Freitag, 17.09.2021

09:45 - 11:15

Raum 4

S17-14

Neue Wohnformen für Menschen mit Pflegebedarf – Was leisten Angebote zwischen Pflegeheim und Häuslichkeit?

Moderation: K. Wolf-Ostermann, Bremen

National ebenso wie international hat sich in den letzten Jahren zunehmend ein breites Spektrum sogenannter „neuer“ Wohnformen für Menschen mit Pflegebedarf jenseits der „klassischen“ stationären Langzeitpflege in Pflegeheimen etabliert. Hierzu gehören bspw. Mehrgenerationenwohnprojekte, betreutes Wohnen, ambulant betreute Wohngemeinschaften oder sogenannte Green Care Farms. Es ist jedoch derzeit immer noch wenig über explizite Versorgungsoutcomes im Vergleich zu vielfach betrachteten Pflegeheimen bekannt und auch Verfahren einer (externen) Qualitätskontrolle sind im Unterschied zu stationären Pflegeeinrichtungen oftmals nicht vorgesehen. Das Symposium hat daher zum Ziel, verschiedene Versorgungsformen vorzustellen, zu analysieren, wie eine hohe Qualität in der Versorgung gesichert werden kann und den Wissensstand zu Versorgungsoutcomes in diesen Wohnformen darzulegen.

Nach einer kurzen Einführung in „neue“ Wohnformen beleuchtet der erste Vortrag grundsätzliche Probleme einer Qualitätssicherung in Bezug auf die Versorgung in diesen Wohnformen und stellt die Entwicklung und Erprobung eines deutschlandweiten Konzeptes zur internen und externen Qualitätssicherung und der Qualitätsberichterstattung dar. Der zweite und dritte Vortrag werfen einen exemplarischen Blick in zwei dieser neuen Wohnformen. So werden anhand des Beispiels von ambulant betreuten Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz in Deutschland u.a. spezifische Versorgungsoutcomes zu Sturzereignissen und Ernährungszustand analysiert. Anhand des Beispiels von Green Care Farms wird die zeitliche und konzeptionelle Entwicklung evaluiert und die Ausgestaltung dieser Wohnform in den Niederlanden und Deutschland verglichen. Der vierte und letzte Vortrag rundet das Symposium mit einem systematischen internationalen Literaturüberblick zum Vergleich von gesundheitsbezogenen Versorgungsoutcomes von Menschen mit Pflegebedarf in neuen Wohnformen und Pflegeheimen ab.

09:45
Qualitätssicherung in neuen Wohnformen für Menschen mit Pflegebedarf
S17-14-1 

U. Kremer-Preiß; Berlin

Forschungsfrage: Als mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz die gesamte Qualitätssicherung im Rahmen der Pflegeversicherung (§ 113 SGB XI) neu geordnet wurde, wurden die Vertragsparteien nach § 113b, 4 SGB XI vom Bundesgesetzgeber auch aufgefordert, ein Konzept für eine Qualitätssicherung „neuer Wohnformen“ entwickeln zu lassen. Der Forschungsverbund Universität Bremen/Kuratorium Deutsche Altershilfe/Prognos AG wurde beauftragt, von Aug. 2017 bis Juni 2018 ein “Konzept und Instrumente zur internen und externen Qualitätssicherung und Qualitätsberichterstattung neuer Wohnformen nach § 113b Abs. 4 SGB XI“ zu entwickeln und zu erproben.

Forschungsfrage war, welche Qualitätsanforderungen sind zu definieren und welche Verfahren zur Qualitätsprüfung sind für „neuer Wohnformen“ zielführend, die nicht Gegenstand der Qualitätssicherung und Qualitätsprüfung nach § 113b Absatz 4 SGB XI in der ambulanten bzw. stationären Pflege sind und bundesweit geeignet sind, die Qualität in diesen Wohnsettings zu sichern?

Methode:

  • Leitfadenanalyse von 50 Arbeitshilfen und Praxisleitfäden
  • Rechtsgutachten zu den ordnungs- und leistungsrechtlichen Qualitätsanforderungen
  • Online-Befragung von 160 Wohnprojekten und Experten-/Praxisworkshop zur Abstimmung zentraler Qualitätsmerkmale und Qualitätssicherungsverfahren
  • Literaturanalyse zur Operationalisierung der Qualitätsmerkmale
  • Erprobung der entwickelten Instrumente in 5 Wohnprojekten

Ergebnisse:

  • Definition von 5 Qualitätsmerkmalen als qualitätssichernder Orientierungsrahmen: Nutzerorientierung, Versorgungssicherheit/-kontinuität, Selbstbestimmung/Selbstverantwortung, Koordination, Transparenz
  • Operationalisierung der 5 Qualitätsmerkmale in 93 Qualitätskriterien
  • Entwicklung von Checklisten und Ausfüllanleitungen zur Umsetzung
  • Erarbeitung eines „individuellen Qualitätssicherungskonzeptes

Schlussfolgerung: Aufgrund der konstitutiven Selbstverantwortung in „neuen Wohnformen“ ist die Ausgestaltung der Qualitätssicherung von den Umsetzungsverantwortlichen individuell auszuhandeln. Maßnahmen zur Sicherung der Qualität können nicht von externen definierten Standards vorgegeben werden, sondern konzentrieren sich darauf, die Akteure der „neuen Wohnformen“ in die Lage zu versetzen/sie zu befähigen und zu begleiten, in einem allgemein definierten Rahmen ihr eigenes Qualitätssicherungskonzept zu erarbeiten.

10:05
Menschen mit Demenz in verschiedenen Versorgungssettings – Ein Blick auf Versorgungsoutcomes
S17-14-2 

A. Schmidt, S. Stiefler, A.-C. Friedrich, A. Kratzer, J. Scheel, C. Donath, E. Gräßel, K. Wolf-Ostermann; Bremen, Erlangen

Fragestellung: Bedingt durch die Zunahme älterer und pflegebedürftiger Menschen in der Gesellschaft, steigt die Forderung nach angemessenen Versorgungsbedarf. Als alternative Versorgungsmöglichkeit, auch für Menschen mit Demenz, haben sich in den letzten Jahren zunehmend kleinräumige Wohnkonzepte, wie ambulant betreute Wohngemeinschaften, etabliert. Versorgungsoutcomes dieser Wohnform zeigen, im Vergleich zu traditionellen Einrichtungen wie Pflegeheimen, vor allem in den Bereichen der sozialen Teilhabe oder Lebensqualität, vorteilhafte Effekte. Erkenntnisse zu weiteren Versorgungsoutcomes liegen nur ansatzweise vor. Die vorliegende Analyse betrachtet die versorgte Klientel beider Versorgungssettings und geht der Frage nach, ob sich Versorgungsoutcomes von Menschen mit Demenz in ambulant betreute Wohngemeinschaften und Pflegeheimen unterscheiden.

Methode: In zwei verschiedenen Studien wurden Daten von Menschen mit Demenz erhoben, die in ambulant betreute Wohngemeinschaften bzw. in Pflegeheimen leben. Mittels standardisierter Befragungen wurden u. a. Informationen zu soziodemografischen Daten, Ernährungszustand und Sturzereignissen gewonnen. Die Analysen erfolgten deskriptiv und durch Dependenzanalyse.

Ergebnisse: Es wurden n=250 Menschen mit Demenz aus Wohngemeinschaften (durchschnittlich 82,8 Jahre, Pflegegrad 3-4: 92,4%, Pflegegrad 5: 1,6%) und n=155 aus Pflegeheimen (durchschnittlich 84,3 Jahre, Pflegegrad 3-4: 72,1%, Pflegegrad 5: 20,8%) eingeschlossen. Der Ernährungszustand, gemessen mittels MNA-SF (Mini Nutritional Assessment-Short Form), liegt bei den Menschen mit Demenz in Pflegeheimen durchschnittlich bei 9,75 und in Wohngemeinschaften bei 10,4 – damit besteht das Risiko einer Mangelernährung. Rund die Hälfte der Menschen mit Demenz (46,5%) in Pflegeheimen sind im Zeitraum eines Jahres gestürzt. In Wohngemeinschaften stürzten innerhalb eines halben Jahres rund 39,7% der Menschen mit Demenz.

Schlussfolgerungen: Die Analyse spezifischer Versorgungsoutcomes gibt einen ersten Überblick zu Sturzereignissen und Ernährungszustand von Menschen mit Demenz in verschiedenen Versorgungssettings. Es besteht ein Risiko für Mangelernährung in beiden untersuchten Settings, wobei Wohngemeinschaften im Vergleich günstigere Ergebnisse erzielt. Gleiches gilt für den Anteil an Sturzereignisse. Die Vergleichbarkeit der Populationen weist jedoch Limitationen auf. Dennoch lassen sich auf dieser Grundlage gezielte Interventionen zur Prävention ableiten.

10:25
Green Care Farms for people living with dementia - a conceptualization and comparison between the Netherlands and Germany
S17-14-3 

K. Rosteius, C. Wouters, B. de Boer, H. Verbeek; Maastricht/NL

Objective: Green Care Farms (GCF) are a relatively new type of care environment for older people with intensive care needs. Originating from the Netherlands, the concept has spread to various countries. In Germany however, they only begin to gain attention and literature is still scarce. This study aims at conceptualizing GCFs, and comparing the developmental stages in the Netherlands and Germany.

Methods: This study uses mixed methods. For the conceptualization of GCFs a literature review was performed, including both scientific, as well as gray literature. Furthermore, expert interviews with managers of concepts in practice were conducted, both in the Netherlands and Germany. Inclusion criteria were the offering of housing for older people on the premises on a farm.

Results: GCFs often employed a different care philosophy and actively integrated natural environments into the daily care. First results indicated that the organizational environment was an important differentiating factor between Dutch and German GCFs. While Dutch GCFs were often officially recognized as long-term care facilities, they were often small, private initiatives in Germany.

Conclusion: Despite different organizational environments, GCFs can be a valuable care setting for older people needing help. By looking at lessons learned from the Netherlands, the concept can be further enhanced in Germany with suitable political incentives.

Download Vortrag (PDF)

10:45
Vergleich von gesundheitsbezogenen Versorgungsergebnissen von ambulant betreuten Wohngemeinschaften und Pflegeheimen – eine Literaturübersicht
S17-14-4 

S. Stiefler, K. Seibert, K. Wolf-Ostermann; Bremen

Fragestellung: Zeigen sich nachweisbare Unterschiede in gesundheitsbezogenen Endpunkten zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern von ambulant betreuten Wohnformen im Vergleich zu Bewohnerinnen und Bewohnern in Pflegeheimen und falls ja, welche sind dies?

Methode: Durchführung eines Rapid Review mittels einer systematischen Literaturrecherche im September 2017 in den Datenbanken PubMed, CINAHL, Gerolit und LIVIVO zur Identifikation von in der (inter-)nationalen Literatur beschriebenen Effekten des Lebens in Versorgungformen, die - alternativ zu stationären Einrichtungen - außerhalb der herkömmlichen vollstationären Betreuung eine bewohnerorientierte individuelle Versorgung anbieten.

Ergebnisse: 21 deutsch- und englischsprachige, vergleichende Studien wurden einbezogen. Mehrheitlich beschreiben die Studien einen begünstigenden Beitrag ambulant betreuter Wohngemeinschaften gegenüber Pflegeheimen. Dabei stellt die Lebensqualität einen häufig untersuchten Endpunkt dar, der Hinweise auf eine bessere Versorgungssituation des Wohnens in ambulant betreuten Wohngemeinschaften, insbesondere für Menschen mit Demenz, gibt. Ebenso wird das Konstrukt der Zufriedenheit als Endpunkt häufig betrachtet und zeigt oftmals positive Effekte in ambulant betreuten Wohngemeinschaften. Insgesamt zeigt sich ein breites Abbild untersuchter Endpunkte (z.B. funktionale und kognitive Fähigkeiten oder die Entstehung von Druckgeschwüren), das neben vielen heterogenen Ergebnissen oftmals positive Effekte für ambulant betreute Wohngemeinschaften beschreibt.

Schlussfolgerung: Die beschriebenen Endpunkte schließen eine Vielzahl von gesundheitsbezogener Endpunkte ein, die weitestgehend Hinweise auf begünstigende Beiträge ambulant betreuter Wohngemeinschaften zu gesundheitsbezogenen Endpunkten liefern. Vielversprechende Evidenz, wenn auch noch keine abschließende, zu Vorteilen dieser Wohnform im Vergleich zu Pflegeheimen liegt demnach vor. International betrachtete Wohnformen weisen jedoch durchaus Unterschiede untereinander auf, wodurch die Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit von Ergebnissen insgesamt erschwert wird. Daher sind vor allem nationale Studien zu dieser Wohnform künftig von gesteigertem Interesse.

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