Donnerstag, 16.09.2021

10:45 - 12:15

Raum 2

S16-22

Nachwuchssymposium „Im Dschungel der Mixed-Methods“

Moderation: L. Naegele, Vechta; A. Wanka, Frankfurt a. M.

Als Mixed-Methods (MMR) wird die Kombination von qualitativen und/oder quantitativen Verfahren sowie deren systematische Integration innerhalb eines Forschungsvorhaben verstanden. Auch in der Alter(n)sforschung gewinnt die Kombination von Forschungsmethoden zur Analyse des multidimensionalen und in der Folge auch oftmals multidisziplinär zu untersuchenden Phänomens „Alter(n)“ zunehmend an Bedeutung. Demografische Alterungsprozesse in all ihren Facetten, Komplexitäten und Wirkweisen benötigen daher multiperspektivische Untersuchungsansätze, wie sie MMR bieten kann. Die Anwendung von Mixed-Methods birgt – insbesondere für Nachwuchswissenschaftler*innen - jedoch auch einige Herausforderungen. Aus diesem Grund  war MMR im vergangenen Jahr Thema des zweiten Nachwuchs-Workshops der Sektion III der DGGG.

Dieses Symposium knüpft an diesen Workshop, der unter dem Motto „Im Dschungel der Mixed-Methods. Potentiale und Herausforderungen der Methodenkommbination in der Alters(n)sforschung“ stand, an und möchte so zu kontinuierlichem Austausch, Vernetzung und Sichtbarkeit von Nachwuchswissenschaftler*innen innerhalb der DGGG beitragen. Dazu sollen, gerahmt von einer Einführung durch die beiden Workshopleiterinnen, Forschungsbeiträge von drei Workshopteilnehmerinnen diskutiert werden. Alle Beiträge verfolgen dabei ein multimethodisches Vorgehen und interessieren sich für soziale Beziehungen und Lebensformen im höheren Alter.

Einführend sprechen Anna Wanka und Laura Naegele zum Thema „Mixed-Methods in der Alter(n)sforschung – Herausforderungen und Potenziale für die nächste Generation“.  Im Anschluss blickt Luisa Bischoff auf Übergänge und Partner*innenlosigkeit im Alter, während Stephanie Lechtenfeld eine Studie zu außerfamiliäre Generationsbeziehungen und Katharina Niedling zu Chancen und Herausforderungen von Paaren am Lebensende präsentiert. Abschließend werden die Beiträge unter der gemeinsamen Fragestellung: „Welche Potenziale und Herausforderungen birgt MMR für die Alter(n)sforschung?“ diskutiert. 

10:45
Potenziale und Herausforderungen der Methodenkombination in der Alter(n)sforschung
S16-22-1 

A. Wanka, L. Naegele; Frankfurt a. M., Vechta

Mixed-Methods Research (MMR), also die Kombination von qualitativen und quantitativen Verfahren sowie deren systematische Integration, hat in den letzten Jahren in den Sozial- und Humanwissenschaften große Popularität erlangt. Blickt man jedoch auf die Wissenschaftsgeschichte zurück, so finden wir schon sehr frühe Forschungsarbeiten, etwa die Marienthalstudie zu den Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit (Zeisel, Jahoda & Lazarsfeld, 1933), die ein methodenkombinierendes Vorgehen zur Beantwortung komplexer Fragestellungen wählte. Auch in der Alter(n)sforschung gewinnt die Kombination von Forschungsmethoden zur Analyse des multidimensionalen und in der Folge auch oftmals multidisziplinär zu untersuchenden Phänomens „Alter(n)“ an Bedeutung. Demografische Alterungsprozesse in all ihren Facetten, Komplexitäten und Wirkweisen zu verstehen, benötigt multiperspektivische Untersuchungsansätze, wie sie die MMR bieten kann. Diese bergen jedoch auch einige Herausforderungen, darunter die Klarstellung, welche Fragestellung mit welchen Methoden beantwortet werden kann bzw. welche Methoden zur Beantwortung der eigenen Forschungsfrage geeignet sind; eine breit aufgestellten Methodenkompetenz, bezogen auf die Planung, die Durchführung, die Aufbereitung und die Auswertung erhobener Daten; die Integration der aus den unterschiedlichen Forschungsstrategien gewonnenen Ergebnisse, die sich gegenseitig validieren, ergänzen, aber auch widersprechen können; sowie Fragen zur Publikationsstrategie bzw. dem Wissen darüber, wo Forschungsarbeiten mit MMR publizierbar sind. In einem einführenden Beitrag werden u.a. diese Herausforderungen, aber auch die Potenziale, die MMR für die Alter(n)sforschung bietet, anhand eigener Forschungsarbeiten diskutiert. 

11:00
Reflexive Perspektiven auf Übergänge in die Partner:innenlosigkeit im höheren Alter – Was gerät mit einem Mixed-Methods-Design in den Blick?
S16-22-2 

L. Bischoff; Frankfurt a. M.

Fragestellung: Im Zentrum des Beitrags steht die Frage wie Übergänge in die Partner:innenlosigkeit im höheren Alter unter Anwendung eines Mixed-Methods-Designs reflexiv erforscht werden können. Die Lebenslaufperspektive mit einer praxistheoretischen Perspektive ergänzend, fokussiert der Beitrag auf den Vollzug der Übergänge – durch Trennung, Scheidung oder Verwitwung. Dabei wird gefragt, wie sich – intersektional verstandene – Zugehörigkeiten zu sozialen Differenzkategorien auf die Übergänge auswirken, wie Auswirkungen sozialer Ungleichheiten (re-)produziert werden, wie sich Alltagspraktiken verändern und die Übergänge sinnhaft gemacht werden.

Methodik: Um die Übergänge aus verschiedenen Perspektiven empirisch abzubilden, bedient sich der Beitrag eines Mixed-Methods-Designs. Einerseits identifiziert der quantitative Teil der Untersuchung mit einer Sequenzmusteranalyse auf Basis des Deutschen Alterssurveys (1996-2017) typische Paarbeziehungsverläufe und mit Panelregressionsmodellen etwaige Auswirkungen der Übergänge. Andererseits werden im qualitativen Teil Leitfadeninterviews ausgewertet, die – sich auf einen der identifizierten Typen fokussierend – den Vollzug eines Übergangs rekonstruieren.

Ergebnisse: Die Ergebnisse des quantitativen Untersuchungsteils zeigen nicht nur inter-individuelle Unterschiede in Paarbeziehungsverläufen – bezüglich verschiedener sozialer Differenzkategorien – auf, sondern erlauben ebenso eine Darstellung intra-individueller Transformationen von Auswirkungen sozialer Ungleichheiten sowie der Alltagsgestaltung. Die qualitativen Ergebnisse ergänzen dabei, wie spezifische Alltags- und Übergangspraktiken sowie Sinnzuschreibungen die Gestaltung eines Übergangs begleiten.

Zusammenfassung: Auf Basis der Ergebnisse diskutiert der Beitrag, wie im Zusammenspiel der Methoden eine sowohl multidimensionale als auch reflexive Perspektive auf Übergänge in die Partner:innenlosigkeit im höheren Alter eingenommen werden kann. Damit wird exemplarisch aufgezeigt, welches Potential ein Mixed-Methods-Design für die Untersuchung sozialer Beziehungen und Lebensformen im höheren Alter bietet – ohne die Herausforderungen einer solchen Perspektivierung zu ignorieren.

11:15
Analyse außerfamiliärer Generationenbeziehungen im Alter unter Anwendung eines Mixed-Methods Designs
S16-22-3 

S. Lechtenfeld; Dortmund

Mit dem demografischen und gesellschaftlichen Wandel gehen für die Lebensphase Alter Veränderungen in den sozialen Netzwerken einher. Besonders Beziehungen zwischen Jung und Alt außerhalb der Familie sind häufig Gelegenheitskontakte, die hauptsächlich im Rahmen der eigenen Familie oder in organisierten Kontexten stattfinden. Neben einer zunehmenden Beziehungslosigkeit zwischen den Generationen ist auch eine Segregation zu beobachten. Aus diesem Grund haben aktuell generationenübergreifende Ansätze in Form von Projekten Konjunktur, die als Möglichkeit gesehen werden, Generationen außerhalb der Familie begegnen zu lassen und ein gegenseitiges Bewusstsein sowie Sensibilität füreinander zu entwickeln. Es gibt nur wenige empirische Ergebnisse zur Wirksamkeit, Nachhaltigkeit und Übertragbarkeit, da generationenübergreifende Ansätze nur selten evaluiert werden. Die Forschungsarbeit thematisiert die Bewertung, Akzeptanz, Einstellung sowie den (persönlichen) Nutzen eines intergenerationellen Senioren- und Jugendzentrums aus der Perspektive der älteren Generation. Folgende Forschungsfragen sind leitend:

- Wie gestaltet sich die persönliche Lebenslage der Senior*innen in Bezug auf inner- und außerfamiliäre soziale Beziehungen?

- Wie nimmt die ältere Generation die Jugendgeneration außerhalb der Familie wahr und welche Eigenschaften werden ihr zugeschrieben?

- Wie wird das intergenerationelle Senioren- und Jugendzentrum von den Senior*innen bewertet?

Für die Qualifizierungsarbeit wurde ein exploratives Vorgehen gewählt.  Die Analyse verschiedener Forschungsgegenstände erfordert die Anwendung eines methodenpluralen Designs aus qualitativen (problemzentriertes Interview, egozentrierte Netzwerkkarte) und quantitativen Forschungsmethoden (schriftliche Befragung, semantisches Differenzial), welches zu zwei Messzeitpunkten durchgeführt wurde. Im Rahmen des Beitrages werden Untersuchungsergebnisse ebenso vorgestellt und diskutiert wie der Nutzen und Herausforderungen von „Mixed-Methods“, die im Rahmen der Arbeit gemacht wurden.

11:30
In guten wie in schlechten Zeiten. Beforschung von Paaren mit Pflegebeziehung mithilfe eines Mixed Methods-Designs
S16-22-4 

K. Niedling; Bielefeld

Hintergrund: Eine der häufigsten Pflegekonstellationen in Deutschland ist die Pflege durch den:die (Ehe-) Partner:in. Dabei stellt sich die Frage, wie sich eine Paarbeziehung entwickelt, wenn sie zu einer Pflegebeziehung wird. Der Beitrag zeigt am Fall der explorativen Beforschung dieser Paare, die Chancen und Herausforderungen eines Mixed Methods-Designs. Dabei geht es um die Fragen von Methodenkompetenz, Ergebnisinterpretation sowie Ergebnispräsentation im Rahmen von Qualifizierungsarbeiten.

Material und Methoden: Für die Studie wurde – im Sinne eines weiten Mixed Methods Verständnisses – eine Triangulation qualitativer Verfahren gewählt. Es wurden fünf problemzentrierte Einzelinterviews mit pflegenden Partner:innen und sieben problemzentrierte Paarinterviews mit Paaren in einer Pflegebeziehung geführt. Außerdem wurden drei Gruppendiskussionen mit professionellen Pflegekräften durchgeführt. Alle Interviews hatten hohe Narrationsanteile und wurden mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet.

Ergebnisse: Die Entscheidung sowohl die Gruppendiskussionen und Paarinterviews als auch die Einzelinterviews mithilfe der Dokumentarischen Methode auszuwerten, erforderte eine umfangreiche methodische Reflexion. Die Frage nach der Kombination verschiedener Erhebungs- und Auswertungsmethoden führte zu methodologischen Grundsatzdiskussionen. Eine besondere Herausforderung bestand darin, dass es verschiedene Auffassungen von der Dokumentarischen Methode gibt, insbesondere mit welchen Auswertungsschritten die Analyse mit der Dokumentarische Methode abgeschlossen ist.

Schlussfolgerungen: Mithilfe von Mixed Methods können Phänomene zusammengedacht und damit neue Erkenntnisse eröffnet werden. Jedoch stellt die Multiperspektivität für die Darstellung von Interpretationsergebnissen und die Publikation dieser eine Hürde dar, weil dadurch auch eine Positionierung zu Methodenkonflikten notwendig wird. Es bedarf somit bei der Kombination verschiedener Verfahren und Methoden einer Sensibilität bezüglich analytischer Begriffe, die jeweils in einer ideengeschichtlichen Tradition verortet und an spezifische Methoden gebunden sind. Zusätzlich erfordert die Anwendung eines Mixed Methods-Designs eine hohe Methodenkompetenz. Diese sollte, beispielsweise in Forschungswerkstätten, geschult und reflektiert werden.

11:45
Qualitative Sekundärdatenanalyse im Rahmen des Forschungsprojekts "TiP.De- Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz"
S16-22-5 

J. Höhn; Köln

Das Forschungsprojekt ‚TiP.De – Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz‘ an der Hochschule Osnabrück, Campus Lingen untersuchte den Effekt von theaterpädagogischen Interventionen auf die Lebensqualität, das agitierte Verhalten, die Emotionalität und den Grad der Erkrankung von Menschen mit Demenz. Dabei wurde in interdisziplinärer Zusammenarbeit von Pflegewissenschaft und Theaterpädagogik ein theaterpädagogisches Interventionskonzept für Menschen mit Demenz entwickelt, in zwei Pflegeeinrichtungen implementiert und hinsichtlich der Wirksamkeit evaluiert. Der Effekt des theaterpädagogischen Interventionskonzepts wurde im Rahmen eines Mixed-Methods-Ansatzes im Prä-Post-Vergleich mit vier Interventionsgruppen erhoben. Im Rahmen von wöchentlichen Interventionen wurden theaterpädagogische Methoden mit einer Gruppe von Bewohnerinnen und Bewohnern mit einer Demenzerkrankung angewandt. Jede Einheit wurde videografisch dokumentiert. Im Prä-Post-Vergleich zeigten einzelne Dimensionen der Lebensqualität eine signifikant positive Veränderung, während das agitierte Verhalten im Alltag und der Grad der dementiellen Erkrankung über den Zeitraum von zehn Wochen auf gleichbleibendem Niveau, was im Krankheits- und Versorgungskontext als beachtenswert anzusehen ist. Im Rahmen der Dissertation wird eine qualitative Sekundärdatenanalyse aus Perspektive der Theaterpädagogik durchgeführt. Dabei wird das individuelle Verhalten der Teilnehmenden und ihre Beziehungsgestaltung in der Gruppe untersucht. Hauptaugenmerk liegt auf der ästhetischen Wahrnehmungsebene, dem Verlauf des Spielprozesses und den Interaktionsstrukturen der Beteiligten. Der erste Schritt der Datenanalyse folgte den Vorgaben der Videointeraktionsanalyse nach Knoblauch und Tuma (2011). Zur Organisation und besseren Strukturierung des komplexen Materials wird das Programm MAXQDA verwendet, mit welchem drei relevante Stellen selektiert werden konnten. Derzeit findet die Feinanalyse dieser Sequenzen statt, wofür die Voice-Methode (VCL) nach Gilligan (2015) modifiziert wurde. Erste Ergebnisse der eingehenden Analyse lassen feine Nuancen in den subjektiven Ausdrücken der Beteiligten erkennen, welche auf das Entstehen ästhetische Prozesse hinweist.

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