Freitag, 17.09.2021

09:45 - 11:15

Raum 2

S17-12

Menschenrechte im Alter

Moderation: J. Haberstroh, Siegen; V. A. Tesky-Ibeli, Frankfurt a. M.

Spätestens seit Beginn der Corona-Krise ist zunehmend in den Fokus geraten, dass Menschenrechte im Alter geschützt werden müssen, da ältere Menschen sowohl durch Einschränkungen ihrer Rechte und Freiheiten als auch durch Missstände in der Fürsorge eine vulnerable Gruppe im Hinblick auf Menschenrechtsverletzungen darstellen.

Bereits 2012 hat die UNO-Generalversammlung entschieden, dass ein Vorschlag für ein rechtlich verbindliches Dokument zur Stärkung der Menschenrechte im Alter ausgearbeitet werden solle, doch dieses liegt noch immer nicht vor. Nach wie vor lehnen einige Staaten die Forderung nach einer eigenen Konvention über die Rechte alter Menschen ab. Diese Ablehnung wird insbesondere dadurch begründet, dass es keine Rechte gäbe, die nur für alte Menschen gälten. Bei diesem Argument bleibt jedoch zweifelhaft, inwiefern Menschenrechte, die für alle gleichermaßen gelten, für alte Menschen auch gleichermaßen geschützt werden.

Aufbauend auf dem Themenheft Menschenrechte der Zeitschrift Psychotherapie im Alter sollen in diesem Symposium Menschenrechte im Alter interdisziplinär reflektiert und vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftlicher Projekte im Spannungsfeld von Menschenrechten und Alter diskutiert werden. Hierbei werden sowohl einzelne Menschenrechte herausgegriffen, als auch Menschenrechte im Allgemeinen in Bezug auf spezielle Problemlagen betrachtet.

09:45
Alter(n), Recht und Covid 19
S17-12-1 

A. Schwedler; Berlin

Seit ca. 10. Jahren wird darüber diskutiert, ob es gesetzliche Schutzlücken im Menschenrechtssystem zu Lasten älterer Menschen gibt. Bis heute ließ sich eine UN-Konvention zum Schutze älterer Personen nicht umsetzen. Doch die Situation von älteren Menschen und deren Rechte sind in Zeiten der COVID-19 Pandemie besonders in den Fokus gerückt. Da sich diese Personengruppe aufgrund ihrer besonderen Vulnerabilität im Falle einer Infektion einem erhöhten Risiko ausgesetzt sieht, wurden weitreichende Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen, die tief in ihre Rechte eingreifen. Dies gilt beispielsweise für die Besuchs- und Betretungsverbote in Alten- und Pflegeheimen, welche in sämtlichen Bundesländern zum Schutz der Heimbewohner vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus angeordnet wurden. Die negativen Folgen dieser Schutzmaßnahmen, wie Vereinsamung, mangelnder Lebensmut und Depressionen, wurden dabei in Kauf genommen. Die anhaltende Notstandslage macht es unerlässlich, alle getroffenen Maßnahmen in regelmäßigen Abständen auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen, mildere Reaktionsmöglichkeiten zu evaluieren und gegebenenfalls nachzubessern. Insofern sollte die COVID-19 Pandemie insgesamt dazu genutzt werden, die Rechte von älteren Menschen nachhaltig und effektiv besser zu verankern. Insbesondere die Verabschiedung einer UN-Konvention zum Schutze der Rechte der älterer Personen würde dies ermöglichen, da auch die aktuelle Reform des Betreuungsrechts bei Weitem noch nicht alle gesetzliche Schutzlücken schließt.

10:00
Das Recht auf Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben im Alter am Beispiel urbaner Mobilität
S17-12-2 

F. Oswald, T. Klinger, K. Conrad, S. G. Penger, S. Siedentop; Frankfurt a. M., Dortmund, Siegen

Ziel dieses Beitrags ist es, die Alltagsmobilität im höheren Alter aus einer Perspektive des grundlegenden Rechts zur Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu diskutieren. Vorgenommen wird eine Positionsbestimmung an der Schnittstelle ökologischer Gerontologie, Psychologie sowie Stadt- und Mobilitätsforschung. Wirkzusammenhänge zwischen Mobilität, Gesundheit, Wohlbefinden oder Partizipation werden aufgezeigt. Dies erfolgt zum einen vor dem Hintergrund der Diskussion um Menschenrechte im höheren Alter, zum anderen vor dem Hintergrund ausgewählter Konzepte und Befunde eigener Studien aus der Gerontologie und Mobilitätsforschung. Dazu gehören aus Sicht einer ökologischen Gerontologie Konzepte zum Person-Umwelt Austausch und Studien zum Wohnenbleiben im Quartier. Befunde verweisen z.B. darauf, dass Teilhabe am Leben im Stadtteil und sozialer Austausch gerade im sehr hohen Alter wichtig sind, wobei insbesondere subtilen Formen sozialer Teilhabe (z.B. im Austausch mit Nachbarn sein) eine große Bedeutung zukommt. Aus Sicht einer Stadt- und Mobilitätsforschung wird vor dem Hintergrund der Debatte um ein „Recht auf Stadt“ auf außerhäusliche Mobilität als Voraussetzung zur Sicherung eines Rechts auf gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe am urbanen Leben fokussiert. Befunde verweisen darauf, dass sich umweltbezogene Faktoren wie Barrieren, lufthygienische Belastungen, Lärmeinwirkungen oder wahrgenommene Unsicherheit im öffentlichen Raum negativ auf die Ausübung von Mobilität auswirken können, insbesondere im Zusammenhang mit mobilitätsvermindernden Extremwetterereignissen wie langen Hitzeperioden.

10:15
Das Recht auf Selbstbestimmung bei Demenz: eine AWMF-S2k-Leitlinie
S17-12-3 

J. Haberstroh, V. A. Tesky-Ibeli, J. Pantel; Siegen, Frankfurt a. M.

Einleitung: Das Recht auf Selbstbestimmung ist eine Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen mit Demenz wird jedoch bereits in frühen Stadien angezweifelt. Ein Bereich, in dem das Recht auf Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz häufig in Gefahr ist, sind Entscheidungen über medizinische Maßnahmen. Menschen mit Demenz sind häufig auf medizinische Maßnahmen angewiesen und werden regelmäßig mit diesbezüglichen Entscheidungen konfrontiert. Um in solchen Entscheidungen von seinem/ihrem Recht auf Selbstbestimmung Gebrauch machen zu können, muss der/die Patient:in einwilligungsfähig sein. In der Praxis besteht jedoch oft Unsicherheit darüber, ob ein Mensch mit Demenz einwilligungsfähig ist, welches Prozedere beim Einholen einer informierten Einwilligung zu durchlaufen ist, wie adäquat informiert werden kann und wie Einwilligungsfähigkeit ggf. hergestellt werden kann.

Ziel war es daher, strukturierte Empfehlungen zur Sicherung der Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz bei Entscheidungen über medizinische Maßnahmen zur Verfügung zu stellen.

Methode: Die Leitlinie wurde unter Federführung der DGGG, der DGPPN und der DGN mit zentraler Einbindung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz erstellt. Das Verfahren folgte den Vorgaben der Arbeitsgemeinschaft für medizinische Fachgesellschaften (AWMF) zur Entwicklung einer konsensbasierten S2k-Leitlinie und den Anforderungen des Deutschen Instruments zur methodischen Leitlinien-Bewertung DELBI (www.delbi.de).

Ergebnisse: Insgesamt 33 Empfehlungen und 31 rechtliche Vorgaben wurden im Leitlinienprozess konsentiert.

Diskussion: In diesem Beitrag sollen die wichtigsten Empfehlungen der Leitlinie vorgestellt und diskutiert werden.

10:30
Digitale Teilhabe und informationelle Selbstbestimmung fördern - Ein Ansatzpunkt für partizipative Alternsforschung
S17-12-4 

F. Wolf, M. Leontowitsch; Frankfurt a. M.

Die Mehrheit der älteren Menschen in Deutschland nutzt regelmäßig digitale Technologien. Eine prominente Rolle fällt dabei dem Smartphone zu, etwa 70% der über 60-jährigen besitzt ein solches Gerät. Damit rückt auch für diese Gruppe das Thema Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung in den Vordergrund. Das Smartphone, mit seiner verbauten Sensorik, als auch der unzähligen nutzbaren Apps, erhebt kontinuierlich personenbezogene Daten, die an Dritte zur Speicherung und Verarbeitung weitergeben werden. Diese Daten werden vermehrt auch in sensiblen Alltagsbereichen eingesetzt dienen z.T. als Grundlage für Entscheidungen im Bereich Versicherungen, Gesundheit und Finanzen. Das Resultat dieser Praktiken ist ein Kontrollverlust über die Nutzung privater Informationen und Daten und damit eine potentielle Auflösung der ehemals getrennten Spähren des Privaten und der Öffentlichkeit. Es stellt sich die Frage wie - insbesondere auch ältere Menschen mit wenig Technikerfahrung - auf die drohende Auflösung dieser Grenze reagiert werden kann?

Eine Möglichkeit ist die Förderung einer kritischen Medienbildung von älteren Techniknutzer:innen. Diese muss über die reine Bedienkompetenz der jeweiligen digitalen Endgeräte hinausgehen. Kern einer kritischen Medienbildung ist die eigenen Medienhandlungs- und digitalen Alltagspraxen hinsichtlich der sozio-technischen Rahmenbedingungen der Nutzung digitaler Technologien zu reflektieren. Der Wissenserwerb über Funktionen und Mechanismen digitaler Datenverarbeitung ist dafür unerlässlich. Eine solche kritische Medienbildung ermöglicht darüber hinaus, das ältere Techniknutzer:innen von reinen Rezipienten der Digitalisierung zu Mitgestalter:innen der digitalen Gesellschaft werden können und stellt damit einen zentralen Baustein gesellschaftlicher Teilhabe bis ins hohe Alter dar. 

Diese medienbildungstheoretischen Überlegungen werden im integenerationellen partizipativen Forschungsprojekt "DigiGen - Generationen gestalten Digitalisierung gemeinsam" umgesetzt. Das Projekt hat zum Ziel das eine intergenerationelle Gruppe aus Schüler:innen und älteren Bürger:innen der Stadt Frankfurt gemeinsame Wissensbestände zum Thema Digitalisierung und künstliche Intelligenz erarbeitet um darauf aufbauend eigne Perspektiven zu entwicklen, wie die digitale Zukunft proaktiv gestaltet werden kann. Das Projekt startet mit der ersten Praxisphase im August 2021 und wird im Rahmen des Beitrags näher vorgestellt. 

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10:45
Wohnenbleiben um jeden Preis? Menschenrechtsverletzungen in der familalen Pflege alter Menschen: Die interdisziplinäre Ableitung von Empfehlungen an den Gesetzgeber zum Schutz vor Gewalt im Forschungsprojekt VERA
S17-12-5 

N. Konopik, A. Schwedler, F. Oswald, M. Wellenhofer, G. Zenz, L. Salgo; Freiburg, Berlin, Frankfurt a. M.

Privatwohnen ist die häufigste Wohnform im Alter. Auch in der eigenen Häuslichkeit kann Versorgungsabhängigkeit ein Risikofaktor für Gewalt gegen ältere Menschen und pflegende Angehörige sein. Das Forschungsprojekt »Menschenwürde und Persönlichkeitsrechte bei Versorgungsabhängigkeit in der häuslichen Pflege – Rechtsschutz für Pflegende und Pflegebedürftige (VERA)«, beschäftigt sich mit dem Thema aus rechts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Zunächst (1) wurden empirische Daten zur Situation der häuslichen Pflege ausgewertet. Sodann wurden (2) die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen untersucht. Darauf aufbauend wurden (3) Empfehlungen für Verwaltung und Gesetzgebung unter Mitwirkung von Praktiker/innen formuliert. Die Empfehlungen zielen auf die Prävention bei Pflegeproblemen durch effizientere Unterstützung der Pflegenden sowie Interventionen im Falle von Gewalt. Dazu zählen die Durchführung einer bundesweiten Informationskampagne zur Sensibilisierung der Bevölkerung für die Bedeutung und Herausforderungen (gewaltfreier) häuslicher Pflege und die Einrichtung einer zuständigen Behörde („zentrale Anlaufstelle“) für den Bereich von Pflege und elder abuse. Nicht zuletzt wird es auch im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie deutlich, dass Unterstützung und Kontrolle der familialen Pflege zum Schutz Pflegender und Gepflegter noch nicht ausreichend vorhanden sind.

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