Donnerstag, 16.09.2021

13:30 - 15:00

Raum 7

W16-37

Pflegewelten in der Pandemie. Einblicke und Ausblicke aus Sicht von Bewohner:innen stationärer Altenhilfeeinrichtungen, Professionellen und Forscher:innen

Moderation: J. Piel, Magdeburg

Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zeigen sich besonders deutlich im Pflegebereich: Aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos in Pflegeeinrichtungen und schwerer Krankheitsverläufe von älteren vorerkrankten Personen lag ihre Schutzbedürftigkeit im Fokus von Politik, Wissenschaft und Praxis. Doch beschlossene Schutzmaßnahmen, Besuchsverbote in Versorgungseinrichtungen und angepasste Arbeitsabläufe führten zu Belastungen von Bewohner:innen/Patient:innen und Pflegepersonen und wurden kontrovers diskutiert. Um im weiteren Pandemieverlauf Bewohner:innen, ihre An- und Zugehörigen und Mitarbeitende zu stärken, müssen Perspektiven der Menschen in ‚Pflegewelten‘  sichtbarer werden.

Der Workshop des Fachausschusses Kritische Gerontologie nimmt Erfahrungen von Pflegebedürftigen und Fachkräften in Pflegeeinrichtungen in den Blick, die in verschiedenen Forschungskontexten während der Pandemie eingefangen wurden. Dabei wird Forschungspraxis kritisch geprüft und diskutiert, inwiefern Forschung in der Pflege zu Pandemiezeiten möglich war/ist und welche Erkenntnisse eine gute wissenschaftliche Praxis zukünftiger Projekte unterstützen.

Im Impulsvortrag beleuchtet Julia Weigt (ISMG Magdeburg) Versorgungs- und Lebensbedingungen von Menschen in Langzeitpflegeeinrichtungen während der Pandemie mit folgenden Fragen:

- Wie erleb(t)en Fachkräfte und zu Pflegende die Pandemie?

- Wie hat sich ihre Pflegebeziehung verändert?

- Wie konnte/kann Forschung in Pflegeeinrichtungen gelingen?

Anschließend kommentieren Eva-Maria Löffler (Uni Kassel) und Yvonne Rubin (Hochschule Fulda) das aufgezeigte Bild und erweitern es um die Perspektive der Sozialen Arbeit. Beide fragen nach professionsethischen Herausforderungen und Positionierungen von Sozialarbeiter:innen in Pflegeeinrichtungen.

Jasmin Kiekert (KH Freiburg) vertieft den Aspekt einer guten Forschungspraxis, indem sie zur Diskussion über forschungsethische Herausforderungen und Möglichkeiten der Gestaltung geeigneter Forschungsdesigns einlädt.

Der Workshop gibt Raum zum Nachdenken über Forschungsprozesse in Pflegewelten, in dem strukturelle Bedingungen sowie die eigene Standortgebundenheit während der Pandemie einbezogen werden.

13:30
Die pandemische pflegerische Langzeitversorgung – Denkanstöße aus dem Forschungsprojekt CoronaCare
W16-37-1 

J. Weigt, C. Apfelbacher, A. Bergholz, A. Eich-Krohm; Magdeburg, Brandenburg an der Havel

Der Hintergrund: Mit Aufkommen der Pandemie erfahren Pflegeheimbewohner:innen die Zuschreibung der besonders gefährdeten Risikogruppe. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs, der bis zum Tod führen kann, ist bei dieser Gruppe aufgrund von Multimorbidität und chronischer Erkrankungen deutlich erhöht. Im Projekt CoronaCare wird in Langzeitpflegeeinrichtungen empirisch erforscht, wie Bewohner:innen und Pflegepersonal mit diesen Herausforderungen der Pandemie umgehen.

Die Methode: Die Daten wurden mithilfe von leitfadengestützten qualitativen Telefoninterviews mit Heimleitenden, Pflegepersonal und Bewohnern:innen von stationären Pflegeeinrichtungen vor allem in Sachsen-Anhalt erhoben. Es wurden insgesamt 18 Interviews geführt. Dabei wurden Mitarbeitende (n=9) und Bewohner:innen (n=9) im Sample berücksichtigt. Die Interviews wurden vollständig transkribiert. Mit Hilfe eines computergestützten Datenmanagements (Programm Maxqda) folgte die Datenanalyse nach der GTM.

Ergebnisse: Die Studie zeigt die Chancen und Risiken der Pandemie auf. Für die Bewohner:innen kam es zu geringen Neuanpassungen hinsichtlich der Tagesstruktur. Lediglich die Gruppenaktivitäten wurden eingeschränkt und zeitweise ausgesetzt (Lockdown im Frühjahr 2020). Im Rahmen des Besuchsverbots im Frühjahr und Herbst 2020 kam es seitens der Bewohner:innen zu Isolationsgefühlen, insbesondere für diejenigen, die wenig oder keinen Besuch von Angehörigen erhielten. Dies zeigte sich ganz unterschiedlich zwischen den Bewohner:innen. Gerade in dieser Zeit suchten die Bewohner:innen das Gespräch, die Aufmerksamkeit und die Nähe zum Pflegepersonal. Für das Pflegepersonal führte diese besondere emotionale Unterstützung zu einer erhöhten Arbeitsbelastung, zusätzlich zum Ausgleich des Fehlens von Kolleg:innen aufgrund von Krankheitsausfällen und längeren Arbeitszeiten. Insgesamt wurde positiv vermerkt, dass sich die Zusammenarbeit unter den Kollegen:innen verbesserte und die Mitarbeiter:innen der Pflegeeinrichtung enger zusammenwuchsen.

Kommentare:     J. Kiekert, Freiburg; E. M. Löffler, Kassel; Y. Rubin, Fulda

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