Donnerstag, 16.09.2021

09:00 - 10:30

Raum 7

S16-17

Sprache, Diversität und Pflege

Moderation: E. Olbermann, Dortmund

09:00
Kann eine Altenpflegeeinrichtung die Probleme sprachlicher und religiöser Heterogenität lösen?
S16-17-1 

M. Kolkmann; Dortmund

Hintergrund: Im Zuge des demografischen Wandels werden auch immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund pflegebedürftig, vor allem die Menschen, die als sogenannte Gastarbeiter*innen unter anderem aus der Türkei nach Deutschland kamen. Für stationäre Altenpflegeeinrichtungen bedeutet diese zunehmende Diversität, dass sie sich stark auf eine Heterogenität von Bedürfnislagen einstellen müssen, insbesondere in Bezug auf Sprache und Religionsausübung. Mit dieser neuen Heterogenität gehen für Bewohner*innen, Mitarbeiter*innen und die Organisation neue Herausforderungen einher: sprachliche Verständigungsschwierigkeiten sowie die Beachtung religiöser Bedürfnisse von Menschen muslimischen Glaubens. Dies führt zur der Forschungsfrage: „Kann eine Altenpflegeeinrichtung die Probleme sprachlicher und religiöser Heterogenität lösen?“.

Methode: Es werden die Lösungsstrategien einer stationären Altenpflegeeinrichtung für die genannten Probleme dargestellt und analysiert. Dafür wurden drei Expertinneninterviews mit Mitarbeiterinnen verschiedener Organisationsebenen der Einrichtung durchgeführt und mithilfe der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.

Ergebnisse: Vor allem Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund lösen in der untersuchten stationären Altenpflegeeinrichtung viele Probleme. Im Rahmen der interkulturellen Öffnung können diese Mitarbeiter*innen durch ihre Mehrsprachigkeit und Bereitschaft für andere Mitarbeiter*innen zu übersetzen, die sprachliche Barriere zu den Bewohner*innen abbauen. Sie sind auch hilfreiche Informationsträger*innen von religionsspezifischem Wissen, auf welches sich die Einrichtung verlässt.

Diskussion und Fazit: Die ad-hoc Übersetzungen von Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund stellen allerdings eine zusätzliche Belastung dieser Personen dar, die nicht kompensiert wird. Die Lösungsstrategien in der Einrichtung sind von der Organisation weitestgehend ungesteuerte, individuelle Lösungen der Mitarbeiter*innen. Eine von einer Altenpflegeeinrichtung gesteuerte Lösungsstrategie kann erfolgreich sein durch eine hohe Diversität der Mitarbeiter*innenschaft sowie Konzepte der kultursensiblen Pflege und die Schulungen der Mitarbeiter*innen dahingehend.

09:20
Sorgen in Bezug auf Pflegebedürftigkeit – Eine Frage des (gefühlten) Alters?
S16-17-2 

F. Fischer, C. Boscher, L. Raiber, J. Steinle, M. H.-J. Winter; Weingarten

Hintergrund: Im Zuge des demografischen Wandels werden auch immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund pflegebedürftig, vor allem die Menschen, die als sogenannte Gastarbeiter*innen unter anderem aus der Türkei nach Deutschland kamen. Für stationäre Altenpflegeeinrichtungen bedeutet diese zunehmende Diversität, dass sie sich stark auf eine Heterogenität von Bedürfnislagen einstellen müssen, insbesondere in Bezug auf Sprache und Religionsausübung. Mit dieser neuen Heterogenität gehen für Bewohner*innen, Mitarbeiter*innen und die Organisation neue Herausforderungen einher: sprachliche Verständigungsschwierigkeiten sowie die Beachtung religiöser Bedürfnisse von Menschen muslimischen Glaubens. Dies führt zur der Forschungsfrage: „Kann eine Altenpflegeeinrichtung die Probleme sprachlicher und religiöser Heterogenität lösen?“.

Methode: Es werden die Lösungsstrategien einer stationären Altenpflegeeinrichtung für die genannten Probleme dargestellt und analysiert. Dafür wurden drei Expertinneninterviews mit Mitarbeiterinnen verschiedener Organisationsebenen der Einrichtung durchgeführt und mithilfe der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.

Ergebnisse: Vor allem Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund lösen in der untersuchten stationären Altenpflegeeinrichtung viele Probleme. Im Rahmen der interkulturellen Öffnung können diese Mitarbeiter*innen durch ihre Mehrsprachigkeit und Bereitschaft für andere Mitarbeiter*innen zu übersetzen, die sprachliche Barriere zu den Bewohner*innen abbauen. Sie sind auch hilfreiche Informationsträger*innen von religionsspezifischem Wissen, auf welches sich die Einrichtung verlässt.

Diskussion und Fazit: Die ad-hoc Übersetzungen von Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund stellen allerdings eine zusätzliche Belastung dieser Personen dar, die nicht kompensiert wird. Die Lösungsstrategien in der Einrichtung sind von der Organisation weitestgehend ungesteuerte, individuelle Lösungen der Mitarbeiter*innen. Eine von einer Altenpflegeeinrichtung gesteuerte Lösungsstrategie kann erfolgreich sein durch eine hohe Diversität der Mitarbeiter*innenschaft sowie Konzepte der kultursensiblen Pflege und die Schulungen der Mitarbeiter*innen dahingehend.

09:40
Hängt Elderspeak mit klinischen Outcomes von kognitiv beeinträchtigten und kognitiv unbeeinträchtigten älteren Patienten im Akutkrankenhaussetting zusammen?
S16-17-3 

E.-L. Schnabel, A. Schönstein, A. Borlinghaus, T. Schmidt, H.-W. Wahl; Amberg, Heidelberg, Mannheim

Fragestellung: Obwohl die negativen Effekte von Elderspeak auf das Wohlbefinden und die Gesundheit älterer Menschen vielfach berichtet wurden, mangelt es an Untersuchungen im Akutkrankenhaussetting. Die vorliegende Studie untersuchte erstmalig die Verwendung von Elderspeak durch Pflegefachkräfte gegenüber kognitiv beeinträchtigten und kognitiv unbeeinträchtigten älteren Patienten im Akutkrankenhaussetting und dessen Zusammenhang mit klinischen Outcomes. Die Studie zeichnet sich dadurch aus, dass neben der „klassischen“ psycholinguistischen Analyse neuartige Ansätze der Computerlinguistik zum Einsatz kamen und auch sprachliche Merkmale der Patienten berücksichtigt wurden.

Methode: Basierend auf einem „Mixed-methods“-Ansatz wurden manuelle Kodiervorgänge mit computergestützten Analysen kombiniert. Als Datengrundlage dienten Tonaufnahmen von Interaktionen zwischen 105 älteren Patienten (49% mit schwerer kognitiver Beeinträchtigung) und 34 Pflegefachkräften, die innerhalb eines allgemeinen versus geriatrischen Akutkrankenhaussettings erhoben wurden. Die psycholinguistischen Merkmale von Elderspeak wurden reliabel kodiert (Cohen’s Kappa = .85 – .97). Um die positive/negative Valenz der verwendeten Wörter zu quantifizieren, wurde eine computergestützte Sentiment-Analyse anhand des SentimentWortschatz (SentiWS) der Universität Leipzig durchgeführt. Klinische Outcomes der prospektiven Kohorte waren die Verweildauer im Krankenhaus, Veränderungen im funktionellen Status und die 1-Jahres-Mortalität.

Ergebnisse: Vorläufige Ergebnisse der Regressionsanalysen konnten keine Effekte zwischen den Elderspeak-Merkmalen und den klinischen Outcomes zeigen. Interessanterweise zeigte sich jedoch, dass die Sprechgeschwindigkeit (Wörter pro Minute) der Patienten die 1-Jahres-Mortalität vorhersagte, selbst wenn für das Akutkrankenhaussetting, den funktionellen sowie den kognitiven Status kontrolliert wurde (HR = .99, 95% CI = .97−1.00, p = .04). Eine höhere Sprechgeschwindigkeit war demnach assoziiert mit einer niedrigeren Mortalitätswahrscheinlichkeit.

Schlussfolgerung: Unseres Wissens nach ist dies die erste Arbeit, die den Zusammenhang zwischen Elderspeak und klinischen Outcomes im Akutkrankenhaussetting beleuchtet. Vor allem temporale linguistische Parameter der Patienten könnten eine besondere Rolle in der Prädiktion von harten Endpunkten spielen.

10:00
Diversitätssensible Versorgung in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen – eine postalische Querschnittsstudie
S16-17-4 

M. Mader, F. Erdsiek, T. Aksakal, D. Padberg, Y. Yilmaz-Aslan, S. Probst, O. Razum, P. Brzoska; Bielefeld, Witten

Fragestellung: Ziel dieser Querschnittsstudie war es zu erfassen, in welchem Umfang diversitätssensible Strategien in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland eingesetzt werden und welche Faktoren deren Umsetzung beeinflussen.

Methodik: Es wurden Verwaltungsleitungen einer 5%-Zufallsstichprobe aller 14.740 ambulanten und 15.520 stationären Pflegeeinrichtungen in Deutschland postalisch befragt. Der eingesetzte Fragebogen berücksichtigte mehrere Ebenen diversitätssensibler Versorgung und darauf ausgerichteter Maßnahmen: Organisations- und Kommunikationsstrukturen, Umgang mit der Diversität des Personals und von Patient*innen. Verwaltungsleitungen der Pflegeeinrichtungen wurden gebeten anzugeben, ob einzelne Strategien und Maßnahmen umgesetzt sind, geplant sind sowie wo  Implementierungsbarrieren liegen.

Ergebnisse: Für die deskriptive Auswertung lagen Daten von n=248 ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen vor. Mehr als 50 % der Einrichtungen halten eine diversitätssensible Ausrichtung für notwendig. Etwa 80 % sind der Ansicht, dass die diversitätssensible Ausrichtung der Pflegeeinrichtungen jeweils für die Zufriedenheit von Mitarbeiter*innen und Patient*innen relevant ist. Geeignete Maßnahmen werden vereinzelt und oft nur mit Fokus auf die Dimension Migrationshintergrund, Kultur und Religion eingesetzt. Auf organisatorischer Ebene gibt es wenige diversitätssensible Strategien. Sie beschränken sich v.a. auf das Leitbild und das Qualitätsmanagement. Barrieren für die Umsetzung diversitätssensibler Pflege liegen u.a. in fehlenden finanziellen Mitteln und Anreizen auf Seiten der Versorgungsträger.

Zusammenfassung: Die vorliegende Untersuchung zur Umsetzung diversitätssensibler Strategien in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen zeigt, dass die Verwaltungsleitungen der befragten Einrichtungen die Relevanz diversitätssensibler Versorgung anerkennen. Konkrete Maßnahmen oder Strategien im Umgang mit der Vielfalt der Patient*innen und Mitarbeiter*innen kommen jedoch nur sporadisch zum Einsatz. Der Schwerpunkt der Maßnahmen beschränkt sich dabei v.a. auf die Merkmale Kultur, Religion und Migrationshintergrund. Hindernisse bei der Implementierung einer diversitätssensiblen Versorgung gibt es v.a. auf struktureller und finanzieller Ebene.

Zurück