Freitag, 17.09.2021

14:00 - 15:30

Raum 6

S17-26

Soziale Beziehungen, gesellschaftliche Teilhabe und Alternserleben in digitalen Gesellschaften

Moderation: A. Schlomann, Heidelberg

In der Zeit der aktuellen Corona-Pandemie hat der „virtuelle“ Kontakt einen noch höheren Stellenwert im Alltag vieler Menschen eingenommen. Durch die steigende Wichtigkeit digitaler Kommunikations- und Interaktionsformen stellen sich die Fragen, inwiefern sich dies auf die Gestaltung sozialer Beziehungen im Alter auswirkt, wer von dieser Entwicklung profitiert oder wer ausgeschlossen wird und inwiefern es Zusammenhänge zwischen möglichen körperlichen, kognitiven und sozialen Einschränkungen und dem individuellen Alternserleben gibt. Diese Fragen strukturieren und leiten das Symposium. Aus verschiedenen Studien werden Perspektiven und Ergebnisse eingebracht, anhand derer die Themenbereiche soziale Teilhabe, Digitalisierung und Alternserleben diskutiert werden.

Inwiefern die Internetnutzung mit der Gestaltung von sozialen Beziehungen im höheren Alter zusammenhängt, untersucht Stefan Kamin (Erlangen-Nürnberg) auf Basis von Mehrebenenmodellen mit mehreren Erhebungswellen des DEAS. Die Ergebnisse zeigen positive Zusammenhänge zwischen der Internetnutzung und Kontakthäufigkeit sowie emotionaler Nähe in den Beziehungsnetzwerken älterer Menschen.

Alexander Seifert (Zürich/Olten) nimmt anschließend eine übergeordnete Perspektive ein und fokussiert anhand von repräsentativen Daten aus der Schweiz die subjektiv wahrgenommene digitale Ausgrenzung älterer Menschen. Die Zahl der Offliner ist bei über 65-Jährigen größer als in anderen Altersgruppen. Gleichzeitig fürchten sich einige ältere Menschen vor sozialer Ausgrenzung, wenn sie bestimmte Technologien nicht (mehr) nutzen.

Anna Schlomann (Heidelberg) untersucht die Rolle digitaler Kompetenzen und präsentiert die deutsche Adaptation des „Mobile Device Proficiency Questionnaire“. Die Skala, die nach der Übersetzung aus dem Englischen erstmalig für den Einsatz in deutschsprachigen Stichproben zur Verfügung steht und eine Einschätzung des Kompetenzlevels erlaubt, ist reliabel und valide. Das Kompetenzlevel hängt signifikant mit verschiedenen Aspekten sozialer Teilhabe zusammen.

Abschließend beleuchtet Laura Schmidt (Heidelberg), wie sich eine durch Alterssimulationsanzüge „künstlich“ herbeigeführte Alterung in einer Stichprobe gesunder Erwachsener mittleren Alters auswirkt. Die Ergebnisse der experimentellen Studie zeigen signifikant negative Effekte auf die Beurteilung von Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten im Alter sowie auf Gefühle sozialer Teilhabe, jedoch keine Auswirkungen auf allgemeine Altersstereotype.

14:00
Welchen Einfluss hat die Internetnutzung auf soziale Beziehungen im Alter?
S17-26-1 

S. Kamin; Nürnberg

Soziale Beziehungen spielen eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden im höheren Lebensalter. In diesem Zusammenhang werden häufig die Potentiale der Internetnutzung für eine verbesserte soziale Teilhabe im Alter diskutiert. Gleichwohl ist bislang wenig darüber bekannt, ob und in welchem Ausmaß die Internetnutzung mit der Gestaltung sozialer Beziehungen im höheren Lebensalter assoziiert ist. Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, inwiefern Internetnutzung mit Kontakthäufigkeit und emotionaler Nähe in den Beziehungsnetzwerken älterer Menschen verbunden ist. Zur Beantwortung dieser Frage wurden verschiedene Erhebungswellen aus dem Deutschen Alterssurvey (DEAS) ausgewertet. Dieser Datensatz enthält Informationen zur Internetnutzung sowie Angaben zu einzelnen Beziehungspartnern, die im Rahmen egozentrierter Netzwerke erfasst wurden. Die Befunde der Mehrebenenmodelle zeigen, dass die Internetnutzung positiv mit emotionaler Nähe und Kontakthäufigkeit in sozialen Netzwerken assoziiert war. Weiterhin zeigte sich der positive Effekt der Internetnutzung vor allem bei zunehmender räumlicher Distanz zu Beziehungspartnern. Diese Befunde zeigen erstmals die Potentiale der Internetnutzung für die Qualität und Funktionalität von Beziehungsnetzwerken und spezifischen soziale Beziehungen im Alter.

14:20
Welche Personengruppen fühlen sich durch die Nichtnutzung digitaler Technologien gesellschaftlich ausgeschlossen?
S17-26-2 

A. Seifert; Olten/CH

Alltagstechnologien, wie das Internet oder das Smartphone, sind allgegenwärtig. In der heutigen digital dominierten Gesellschaft können Menschen neue Formen der sozialen Ausgrenzung erfahren, wenn sie technische Geräte, die den Zugang zur digitalen Welt ermöglichen, nicht bzw. wenig nutzen. Zwar nutzen immer mehr ältere Personen auch das Internet, jedoch sind gerade ältere und technikdistante Personen besonders von einer potenziellen digitalen Ausgrenzung aus gewissen Lebensbereichen betroffen. Über diese subjektiv wahrgenommene digitale Ausgrenzung dieser Personengruppen ist allerdings nur wenig bekannt. Das Ziel dieser Studie war es, das subjektive Gefühl der digitalen Ausgrenzung zu untersuchen. Ende 2019 wurde in der Schweiz hierfür eine repräsentative Befragung in der Allgemeinbevölkerung ab 18 Jahren durchgeführt. Die Umfrage (N = 1604; Durchschnittsalter = 49 Jahre; 51 % weiblich; 22 % der gesamten Stichprobe waren 65 Jahre und älter) war als Onlineumfrage (CAWI, n = 1405) zusammen mit einer Telefonbefragung (CATI, n = 199) für Personen ohne Internetzugang konzipiert. Die Ergebnisse zeigen, dass nur 5 % der Befragten das Internet nicht nutzten; bei den über 65-Jährigen waren es jedoch 17 %. Eine beträchtliche Gruppe (17 %) älterer Erwachsener berichtete, dass sie Angst davor habe, den Kontakt zur Gesellschaft zu verlieren, wenn sie das Internet nicht mehr nutze. 37 % der Studienteilnehmer berichteten von einem subjektiven Druck, technisch auf dem neuesten Stand zu sein, um sich sozial einbezogen zu fühlen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass heutige digitale Technologien Gefühle der sozialen Ausgrenzung hervorrufen können. Diese Ausgrenzungsgefühle könnten sich in Zeiten einer weltweiten Pandemie noch deutlicher zeigen, wenn soziale Kontakte durch digitale Lösungen kompensiert werden und eine Teilhabe durch die digitale Teilhabe bedingt wird.

14:40
Deutsche Adaptation des Mobile Device Proficiency Questionnaire und Zusammenhänge mit gesellschaftlicher Teilhabe
S17-26-3 

A. Schlomann; Heidelberg

Hintergrund und Fragestellung: Der kompetente Umgang mit digitalen Technologien erscheint immer wichtiger, um gesellschaftlich zu partizipieren. Es stellen sich die Fragen, wie man das digitale Kompetenzlevel älterer Menschen zuverlässig abschätzen kann und ob sich vermutete Zusammenhänge zu verschiedenen Aspekten sozialen Teilhabe wie z.B. der Gestaltung sozialer Beziehungen oder dem Gefühl, bei fehlenden Kompetenzen gesellschaftlich abgehängt zu sein, tatsächlich nachweisen lassen. Der Mobile Device Proficiency Questionnaire (MDPQ) wurde von Roque & Boot im Jahr 2016 entwickelt und erlaubt eine differenzierte Einschätzung des Kompetenzlevels im Umgang mit mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets. Es soll überprüft werden, inwiefern eine deutsche Adaptation des MDPQ reliabel und valide ist und inwiefern Zusammenhänge mit gesellschaftlicher Teilhabe bestehen.

Methodik: Der MDPQ wurde in Zusammenarbeit mit den Entwickler:innen der Skala aus dem Englischen übersetzt. Die Skala umfasst 16 Items und ist in 8 Subdimensionen unterteilt, u.a. Kommunikation, Unterhaltung, Privatsphäre. Höhere Werte stehen für höhere Kompetenz. Der MDPQ wurde in einer Befragungsstudie (n=554, ∅-Alter: 68,7, 57% weiblich) untersucht. Weitere Maße zur Techniknutzung (Art und Häufigkeit der Nutzung verschiedener Geräte) und das chronologische Alter dienten zur Prüfung der Validität. Es wurden außerdem verschiedene Konstrukte zur Messung der gesellschaftlichen Teilhabe einbezogen (Einsamkeit, Obsoleszenz und Anomie-Erleben).

Ergebnisse: Der MDPQ erreicht eine hohe Reliabilität der Gesamtskala (α= .95) und in den Subskalen (.77 < α < .97). Erste Analysen weisen darauf hin, dass die Skala valide ist (konvergente und divergente Validität). Der MDPQ weist eine negative Korrelation mit dem Alter auf (r = -.29) und männliche Befragten berichten höhere Werte als weibliche. Die Ergebnisse zeigen weiterhin, dass Personen mit einer geringeren digitalen Kompetenz mehr Einsamkeit und mehr Gefühle gesellschaftlicher Ausgrenzung berichten.

Zusammenfassung: Die Adaptation des MDPQ hat sich als reliabel und valide erwiesen. Die Skala steht nach einer Übersetzung aus dem Englischen erstmalig für den Einsatz in deutschsprachigen Stichproben zur Verfügung. Die Befunde unterstützen darüber hinaus bestehende Erkenntnisse zum positiven Zusammenhang zwischen digitaler und gesellschaftlicher Teilhabe, die mit einem neuen Instrument gezeigt werden.

15:00
„Älterwerden bedeutet für mich, dass ich mich häufiger einsam fühle“? Eine experimentelle Studie zu Alterssimulationsanzügen und Altersbildern
S17-26-4 

L. Schmidt, A. Schlomann, T. Gerhardy, H.-W. Wahl; Heidelberg

Fragestellung: Nach der Entwicklung erster Prototypen in den 90er Jahren existieren heute verschiedene Modelle von Alterssimulationsanzügen, die beispielsweise in der Automobilbranche oder als Selbsterfahrungsmöglichkeit für helfende Berufe eingesetzt werden. Es gibt Belege, dass Teilnehmende solcher „instant aging“-Interventionen zumindest kurzfristig von einer erhöhten Empathie gegenüber Älteren berichten. Auswirkungen auf Prozesse des individuellen Alternserlebens wurden jedoch bisher nicht untersucht.

Methodik: 35 Proband*innen (Alter: M = 60.9 Jahre, SD = 6.4) wurde nach einer Aufklärung zum Prinzip der Alterssimulation ein modularisierter Alterssimulationsanzug angelegt. Nach einer Gewöhnungsphase wurden etablierte geriatrische Assessments (z.B. Timed up and Go, Short Physical Performance Battery) durchgeführt. Über standardisierte Prä- und Postfragebögen wurden Altersstereotype, Selbstwahrnehmungen und Einstellungen bezüglich des Älterwerdens, Obsoleszenzerleben und gesundheitsbezogene Risikowahrnehmungen erfasst.

Ergebnisse: Im prä-post-Vergleich zeigte sich keine Veränderung in allgemeinen Altersstereotypen, jedoch eine signifikant höhere individuelle Risikowahrnehmung, negativere Sichtweisen auf Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten sowie auf soziale Eingebundenheit im Alter. Die geriatrischen Assessments belegten im Vergleich mit Normwerten eine „Alterung“ der Proband*innen durch den Anzug um 15-20 Jahre.

Zusammenfassung: Physische Einschränkungen und Abbauprozesse können durch Alterssimulationsanzüge z.T. realistisch abgebildet werden. Jedoch legen die Verschiebungen in Bereichen des individuellen Alternserlebens nahe, dass der Anzug nur unter Anleitung von Experten und in Kombination mit einer Reflexion zu Verlusten und Gewinnen im Alternsprozess eingesetzt werden sollte, um ein differenziertes Bild zu vermitteln und negative Einflüsse aufzufangen.

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