutzfaktor fungieren, der materielle und gesundheitsbezogene Vulnerabilität im höheren Erwachsenenalter abschwächt.

Methode: Die empirischen Analysen basieren auf dem „Gesundheit in Deutschland aktuell“-Datensatz (GEDA 2014/2015-EHIS), einer bundesweiten Gesundheitsbefragung in Deutschland (N=24.016). Die Analysestichprobe ist auf Personen im Alter von 65 Jahren und älter beschränkt. Befragte mit niedrigem sozioökonomischem Status und (sehr) schlechtem Gesundheitszustand (vulnerable Gruppe; nvul=136) und Personen mit mittlerem oder hohem sozioökonomischem Status und mittlerem, gutem oder sehr gutem Gesundheitszustand (nicht-vulnerable Gruppe; nnvul=4.906) bilden die Untersuchungsgruppen. Lineare Regressionsmodelle untersuchen den Zusammenhang von sozialer Unterstützung, Selbstwirksamkeit, Familienstand und depressiven Symptomen mit der Lebenszufriedenheit in beiden Gruppen.

Ergebnisse: Soziale Unterstützung ist in beiden Gruppen ein positiver Prädiktor für die Lebenszufriedenheit. Allerdings ist der Effekt in der vulnerablen Gruppe wesentlich stärker. Vulnerable Personen, die hohe soziale Unterstützung erfahren, zeigen einen mehr als doppelt so hohen Effekt auf die Lebenszufriedenheit im Vergleich zu niedriger sozialer Unterstützung als die nicht-vulnerable Gruppe (βvul=2.18; p<0.001; βnvul=0.92; p<0.001). 

Schlussfolgerung: Vulnerable ältere Menschen, die lediglich über ein kleines, wenig belastbares soziales Netzwerk verfügen und für die es aufgrund physischer und sozioökonomischer Benachteiligungen schwierig ist, Zugang zu praktischer Hilfe zu erhalten, benötigen zusätzliche externe soziale Unterstützung, um ein hohes Maß an Lebenszufriedenheit zu erreichen.

16:10
Einsamkeit in der Übergangsphase in den Ruhestand und die Rolle der Paarbeziehung
S16-46-3 

V. Cihlar, A. Reinwarth, S. Lippke; Wiesbaden, Bremen

Fragestellung: Durch den Wegfall sozialer Rollen in der Übergangsphase in den Ruhestand gewinnt die Paarbeziehung an Bedeutung für die Übereinstimmung von gewünschten und realisierten Sozialbeziehungen älterer Menschen. Partnerlosigkeit kann mit einem erhöhten Risiko für Einsamkeit einhergehen. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, ob Partnerschaft in der Übergangsphase in den Ruhestand allgemein negativ mit Einsamkeit korreliert ist oder ob eher die Qualität der Partnerschaft ein entscheidendes Kriterium darstellt.

Methodik: Die empirische Untersuchung basiert auf Querschnittsdaten der dritten Welle Transitions and Old Age Potential und beinhaltet Personen im Alter von 60 bis 77 Jahren (N=1.550). Die UCLA Loneliness Scale wird als abhängige Variable in einer schrittweisen linearen Regressionsanalyse in fünf Modellen verwendet, um den Vorhersagewert von Partnerschaftsqualität für Einsamkeit unter Kontrolle von soziodemografischen, sozioökonomischen und lebensstilrelevanten Variablen zu analysieren. Partnerschaftsqualität wurde anhand der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partnerschaft erfasst.

Ergebnisse: Eine Partnerschaft ohne häufige Meinungsverschiedenheiten weist gegenüber keiner Partnerschaft einen deutlich verringerten Wert von Einsamkeit auf (β=-0,155; p<0,001). Demgegenüber hat eine Partnerschaft mit häufigen Meinungsverschiedenheiten keinen Vorteil gegenüber dem Zustand, partnerlos zu sein (β=0,002; p=0,951). Außerdem zeigt sich, dass Partnerschaftsqualität auch unter Berücksichtigung von finanziellen, gesundheitlichen und persönlichkeitsbezogenen Ressourcen einen signifikanten Zusammenhang mit Einsamkeit aufweist.

Zusammenfassung: Die Ergebnisse weisen auf die Bedeutung der Paarbeziehung in der Übergangsphase in den Ruhestand hin. Sollten in dieser Lebensphase Einsamkeitsgefühle auftreten, könnte eine hohe Beziehungsqualität eine Pufferwirkung entfalten. Bestehen jedoch häufig Meinungsverschiedenheiten, vermag die Partnerschaft die Einsamkeit nicht zu beeinflussen. Beratungsangebote, die speziell auf die Partnerschaft im Alter zugeschnitten sind, könnten eine wirksame Maßnahme sein, um Einsamkeit im Alter vorzubeugen.

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16:30
Gemeinschaftliche Wohnprojekte als Orte sinnstiftenden Wohnens in der zweiten Lebenshälfte
S16-46-4 

H. Müller; Darmstadt

Wohnen rückt in Zeiten von Wohnungsknappheit, Lockdown und barrierefreiem Bauen verstärkt in das gesellschaftliche Interesse. Psychologische Bedeutungen von Wohnen und damit verbundene Potenziale – auch und insbesondere – im höheren Alter sind jedoch noch wenig erforscht. Bisher liegen dazu außerdem vorrangig qualitative Studien vor. Ein solches Potenzial des Wohnens ist Sinnerleben, das sich im Zusammenhang mit Wohnkonstellationen und Wohnaktivitäten ergeben kann. Der Beitrag zeigt, wie basierend auf Theorien der Ökogerontologie, der Entwicklungspsychologie und der Logotherapie ein Modell zu Sinnstiftendem Wohnen erarbeitet wurde. Ausgehend davon wurde ein Fragebogen zur quantitativen Erfassung von Sinnstiftendem Wohnen entwickelt und im Feld gemeinschaftlicher Mehrgenerationen-Wohnprojekte erfolgreich erprobt. Die Befragung von N = 25 Personen im Alter von 55-75 Jahren vor und nach ihrem Umzug in ein gemeinschaftliches Mehrgenerationen-Wohnprojekt zeigte, dass die Befragten das eigene Wohnen im Wohn­projekt stärker als sinnstiftend erlebten als zuvor. Das heißt, die Umgezogenen hatten stärker das Gefühl, dass Andere im Wohnumfeld von ihren Fähigkeiten profitieren konnten. Gleichzeitig empfanden sie, dass ihr Wohnumfeld es ihnen erleichterte, sich selbst zu verwirklichen. Abschließend wird diskutiert, inwiefern Sinnstiftendes Wohnen auch in anderen Zusammenhängen als psychologisches Konzept für das Wohnen im höheren Alter fruchtbar gemacht werden kann.

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