Donnerstag, 16.09.2021

10:45 - 12:15

Raum 1

S16-21

Psychotherapeutische Versorgung von depressiv erkrankten Patient:innen mit Pflegebedarf

Moderation: J. L. O´Sullivan, Berlin; E.-M. Kessler, Berlin

Obgleich die Wirksamkeit psychotherapeutischer Ansätze im Alter grundsätzlich metaanalytisch gut belegt ist, existieren bislang nur wenige Studien zur Effektivität von Psychotherapie bei sehr alten, kognitiv beeinträchtigten und multimorbiden bzw. pflegebedürftigen Personen. Dabei zeigen epidemiologische Studien, dass gerade innerhalb dieser Personengruppe die Prävalenz von klinisch relevanten depressiven Symptomen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht ist. Depression führt bei sehr alten Menschen mit Pflegebedarf zu einem erhöhten Risiko für Multimorbidität, Frailty und Mortalität. Darüber hinaus können unbehandelte depressive Störungen zu einer vermehrten Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und sogar zu vorzeitigen Heimeinweisungen führen.

Im Rahmen dieses Symposiums werden verschiedene relevante Aspekte der Diagnostik und psychotherapeutischen Versorgung von pflegebedürftigen Personen mit Depression beleuchtet. Die Beiträge widmen sich im Einzelnen (1) der Rekrutierung von hochbetagten, zuhause lebenden älteren Patient:innen mit Pflegebedarf, (2) der Sichtweise der Behander:innen in der aufsuchenden Depressionsbehandlung, (3) der Diagnostik von klinisch relevanten depressiven Symptomen bei demenziell erkrankten Pflegeheimbewohner:innen und abschließend (4) den ersten Erfahrungen mit einem aufsuchenden Psychotherapieangebot für Pflegeheimbewohner:innen. Wichtige Implikationen für künftige Versorgungskonzepte und Forschungsvorhaben innerhalb dieser hochvulnerablen Studienpopulation werden diskutiert.

10:45
Evaluation von Strategien zur Rekrutierung vulnerabler zuhause-lebender älterer Menschen mit Depression für eine randomisierte kontrollierte Psychotherapie-Studie (PSY-CARE)
S16-21-1 

E.-M. Kessler, F. Hoppmann, P. Gellert, J. L. O´Sullivan, C. Vathke, J. Grohé, V. Ludwig, C. Tegeler; Berlin

Hintergrund: Um die Wirksamkeit von Psychotherapie auch für vulnerable alte Menschen zu prüfen, muss diese massiv unterrepräsentierte Population stärker in randomisierte kontrollierte Studien (RCT) einbezogen werden. Vorgestellt werden Ergebnisse der ersten systematischen Evaluation von Rekrutierungsstrategien eines großen Psychotherapie-RCT (PSY-CARE) mit zuhause lebenden, vulnerablen älteren Menschen mit depressiven Erkrankungen.

Methoden: Potenzielle Teilnehmer:innen (TN) wurden sowohl über die direkte Ansprache (Selbstzuweisung) als auch über Kooperationen mit Gatekeepern (Gatekeeper-Zuweisung) rekrutiert. Bei Teilnahmeanfragen wurden Zugangspfade und die Initiator:innen des Erstkontakts dokumentiert und kategorisiert. Zugangspfade wurden hinsichtlich der Anzahl der Zuweisungen und Einschlussraten, des Zeitaufwands und der Charakteristika erreichter TN (soziodemographische Daten, funktioneller und kognitiver Status, Depressions- und Angstwerte) verglichen.

Ergebnisse: Von N=197 TN wurden 80.5% durch Gatekeeper rekrutiert. Dabei war der Zeitaufwand jedoch fünfmal höher als bei Rekrutierung durch Medienbeiträge (Selbstzuweisung). Psycholog:innen und Ärzt:innen vermittelten die größte Anzahl an TN (jeweils 32.3%), wobei die Einschlussquote bei Ärzt:innen am höchsten ausfiel (55.6%; χ²(3)=8,964, p <.05). 50.3% der TN wurden in Krankenhäusern rekrutiert, hingegen vergleichsweise wenige in Arztpraxen (15.9%). Jene TN, die den Erstkontakt selbst initiierten, hatten höhere Einschlussraten und signifikant weniger funktionelle und kognitive Beeinträchtigungen.

Fazit: Der Einschluss von zuhause lebenden, pflegebedürftigen älteren Menschen in klinische Studien erfordert den simultanen Einsatz verschiedener Rekrutierungsstrategien. Kooperation mit Ärzt:innen und Psycholog:innen, insbesondere in Kliniken, ist die effektivste Rekrutierungsstrategie, Medienbeiträge sind jedoch aufgrund des geringen Zeitaufwands am effizientesten.Beitrag II: Selbst- und fremdeingeschätzte depressive Symptome bei Pflegeheimbewohner:innen mit Demenz: Ergebnisse einer Querschnittsanalyse.

11:05
Wie erleben Psychotherapeut:innen die aufsuchende Depressionsbehandlung bei älteren Patient:innen mit Pflegebedarf – Ergebnisse einer qualitativen Studie im Rahmen des PSY-CARE Projektes
S16-21-2 

C. Demmerle, P. Gellert, C. Tegeler, J. Nordheim, E.-M. Kessler; Berlin

Hintergrund: Will man der wachsenden Patient:innengruppe älterer Menschen mit Pflegebedarf den Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung ermöglichen, bedarf es neuer Konzepte, die auch  Home treatment umfassen. Die qualitative Teilstudie geht der Frage nach, wie Psychotherapeut:innen ihre therapeutische Rolle in der aufsuchenden Arbeit mit Patient:innen, die älter, körperlich krank und eingeschränkt sind erleben und ausgestalten.

Methodik: Datengrundlage bilden sechzehn halbstrukturierte problemzentrierte Interviews mit Psychotherapeutinnen, die im Rahmen des Innovationsfonds-Projektes PSY-CARE (Gellert, Beyer, Tegeler, Vathke, Nordheim, Kuhlmey & Kessler, 2020) ältere Patient:innen mit Depression und Pflegegrad behandelten Das Alter der Psychotherapeutinnen lag zwischen 26 und 70 Jahre alt (M = 47,4 Jahre, SD = 10,7 Jahre; Md = 46,5 Jahre), die Berufserfahrung zwischen 1,5 und 40 Jahren (M = 11,6 Jahre, SD = 9 Jahre; Md = 9 Jahre). Diese wurden mit zehn ausgewählten Einzelfallkasuistiken sowie drei Interviews mit den Supervisorinnen des Projektes ergänzt. Die Auswertung erfolgt anhand der Methodologie der Grounded Theory.

Vorläufige Ergebnisse: Die Zwischenergebnisse legen nahe, dass es die persönliche, soziale und räumliche Lage der Patient:innen ist, die, verstärkt durch den Kontext der aufsuchenden Behandlung, potentiell Rollenkonflikte bei den Psychotherapeutinnen auslöst. In Abhängigkeit von Vorerfahrung und Haltung werden unterschiedlichen Rollenkonzepte der Psychotherapeutinnen aktiviert. Aus diesen resultieren internale und externale Handlungsstrategien, mit dem Ziel, das Dissonanzerleben im Spannungsfeld zwischen den wahrgenommenen Bedürfnissen der Patient:innen und den eigenen Rollenzuschreibungen zu reduzieren und die therapeutische Beziehung zu festigen.

Diskussion: Aus den Ergebnissen des finalen Grounded Theory Modells leiten sich Implikationen für das klinisch-psychologische Arbeiten mit einer Patient:innenngruppe ab, die bisher in der Forschung stark vernachlässigt wurde. 

11:25
Frühe Behandlungsabbrüche bei Pflegeheimpatient:innen mit depressiven Störungen
S16-21-3 

L. C. Nagel, V. A. Tesky-Ibeli, A. Schall, J. Pantel, J. König, U. Stangler; Frankfurt a. M., Mainz

Hintergrund: Die Effektivität verschiedener psychotherapeutischer Interventionen zur Behandlung von Depression ist für alte und hochbetagte Menschen belegt. Dennoch werden depressive Erkrankungen bei dieser Gruppe seltener diagnostiziert und eher medikamentös als psychotherapeutisch versorgt. Ein noch deutlicheres Versorgungsdefizit zeigt sich bei Menschen, die in Pflegeheimen leben, obwohl Studien zeigen, dass ca. 30% der Bewohner:innen eine leichte bis mittelgradige depressive Symptomatik aufweisen. Gründe für dieses Versorgungsdefizit sind unter anderem fehlende Strukturen zur Implementierung von Psychotherapie in pflegenden Einrichtungen aber auch Barrieren auf Seiten von Behandler:innen und (älteren) Patient:innen.

Ziel: Die vorliegende Arbeit soll Faktoren identifizieren, die einen Therapiebeginn behindern, wenn strukturelle Hindernisse durch das Angebot einer aufsuchenden psychotherapeutischen Behandlung im Pflegeheim überwunden werden.

Methode: Im Rahmen der DAVOS-Studie werden in zehn Frankfurter Altenheimen Screenings bei Studienteilnehmer:innen durch geschulte Mitarbeiter:innen durchgeführt. Den Bewohner:innen mit auffälligen Werten wird eine psychotherapeutische Sprechstunde mit einer Psychologischen Psychotherapeutin angeboten. Besteht nach der Sprechstunde eine Indikation für Psychotherapie, wird ein Behandlungsangebot gemacht. Demographische Daten und Fragebogenwerte werden in persönlichen Interviews von Studierenden erhoben.

Vorläufige Ergebnisse: Bisher nahmen von 420 Teilnehmenden 100 (23,8%) ein Erstgespräch in Anspruch. Bei 64 Personen ergab sich nach Diagnosestellung eine Indikation für eine psychotherapeutische Behandlung. 38 Personen (59%) nahmen diese in Anspruch. Eine vorläufige Analyse der Daten zeigt einen Trend für die Variablen Geschlecht, Ausprägung der depressiven Symptomatik und Offenheit für Neues.

Diskussion: Werden systematische Faktoren gefunden, die Pflegeheimbewohner:innen mit bestehender Indikation davon abhalten ein psychotherapeutisches Angebot anzunehmen, sollten Anpassungen des Therapieangebots vorgenommen werden.

11:45
Selbst- und fremdeingeschätzte depressive Symptome bei Pflegeheimbewohner:innen mit Demenz: Ergebnisse einer Querschnittsanalyse
S16-21-4 

J. L. O´Sullivan, R. Schweighart, S. Lech, C. Tegeler, E.-M. Kessler, A. Teti, J. Nordheim, J.-N. Voigt-Antons, P. Gellert; Berlin, Vechta

Hintergrund: Bislang ist wenig über Faktoren bekannt, die mit der Selbst- und Fremdeinschätzung von Depressionen bei Pflegeheimbewohner:innen mit mittlerer bis schwerer Demenz zusammenhängen. Das Ziel dieser Studie war es, das Maß der Übereinstimmung und Faktoren zu untersuchen, die mit der Selbst- und Fremdeinschätzung von Depressionen bei Pflegeheimbewohner:innen mit Demenz assoziiert sind.

Methodik: Querschnittsdaten von N=162 Pflegeheimbewohner:innen mit Demenz (Alter: 53-100; 74% weiblich) wurden analysiert. Die Selbsteinschätzung der Depression wurde mit der Geriatrischen Depressionsskala erhoben, für die Fremdeinschätzung wurde die Subskala D des Neuropsychiatrischen Inventars verwendet. Cohen's Kappa wurde berechnet, um die Übereinstimmung zwischen beiden Maßen zu bestimmen. Assoziationen mit soziodemographischen Variablen, selbst- und fremdbewerteter Lebensqualität, Demenzstadium, neuropsychiatrischen Symptomen, funktionellem Status und antidepressiver Medikation wurden mit bivariaten und multivariaten gemischten linearen Modellen analysiert.

Ergebnisse: Die Übereinstimmung zwischen selbst- und fremdeingeschätzten depressiven Symptomen war gering (Cohen's Kappa=.22, p=.02). Multivariate Analysen zeigten, dass selbstberichte depressive Symptome mit der selbst eingeschätzten Lebensqualität (β=-.37; 95%CI: -.48–-.26, p<.001), der fremdeingeschätzten Lebensqualität (β=-.31; 95%CI: -51–-.10, p=.003) und dem funktionellen Status (β=-.15; 95%CI: -.27–-.03, p=.02) assoziiert waren, während die fremdeingeschätzte Depressivität negative Assoziationen mit der fremdeingeschätzten Lebensqualität (β=-.32; 95%CI: -.54–-.11, p=.003) und dem Demenzstadium (β=-.27; 95% CI: -.50–-.03, p=.028) zeigte.

Diskussion: Insgesamt wurde eine geringe Überlappung von Selbst- und Fremdeinschätzungen der Depression gefunden. Beide Instrumente zeigten zudem abweichende Assoziationsmuster mit weiteren Studienvariablen. Dies deutet darauf hin, dass die Instrumente jeweils unterschiedliche Facetten der Symptomatik erfassen und unterstreicht die Notwendigkeit integrativer Ansätze zur Verbesserung der Diagnostik von klinisch relevanten depressiven Symptomen bei Pflegeheimbewohner:innen mit mittlerer bis schwerer Demenz.

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