Donnerstag, 16.09.2021

10:45 - 12:15

Raum 3

S16-23

Prozesse von Inklusion, Exklusion und Distinktion älterer Menschen - Forschungen zu räumlichen und sozialen Positionierungen

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg; J. Piel, Magdeburg

Gesellschaftliche Vorstellungen des Alter(n)s werden in zeitlichen, sozial-räumlichen und materiellen Prozessen interaktiv erzeugt und bearbeitet (Kolland et al., 2019). So trifft Alter(n) als soziale Praxis nicht nur auf das Individuum, sondern auch auf Vergemeinschaftungskontexte zu, innerhalb derer sich Identitätsentwürfe sowie (Nicht-)Zugehörigkeiten manifestieren und verhandelt werden.
Im Symposium wird der Blick auf soziale Zuschreibungen des Alter(n)s unter besonderer Berücksichtigung von Bearbeitungs-, Aneignungs- und Grenzziehungsprozessen in Gruppenkonstellationen und deren räumlicher Bedingtheit geschärft. Anhand empirischer Beispiele wird in verschiedenen Beiträgen eruiert, inwiefern Alter(n)szuschreibungen in räumlichen und interaktiven Prozessen von Inklusion, Exklusion sowie Distinktion sichtbar werden.
Beispielsweise diskutiert Lisa Reifert die Potenziale des theoretischen Ansatzes „Inklusionstrilemma” (Boger, 2019) für eine Analyse von sozialen Positionierungen und (Nicht-) Identifikationen älterer Menschen in Gruppendiskussionen zum Thema altersgerechtes Wohnen im ländlichen Raum. Demgegenüber zeigt Julia Weigt anhand einer ethnografischen Studie zur dörflichen Daseinsvorsorge die „Kaffeeklatsch”-Runde als kollektiv geteilte Exklusionspraxis auf. Ein weiterer Beitrag von Julia Piel beleuchtet distinktive Positionierungen von älteren Paaren als Verhandlung defizitärer Alter(n)sentwürfe in Zusammenhang mit wohnräumlichen Bedingungen.
Ziel ist es, die Dynamiken von Alter(n)sbildern durch das Wechselverhältnis von räumlicher Positioniertheit und sozialen Positionierungen nachzuzeichnen und damit Möglichkeiten des Be- und Verarbeitens insbesondere von stereotypen Zuschreibungen des Alter(n)s in Lebenswelten älterer Menschen zu verdeutlichen.

10:45
„Wir haben auch nie zusammengelebt”: Wohn(gegen)entwürfe von Paaren in späteren Lebensphasen
S16-23-1 

J. Piel; Magdeburg

Hintergrund: Partner:innenschaftliches Wohnen im Alter wird in der sozialgerontologischen Forschung oft vor dem Hintergrund von Pflegebedürftigkeit und damit verbundenen Wohnraumanpassungen sowie veränderten Rollenerwartungen innerhalb der Paarbeziehung beleuchtet. Dabei werden gesellschaftliche Vorstellungen des Alter(n)s aber auch der (binärgeschlechtlichen) Paarbeziehung häufig unhinterfragt transferiert. Im Zusammenwirken entsteht ein normatives Bild des Wohnens als älteres Paar, das die Vielfalt partner:innenschaftlicher Lebensformen im Alter nicht repräsentiert.
Um Wohnarrangements älterer Paare über das relevante Thema der Partner:innenpflege hinaus zu betrachten, zeigt dieser Beitrag partner:innenschaftliches Wohnen als dynamische soziale Praxis auf, in der sich Hinweise auf gemeinsames Erleben im Alter in Auseinandersetzung mit normativen Entwürfen des Alter(n)s, der Paarbeziehung und des Wohnens rekonstruieren lassen.

Methode: In einer qualitativen Studie wurden narrative Interviews mit zehn Paaren im Alter zwischen 58 und 88 Jahren in ihrem Zuhause durchgeführt. Die Paare erzählten über ihre gemeinsame Biografie und das gegenwärtige Zusammenleben. Die Interviewdaten wurden mit Feldskizzen der Forscherin zu Wohnraumkonstellationen zusammengeführt und in Anlehnung an die Dokumentarische Methode ausgewertet. 

Ergebnisse: Anhand des partner:innenschaftlichen Wohnens in späteren Lebensphasen dokumentiert sich, dass Paare sich von Wohnentwürfen früherer Beziehungen, traditioneller Partner:innenschaftsideale sowie des defizitären Alter(n)s (“haben wir immer gesagt also das muten wir unseren Kindern nicht zu […] ‘ne Hauspflege”) abgrenzen und (Gegen-)Entwürfe konstruieren. Zudem erwarten Paare eine Veränderung im Übergang von gegenwärtigem zu zukünftigem Wohnen.

Fazit/Diskussion: In der sozialen Praxis des Wohnens können Orientierungen von Paaren in der Auseinandersetzung mit normativen Anforderungen rekonstruiert werden. Alter(n) und Geschlecht verräumlichen sich im partner:innenschaftlichen Wohnarrangement und verschränken sich mit gemeinsam erzeugten Aneignungs- und Distinktionssemantiken. Wohnpraxis älterer Paare zeigt sich als heterogenes und lebensphasenübergreifend dynamisches Phänomen, das Zusammenhänge mit weiteren Forschungsfeldern wie z.B. Lebenszufriedenheit und Gesundheit im Alter nahelegt.

11:10
“Wir machen hier nur unseren Kaffeeklatsch” - Gruppenkontexte in Dörfern als exklusive (Schutz-)Raumpositionierungen
S16-23-2 

J. Weigt; Magdeburg

Hintergrund: Die Dorfbewohner*innen führen zum Teil ein Leben bis in die 100-Jährigkeit und das Pflegerisiko steigt mit zunehmendem Alter. Angesichts der sich abzeichnenden Zunahme stellt sich in ländlich peripheren Regionen die Frage, ob es gelingen kann, die Nachfrage durch informelle Versorgungsangebote aufzufangen. In sogenannten Kleinstdörfern in peripherer Lage lassen sich Gruppen identifizieren, die eine bedeutende Funktion gegenseitiger Unterstützung in diesem Zusammenhang übernehmen.

Methode: Die Forschung wurde im Rahmen des Dissertationsprojekts zum Thema: Ältere Menschen im Dorf als Anbieter*innen und Nachfrager*innen eigenverantwortlich organisierter Daseinsvorsorge durchgeführt. Das qualitative Forschungsdesign integriert Gruppendiskussionen (n = 3) mit älteren Dorfbewohner*innen in zwei Kleinstdörfern im Bundesland Brandenburg. Anhand sequentieller Analysen wurde das Datenmaterial mit der Dokumentarischen Methode computergestützt ausgewertet. Es wurde die Alltagspraxis hinsichtlich gesundheitlicher und pflegerischer Grundversorgung aus der lebensweltlichen Perspektive älterer Menschen rekonstruiert.

Ergebnisse: In der Auswertung wurde die Bedeutung von Gruppenkontexten anhand sogenannter Kaffeeklatsch-Runden für die gesundheitliche und pflegerische Grundversorgung herausgearbeitet. Die Gruppentreffen sind als implizite Strukturen im Dorf integriert, entsprechen keiner Vereinsstruktur. Die Gruppen bestehen aus Teilnehmenden, die bereits eine lange Zeitspanne Vertrauen zueinander aufgebaut und verfestigt haben. Sie weisen daher gegenüber Nicht-Mitgliedern einen exklusiven Charakter auf. Die Gruppe übernimmt in diesen Zusammenhängen die Funktion eines Schutzraumes mit exklusiver Mitgliedschaft.

Diskussion: Diese Verbindung Sicherheit zu erfahren und zu erleben sowie als Mitglied dem Schutzraum anzugehören, kann als Bewältigungsstrategie rekonstruiert werden. Sind die älteren Dorfbewohner*innen in Kleinstdörfern im Sinne der Selbstorganisation verpflichtet? Dies wird in diesem Beitrag diskutiert.

11:35
Altersgerechtes Wohnen und Altersdiskriminierung im Inklusionstrilemma - Ergebnisse aus der qualitativen Untersuchung mit älteren Menschen im AWiSA-Projekt
S16-23-3 

L. Reifert; Magdeburg

Dem „Trilemma der Inklusion“ von Mai-Anh Boger (2019) zufolge stehen Versuche, verschiedene Diskriminierungsformen abzubauen, vor einem Trilemma, da sich verschiedene Strategien für Inklusion gegenseitig ausschließen. Konkret untersucht Boger dies anhand von drei Basissätzen, nach denen sich Inklusion als Empowerment, als Normalisierung oder als Dekonstruktion beschreiben lässt. Unter theoretischer Bezugnahme auf das „Trilemma der Inklusion“ und anhand von empirischem Material, das im Rahmen des Projektes AWiSA – Altersgerechtes Wohnen in Sachsen-Anhalt (gefördert mit EFRE-Mitteln und vom Land Sachsen-Anhalt 2019-2022) in Gruppendiskussionen mit älteren Menschen (65+) erhoben wurde, soll in diesem Beitrag aufgezeigt werden, dass und wie sich ältere Menschen als Altersdiskriminierung-Erfahrende innerhalb des Trilemmas der Inklusion bewegen.

In den Gruppendiskussionen, welche mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet werden, haben ältere Menschen über ihre Wohnwünsche und –sorgen sowie Umzugsbereitschaften diskutiert. Die Ergebnisse zeigen neben konkreten Vorstellungen in Bezug auf altersgerechtes Wohnen die heterogene Selbstwahrnehmung der Teilnehmenden, die sich zum Teil gar nicht als Teil der Zielgruppe „ältere Menschen“ definieren (wollen), was auf die Stigmatisierung von Alter und damit einhergehende Diskriminierungserfahrungen hindeuten kann. Deutlich wird dies insbesondere an den Erörterungen über den „richtigen“ Zeitpunkt für Maßnahmen wie Umbauten oder Umzüge, also den Zeitpunkt, zu dem das Attribut „alt“ als zutreffend akzeptiert wird. Dies wird beispielsweise eher anhand der anderen Anwesenden zu verhandeln versucht, als das Alter und damit einhergehende Herausforderungen an der eigenen Person oder Situation thematisiert werden würden: „Zum Beispiel bei Schmidts hier, das ist … ich meine, die können jetzt ihr Haus vom Alter her nicht mehr umbauen“ sowie daran, dass sich im Material wiederholt Aussagen wie „bis es nicht mehr geht“ finden lassen, obwohl die Teilnehmenden der Gruppendiskussionen bereits zum Teil beträchtliche Einschränkungen hinnehmen.

Der Beitrag verfolgt das Ziel, den theoretischen Ansatz des „Trilemmas der Inklusion“ für das Thema Altersdiskriminierung fruchtbar zu machen und zur Diskussion zu stellen.

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