Donnerstag, 16.09.2021

15:30 - 17:00

Raum 5

S16-45

Sterben und Tod ein Tabuthema – Was bedeutet das für Palliative Care?

Moderation: V. Gerling, Dortmund

In den vergangenen Jahren zeichnet sich eine Verlagerung des Sterbens von der eigenen privaten Häuslichkeit hin zu professionellen Institutionen ab. Neben Krankenhäusern sind vor allem stationäre Pflegeeinrichtungen die Orte, an denen in Deutschland die meisten Menschen versterben. Infolge solcher Entwicklungen stehen Pflegeheime vor neuen Herausforderungen. Um diesen gerecht zu begegnen, ist ein offener Dialog und Umgang mit dem Thema Sterben und Tod erforderlich. Jedoch ist das Lebensende noch immer ein Tabuthema.

Wie wird mit Sterben und Tod im Kontext stationärer Pflegeeinrichtungen umgegangen und was bedeutet dies für die hospizliche Begleitung und palliative Versorgung? Diese Fragestellungen werden im Symposium aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und diskutiert. Dabei sollen in den vorgesehenen Beiträgen des Symposiums sowohl Ergebnisse des Projekts „Hospizliche Begleitung und palliative Versorgung in der stationären Pflege – Stand und Entwicklungsperspektive“ (gefördert durch: Stiftung Wohlfahrtspflege NRW; Laufzeit 06/2019-05/2022) als auch Erfahrungen aus der Praxis vorgestellt werden.

Der erste Beitrag von Bußmann und Pomorin beschäftigt sich mit den psychischen Arbeitsbelastungen bei der Begleitung von Pflegeheimbewohner*innen in der letzten Lebensphase, die sich für die Mitarbeiter*innen von stationären Einrichtungen ergeben. Der sich daran anschließende Vortrag von Gerling, Lechtenfeld und Teichmüller nimmt die Perspektive der Bewohner*innen von Pflegeheimen und ihren An- und Zugehörigen ein und analysiert, wie mit dem Thema Lebensende und Tod umgegangen wird und welche Wünsche für das Lebensende bestehen. Nottebohm stellt in ihrem Beitrag Erfahrungen aus der Praxis vor und berichtet von Beispielen gelungener Netzwerkarbeit im Kontext von palliativer Versorgung und hospizlicher Begleitung. Der abschließende Beitrag von Behler fokussiert die Organisationsethik im Kontext von palliativer und hospizlicher Begleitung.

15:30
Sterben und Tod ein Tabuthema – Psychische Arbeitsbelastungen bei der Begleitung von Pflegeheimbewohner*innen in der letzten Lebensphase aus der Mitarbeiterperspektive
S16-45-1 

A. Bußmann, N. Pomorin; Essen

Fragestellung: Die Mitarbeitenden spielen in der hospizlich-palliativen Versorgung in Pflegeheimen eine entscheidende Rolle. In dem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern insbesondere der Umgang mit dem Thema Sterben und Tod in der Praxis zu psychischen Belastungen führt, die nicht nur die Gesundheit der Mitarbeitenden gefährden, sondern sich auch negativ auf die Lebensqualität der Bewohner*innen auswirken können. 

Methodik: Mit dem Fokus auf die Identifizierung des psychischen Belastungsempfindens dieser Arbeitssituation, wurden leitfadengestützte Interviews mit zehn Mitarbeitenden zweier Pflegeheime geführt. Zusätzlich nahmen 55 Pflegekräfte selbiger Einrichtungen an einer Befragung mittels Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ) teil (Beteiligungsquote: 59 %).

Ergebnisse: Insbesondere die „Emotionalen Anforderungen“ ihrer Arbeit empfinden die Mitarbeitenden als starke psychische Belastung. Im Zuge der COPSOQ-Befragung wurden sie mit einem Mittelwert von 77 und 76 in den Einrichtungen deutlich über dem Durchschnitt aller Befragten in Deutschland (M=55) bewertet. Die Skala emotionaler Anforderungen umfasst, inwieweit die Arbeit beinhaltet, sich mit den persönlichen Problemen anderer Menschen zu beschäftigen (M=79,1; SD= 3,0; SE=: 22,4) und ob sie als emotional fordernd eingeschätzt wird (M=74,1; SD=2,7; SD= 20,4). Auch im Rahmen der Interviewerkenntnisse wird die Versorgung und Begleitung sterbender Bewohner*innen und die Konfrontation mit dem Tod als kraftraubende Tätigkeit bewertet. Dabei wirken vor allem geringe zeitliche Ressourcen für die Begleitung der Bewohner*innen in der letzten Lebensphase als besonders emotional belastend.

Zusammenfassung: Mitarbeitende in Pflegeheimen spielen eine entscheidende Rolle in der hospizlich-palliativen Versorgung. Befragungen zeigen, dass die Arbeit im Umgang mit Sterben und Tod zu einem starken psychischen Belastungsempfinden der Mitarbeitenden führt. Dabei geht die Begleitung sterbender Bewohner*innen insbesondere mit deutlich erhöhten emotionalen Arbeitsanforderungen der Mitarbeitenden einher. 

15:50
Sterben und Tod – ein Tabuthema. Empirische Ergebnisse aus der Perspektive von Pflegeheim-Bewohner*innen und ihren An- und Zugehörigen
S16-45-2 

V. Gerling, S. Lechtenfeld, A.-K. Teichmüller; Dortmund

Pflegeheime sind nach dem Krankenhaus der Ort, an dem in Deutschland die meisten Menschen versterben. Durch die Verlagerung des Sterbens aus dem häuslichen Umfeld in Organisationen erfolgt zunehmend eine Mitgestaltung durch professionelle Versorgungssysteme. Den stationären Einrichtungen kommt in der Versorgung von Menschen am Lebensende eine zunehmende Bedeutung zu. Für sie ergibt sich eine besondere Herausforderung eine qualifizierte hospizliche und palliative Versorgung am Lebensende zu gewährleisten. Jedoch erfahren Bewohner*innen bisher nicht verlässlich die hospizliche Begleitung und palliative Versorgung, wie sie diese benötigen. Das Thema Sterben und Tod ist noch immer ein Tabuthema in der Gesellschaft, was sich hemmend auf die Strukturen einer angemessenen hospizlichen Begleitung und palliativen Versorgung auswirken kann. Im Projekt „Hospizliche Begleitung und palliative Versorgung in der stationären Pflege – Stand und Entwicklungsperspektive“ (gefördert durch: Stiftung Wohlfahrtspflege NRW; Laufzeit 06/2019-05/2022) wurden Bewohner*innen in zwei Pflegeeinrichtungen sowie An- und Zugehörige im Rahmen einer Ist-Soll-Analyse in leitfadengestützten persönlichen Interviews befragt. Neben Wünschen und Erwartungen an die hospizliche Begleitung und palliative Versorgung am Lebensende standen auch die Thema Sterben und Tod im Fokus. Dabei ergeben sich u.a. folgende Fragestellungen: Wie gehen Bewohner*innen stationärer Einrichtungen und Zugehörige mit dem Thema Lebensende und Tod um? Welche Wünsche bestehen für das Lebensende? Die Ergebnisse bilden eine Grundlage für die Konkretisierung eines Maßnahmenkatalogs, der das Personal der stationären Pflege möglichst passgenau in der hospizlichen Begleitung und palliativen Versorgung unterstützen soll. Im Rahmen des Beitrags werden Ergebnisse vorgestellt und diskutiert.  

16:10
Sterben und Tod besprechbar machen – Was kann Netzwerkarbeit leisten?
S16-45-3 

H. Nottebohm; Essen

Die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland setzt in ihren Leitsätzen eine hohe Messlatte in Bezug auf die palliativen Versorgungs- und hospizlichen Begleitungsangebote. Sie fordert dazu auf, dass die Interessenslagen der unterschiedlichen Akteure rund um den schwerkranken, sterbenden Menschen und seine An- und Zugehörigen - im Sinne von Palliative Care - zusammengeführt werden. Öffentliche Kommunikation fördern, Vernetzung von Versorgungsstrukturen vorantreiben und Versorgungskontinuität sicherstellen sind Kernelemente der Charta und Kennzeichen gelingender Netzwerkarbeit.  Am Beispiel der Netzwerkarbeit in der Stadt Essen (NRW), die als Kommune die Charta im Jahr 2015 unterzeichnet hat, werden Beispiele gelungener Netzwerkarbeit im Kontext von palliativer Versorgung und hospizlicher Begleitung skizziert. Thematisch erfolgt dabei eine Eingrenzung in Bezug auf die Auswirkungen auf den Bereich der stationären Altenhilfe. Insbesondere die Enttabuisierung des Sterbens über Formen der Kommunikation findet in der Beispielauswahl Berücksichtigung. Neben der Ebene des Individuums, des Bewohners/der Bewohnerin, werden die Pflegeeinrichtung als Organisation und die Kommune als Mitgestalter der Netzwerke einbezogen.  Das Projekt „Hospizliche Begleitung und palliative Versorgung in der stationären Pflege – Stand und Entwicklungsperspektive“ (gefördert durch: Stiftung Wohlfahrtspflege NRW; Laufzeit 06/2019-05/2022) hat seinen Ursprung im Netzwerk Palliativmedizin Essen (Arbeitskreis stationäre Alten- und Behindertenhilfe & Hospize) und die Ergebnisse der Forschungsinstitute werden dort gemeinsam reflektiert. Erste erkennbare Auswirkungen des Projektes auf die Netzwerkarbeit fließen in die Vorstellung der Praxisbeispiele ein. 

16:30
Überwindung der ethischen Naivität in Organisationen - oder Organisationen brauchen Ethik und nicht (nur) die Menschen. Erfahrungen aus Projekten in der stationären Altenhilfe
S16-45-4 

T. Behler; Essen

Ethik und Sinn in Organisationen sind Inhalte vieler wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Geht man davon aus, dass Ethik und Sinn in der Unternehmensrealität nicht ausschließlich Marketingzwecken dienen, sollen sie eine Orientierungshilfe für die Mitarbeitenden sein. Normative Ansprüche an das „gute“ Handeln und Entscheiden in Organisationen sind in Satzungen, Gesellschaftsverträgen, Stiftungsurkunden etc. als Primary Tasks beschrieben. Diese werden oft konterkariert im Handeln und Entscheiden in der Alltagspraxis von Organisationen.

Ethik als individuelle Verantwortung reicht in der Regel nicht aus, sondern es braucht soziale, fachliche, interdisziplinäre und organisationsbezogene Weiterungen. In besonderer Weise trifft dies auf medizinische und pflegerische Organisationen und auf Fragestellungen, die sich im Rahmen palliativer und/oder hospizlicher Begleitung und Beratung ergeben, zu.

Dabei kann und wird sich Organisationsethik nicht ausschließlich auf die Fragestellungen dieses Symposiums im engeren Sinn beziehen, sondern muss nachhaltig in die DNA der gesamten Organisation implementiert werden. Es geht also nicht um die Organisation der Ethik in Strukturen, sondern um die Durchdringung der Organisation. Ethische Selbstreflexion und ethische Entscheidungen in und von Organisationen benötigen eigene Verhandlungs- und Organisationsformen.

Dabei ergeben sich u.a. folgende Fragestellungen: Wie kann Ethik in Organisationen verankert und auf die normative Ebene der Primary Tasks als ein Entscheidungskriterium gebracht werden? Wie kann der Perspektivenwechsel von der individuellen/gruppenbezogenen Ebene der Ethikkomitees auf die organisationale Ebene gelingen? Wie können Brüche zwischen Ethikberatung, Ethikkomitees und organisationalen Entscheidungsträgern innerhalb von Organisationen überwunden werden? Es wird der Versuch unternommen diese Fragestellungen für Organisationen der stationären Pflege auf der Basis unterschiedlicher Projekterfahrungen zu reflektieren und zu beantworten. 

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