Freitag, 17.09.2021

14:00 - 15:30

Raum 2

S17-22

Mediale Altersbilder und -diskurse während der Corona-Pandemie

Moderation: J. Myrczik, Berlin

Während der Corona-Pandemie ist die Kategorie Alter verstärkt in den Fokus öffentlicher Debatten gerückt.  Ältere Menschen werden häufig als Risikogruppe bezeichnet aufgrund hoher Mortalitätsraten bei über 70-jährigen, ungeachtet weiterer potentieller Differenzierungen wie Vorerkrankungen, Gender oder Armut. Zudem unternahmen Regierungen weltweit Anstrengungen, die ältere Bevölkerung und vor allem diejenigen, die in Pflegeheimen wohnen, vor einer Infektion zu schützen, indem physischer Kontakt stark eingeschränkt wurde. Gerontolog:innen sprachen schon in den Anfängen der Pandemie von einem „COVID ageism“, geprägt durch ein einseitig-negatives und ressourcenarmes Bild älterer Menschen, was sich auch in Folge in Medien widerspiegeln könne. Im Mittelpunkt des Symposiums steht die Frage, welche medialen Altersbilder und –diskurse im Kontext der Corona-Pandemie vorherrschen. Es werden vier empirische Beiträge zur medialen Darstellung und Verhandlung von Alter in Polit Talkshows, Online-Nachrichtenseiten und Zeitungen vorgestellt. Untersucht wird, wie sich ältere Menschen selbst in der medialen Öffentlichkeit präsentieren, wie sie visuell und sprachlich dargestellt werden, aber auch wie Medien Generationenbeziehungen in der Pandemie verhandeln. Während bis in die 1980er Jahre überwiegend defizit-orientierte Repräsentationen von Alter in Gesellschaft und Medien existierten, kam es in den letzten Jahrzehnten zu einer parallel stattfindenden Konjunktur positiver, kompetenzorientierter Altersbilder. Mit dem Fokus auf der Schutzbedürftigkeit der als homogen präsentierten Gruppe von Älteren in der Corona-Pandemie gibt es Indizien für die Wiederkehr der einseitig-negativen Altersbilder und –diskurse, die Konsequenzen für die Älteren selbst wie auch für die intergenerationelle Solidarität darstellen können.

Symposium Vorträge:

  • Eva-Marie Kessler (Medical School Berlin): Die Repräsentanz Älterer in Polit Talkshows während der Corona-Pandemie
  • Janina Myrczik (Medical School Berlin): Gebrechlich und schwach? –Fotos von Älteren in Online-Nachrichtenportalen während der Corona-Pandemie
  • Jana Heinz (Deutsches Jugendinstitut) und Helga Pelizäus (Universität der Bundeswehr München): Bilder von Alt und Jung in der Corona-Krise: Stereotypen zur Bewältigung der Ungewissheit
  • Carolin Schneider (Universität Duisburg-Essen): Happy End?! Ein kritischer Blick auf die mediale Repräsentation der Isolation von Menschen mit Alzheimer während der Coronapandemie 2020 in Florida
14:00
Repräsentanz älterer Gäste in Polit-Talkshows während der Corona-Pandemie
S17-22-1 

E.-M. Kessler, A. Franke, C. Schwender, J. Myrczik; Berlin, Ludwigsburg, Potsdam

Hintergrund: Die ältere Bevölkerung erfährt unverhältnismäßig größere negative Auswirkungen der Pandemie in einigen Lebensbereichen, einschließlich schwerwiegenderer gesundheitlicher Komplikationen oder höherer Sterblichkeit. Die vorgestellte Studie untersucht am Beispiel von Polit-Talkshows in Deutschland, ob ältere Menschen zur Teilnahme an öffentlichen Debatten zu COVID-19 eingeladen werden und welche Positionen sie dort einbringen.

Methode: Es wurden 150 Episoden von vier wöchentlichen politischen Talkshows mit den höchsten Einschaltquoten im deutschen Fernsehen, die im gesamten Jahr 2020 ausgestrahlt wurden, quantitativ ausgewertet. In einem ersten Schritt wurde kodiert, wie viele Gäste im Alter von 65+ eingeladen wurden und aus welchen gesellschaftlichen Bereichen sie stammen. In einem zweiten Schritt wurde mittels einer Frame-Analyse analysiert, welche Positionen die älteren Gäste im Vergleich zu den jüngeren Gästen verwendeten und ob sie sich für die Situation älterer Menschen in der Pandemie einsetzten.

Ergebnisse: Unsere vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass Gäste 65+ in politischen Talkshows zu Corona-bezogenen Themen selten eingeladen wurden (9,82%), mit nur drei Gästen (0,61%) im Alter von 80+. Dies sind sogar weniger ältere Gäste als in nicht-Corona-bezogenen Sendungen (16,95%). Gäste 65+ verwendeten nicht häufiger als jüngere Gäste, Positionen, welche die Situation älterer Menschen adressierten, unabhängig von der Rolle, für die sie eingeladen wurden. Menschen im Ruhestand wurden selten einbezogen (0,61%). Innerhalb der Altersgruppe 65+ waren Frauen unterrepräsentiert (16,7%), was eine doppelte Benachteiligung durch Alter und Geschlecht widerspiegelt.

Diskussion: Die Stimmen älterer Menschen, insbesondere die von älteren Frauen außerhalb des aktiven Berufslebens, sind in deutschen politischen Talkshows selten zu hören. Eine stärkere Beteiligung und Einbeziehung älterer Menschen in Debatten zu COVID-19 würde zu einem effizienteren Umgang mit der Pandemie beitragen.

14:20
Gebrechlich und schwach? – Fotografische Darstellung älterer Menschen in Online-Nachrichtenportalen während der Corona-Pandemie
S17-22-2 

J. Myrczik, A. Franke, C. Schwender, E.-M. Kessler; Berlin, Ludwigsburg, Potsdam

Hintergrund: In der Corona-Pandemie wurde von älteren Menschen häufig als Risikogruppe gesprochen aufgrund hoher Mortalitätsraten und dem erhöhten Risiko von schweren Verläufen bei über 70-jährigen. Ob sich dieses Altersbild auch in den Medien widerspiegelt, ist bisher nicht untersucht. Bis in die 1980er Jahre herrschten in den Medien vorwiegend defizit-orientierte Darstellungen von Alter vor, die in den Folgejahren um positive und kompetenzorientierte Altersbilder ergänzt wurden. Vor dem Hintergrund untersuchten wir die Repräsentation von älteren Menschen anhand von Fotografien in vier deutschen Online-Nachrichtenportalen mit der größten Reichweite im Jahr 2020.

Methode: Die Studie analysierte mittels einer quantitativen Bildanalyse die Titelfotos von Corona-bezogenen Artikeln aus den vier Online-Nachrichtenportalen t-online.de, bild.de, spiegel.de und ntv.de aus dem gesamten Jahr 2020. Es wurden durch ein Webcrawling Corona-bezogene Artikel identifiziert und nach Synonymen für Ältere gefiltert (N=3561). In einem ersten Schritt wurden die Fotos danach geratet, ob eine ältere Person vorkam. In einem zweiten Schritt wurden die identifizierten Fotos älterer Menschen von trainierten, unabhängigen Raterinnen entlang von gerontologischen, pandemiespezifischen sowie medienwissenschaftlichen Indikatoren kodiert. Mit einer Clusteranalyse fassten wir die Kombinationen der Indikatoren zu Typen von Altersbildern zusammen.

Ergebnisse: Die bisherigen vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass ältere Menschen über alle Phasen der Pandemie hinweg vorwiegend als passive, fragile und einsame Personen dargestellt werden. Sie werden meist nur als Silhouette von hinten gezeigt oder es sind nur einzelne Körperteile sichtbar. Die Fotografien sind zudem von einer negativen Tonalität geprägt.

Diskussion: Die Fotos von älteren Menschen in der Corona-Pandemie sprechen für eine Wiederkehr des defizit-orientierten Altersbildes. Diese Repräsentation können nicht nur für ältere Menschen problematisch sein, da negative Altersbilder zu einer Stigmatisierung beitragen, sondern auch für jüngere Menschen, wenn diese sich selbst für wenig verwundbar halten.

14:40
Bilder von Alt und Jung in der Corona-Krise: Stereotypisierung zur Bewältigung von Ungewissheit
S17-22-3 

H. Pelizäus-Hoffmeister, J. Heinz; Neubiberg, München

Der SARS-CoV-2 Virus und damit einhergehende Maßnahmen seiner Bekämpfung haben zu einem spezifischen Blick auf die Generationen geführt. In der medialen Berichterstattung wurden insbesondere zu Beginn der Pandemie „Bilder“ von „Alt“ und „Jung“ gezeichnet, die durch ihre Stereotypisierungen die große Heterogenität beider Gruppen vernachlässigen. Und durch einen fast paternalistischen Zugriff wurde ihnen (Selbst- )Verantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit abgesprochen.

Die pauschale Beschreibung älterer Menschen als Risikogruppe, als schutzbedürftig, hilflos und in diesem Sinne als „defizitär“ leistet einer Altersdiskriminierung Vorschub, so lautet unsere These, die nicht nur auf institutioneller und organisatorischer Ebene wirkt, sondern die sich ebenfalls in den Köpfen der Menschen verfestigt. Und sie führt auf der Praxisebene z.B. dazu, dass viele der sogenannten „jungen Alten“, die sich guter Gesundheit erfreuen, in ihrem Engagement für hilfebedürftige Hochaltrige ausgebremst werden. Auch die stereotype Beschreibung von Kindern und Jugendlichen als „Generation Corona“, die unter den Maßnahmen am meisten leide, verkennt die Vielschichtigkeit der Situation. So wird etwa übersehen, dass es einige Kinder durchaus genießen, mehr Zeit zu Hause mit ihren Eltern zu verbringen. Und ein Teil der Jugendlichen sieht in der Krise eine Chance und hofft in der Zeit nach dem Virus eigene Vorstellungen zu Wirtschaft und Gesellschaft besser durchsetzen zu können.

Das Ziel des Beitrags ist es einerseits theoriegeleitet unter Bezugnahme auf soziologische Konzepte der Risiko- und Unsicherheitssoziologie die Formen der Krisenbewältigung in ihrer inneren Logik nachzuvollziehen. Es soll aufgezeigt werden, warum vermeintliche Eindeutigkeiten – wie pauschalisierende Bilder von „Alt“ und „Jung“ – in Zeiten großer Ungewissheit konstruiert werden (müssen) und inwiefern sie (politisches) Handeln begründen. Andererseits soll gezeigt werden, dass sie aufgrund ihrer Vereinfachungen mit nicht intendierten Nebenfolgen einhergehen, die sichtbar gemacht, kritisch reflektiert und gegebenenfalls verändert werden müssen.

Am Beispiel der Online-Berichterstattung der „Süddeutschen Zeitung“, der „Welt“ und der „TAZ“ im Zeitraum von März bis September 2020 werden mittels einer Inhaltsanalyse die Bilder der Generationen und daraus abgeleitete Maßnahmen mit ihren nicht intendierten Nebenfolgen rekonstruiert.

15:00
Happy End?! Ein kritischer Blick auf die mediale Repräsentation der Isolation von Menschen mit Alzheimer während der Coronapandemie 2020 in Florida
S17-22-4 

C. Schneider; Essen

Onlinemedien nehmen eine zunehmend wichtigere Rolle im öffentlichen Diskurs über Alzheimer und andere Formen der Demenz ein (vgl. Guendouzi & Müller 2006). In Vor-Corona-Zeiten von internationalen Medien oft als ‚globale Epidemie‘ (Bailey et al. 2019) bezeichnet, ist Alzheimer (AD) die weltweit vorherrschende Form der Demenz.

Die vorliegende Studie nimmt in einer kritischen Diskursanalyse mediale Präsentationen von AD im Angesicht der realen ‚globalen Epidemie‘ in den Blick. Die qualitative Untersuchung konzentriert sich auf die Onlineberichterstattung der US-Medien im Juli 2020 über den Fall von Mary Daniels, die inmitten des landesweiten Besuchsverbots für Pflegeheime in Florida, begann, in der Pflegeeinrichtung, in der ihr Mann mit Alzheimer lebt, zu arbeiten.

Anhand eines Datensatzes von 30 Onlinezeitungsartikeln untersucht diese Studie die sprachliche Repräsentation (Fairclough 1995) von Menschen, die mit AD leben, und die Isolation, mit der diese aufgrund der staatlichen Schutzmaßnahmen konfrontiert sind. Darüber hinaus werden die  Machtdynamiken zwischen sozialen Akteuren (Mary und Steve Daniels, die Regierung) und Konzeptualisierungen beider Krankheiten (AD und Corona) beleuchtet, indem inhaltliche Orientierungen der Berichterstattung (fokussierte und vernachlässigte Aspekte) und sprachliche Strategien (etwa die Verwendung von Aktiv- und Passivkonstruktionen) analysiert werden.

Diese Studie problematisiert somit den Sensationalismus der massenmedialen Berichterstattung (Seale 2003) durch die Verallgemeinerung und Romantisierung eines Einzelfalls.

Bailey, Annika, Tom Dening, and Kevin Harvey. "Battles and breakthroughs: representations of dementia in the British press." Ageing & Society (2019): 1-15.

Fairclough, Norman. Media discourse. London: Edward Arnold, (1995).

Guendouzi, Jacqueline A., and Nicole Müller. Approaches to discourse in dementia. Psychology Press, (2006).

Seale, Clive. "Health and media: an overview." Sociology of health & illness 25.6 (2003): 513-531

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