Freitag, 17.09.2021

14:00 - 15:30

Raum 5

S17-25

Mapping Age: Zum Verhältnis von Alter und räumlich-dinglichen Umwelten

Moderation: A. Wanka, Frankfurt a. M.

Räume spielen in der Gerontologie seit jeher eine zentrale Rolle und erfahren aktuell auch in der öffentlichen Diskussion im Rahmen der Corona-Pandemie vermehrt Aufmerksamkeit. Im Zentrum steht dabei häufig die Aufrechterhaltung von Autonomie und Wohlbefinden im Alter in einer gewohnten Umgebung bzw. dem eigenen „Zuhause“ und die potenziell prothetische Umweltfunktionen zur Kompensation altersbedingter oder altersassoziierter Defizite, von Mobilitätseinschränkungen bis zur Verringerung sozialer Kontakte. De facto wird damit ein „Containermodell“ von Raum vertreten, d.h. Umwelt als sozialräumlicher Kontext des Alter(n)s begriffen. Demgegenüber diskutieren wir im Symposium die Potenziale eines relationalen Raumbegriffs. Angewandt auf das Alter(n) bedeutet das: Räume werden nicht als äußere Kontextbedingungen des Alterns verstanden, sondern es wird angenommen, dass Räume  durch das Alter(n) mithervorgebracht werden; und umgekehrt ist das Alter(n) inhärent räumlich – Alter(n) und Raum sind somit als ko-konstitutive Prozesse zu betrachten. Ein solcher Raumbegriff kann uns helfen, ein besseres Verständnis dafür zu erlangen, wie Alter(n) durch Räume und Materialitäten hergestellt wird, und wie sich räumliche (Neu)Anordnungen zu Wahrnehmungen, Praktiken und dem Erleben des Älterwerdens verhalten. Unter dem Forschungsansatz „Mapping Age“ analysieren drei empirische Beiträge das Verhältnis zwischen älteren Menschen und räumlich-dinglichen Umwelten: Anna Richter und Grit Höppner bestimmen dieses Verhältnis über einen praxistheoretischen Zugang und zeigen am Beispiel des Partner_innenverlusts, wie alters- und geschlechtsspezifische Konstruktionen über räumliche Anordnungen und Affekte hervorgebracht werden. Anna Wanka und Vera Gallistl diskutieren das Verhältnis von Raum und Alter(n) in digitalen Umgebungen und zeichnen nach, wie hybride Räumlichkeiten, die sich zwischen digitalen und analogen Lebenswelten aufspannen, neue Formen eines hybriden Alter(n)s konstituieren. Grit Höppner, Cordula Endter und Julia Hahmann beschäftigen sich abschließend mit den Perspektiven, Zielen und Grenzen eines "Mapping Age"-Zugangs. Die zwei Beiträge werden aus gerontologisch-sozialpsychologischer Perspektive von Frank Oswald kommentiert.

14:00
Der „Ageing-in-Place Cyborg“ - Die Ko-Konstitution von Alter(n) und Raum an der Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Lebenswelten
S17-25-1 

A. Wanka, V. Gallistl; Frankfurt a. M., Wien/A

Zentral für die Heuristik des “Mapping Age” ist ein relationaler Raumbegriff, der der Gerontologie ermöglicht, Alter(n) und Räume als miteinander im Werden, d.h. als prozessual und relational anstatt als statisch und fixiert zu verstehen. Der Wandel hin zu digitalen Gesellschaften fügt dieser Relationalität einen weiteren Aspekt hinzu: So findet das Werden von Alter(n) und Raum zunehmend auch mit und durch digitale Räume statt (vgl. Lupton, 2015). Durch die Verbreitung digitaler Technologien verbinden sich analoge und digitale Räume und Lebenswelten im Alter zu hybriden Konglomeraten, die die Trennung zwischen real-materiellen und virtuell-softwarebasierten Räumen herausfordern (vgl. Unger, 2010).

Der vorliegende Beitrag fragt nach den Konsequenzen der Digitalisierung für die Ko-Konstitution von Alter(n) und Raum. Dabei arbeitet er auf Basis einer Literaturübersicht drei Formen der Ko-Konstitution von Alter(n) und digitalen Räumen heraus und diskutiert diese jeweils anhand eines empirischen Beispiels: 1) die digitale Vermessung von Räumen des Alter(n)s durch digitale Technologien, 2) die Erweiterung von Räumen des Alter(n)s durch digitale Technologien und 3) die Emergenz neuer Relationen von Alter(n) und Raum in digitalen, etwa virtuellen Räumen.

Die Ergebnisse verdeutlichen den gerontologischen Mehrwert davon, Alter(n) in seinen hybriden – also analogen und digitalen - Räumen zu untersuchen, diese aber nicht allein als Kontexte des Alter(n)s zu fassen, sondern nachzuzeichnen, wie hybride Räumlichkeiten auch hybride Formen des Alter(n)s, die sich zwischen digitalen und analogen Lebenswelten aufspannen, hervorbringen. Der Ageing-in-Place Cyborg dient dabei als Metapher, um die für einen relationalen Raumbegriff zentrale Verstrickung zwischen Alter(n), Raum und digitalen Infrastrukturen zu beschreiben.  

14:25
Doing grief: Praxistheoretische Überlegungen zu alters- und geschlechtsspezifischen Konstruktionen von Räumen und Affekten im Zusammenhang mit einem Partner*innenverlust
S17-25-2 

A. S. Richter, G. Höppner; Berlin, Münster

Der gerontologischen Beschäftigung mit Wohn- und Lebensräumen lag lange ein „Containermodell“ von Raum zugrunde, in dem Umwelten als sozialräumliche Kontexte des Alter(n)s begriffen wurden. Seit einiger Zeit wird hingegen ein Verständnis von Raum vorgeschlagen, welches Wohn- und Lebensräume nicht als feststehende Struktur begreift, sondern als dreidimensionale Arrangements, die in komplexen sozialen Prozessen hervorgebracht werden und erst durch Aneignungs- und Deutungsprozesse Wirksamkeit entfalten. Verbunden sind diese Prozesse der Herstellung und Aneignung von Räumen immer auch mit affektiven Aspekten, wobei Affekte entweder theoretisch unbestimmt oder als kognitive und individuell ablaufende Prozesse wie z.B. Gefühle des Wohlbefindens oder des Unwohlseins verstanden werden. Allerdings tendiert dieses konstruktivistische Raumverständnis dazu, die Materialität dreidimensionaler Anordnungen im Raum sowie die Bedeutung der Interaktion zwischen menschlichen Akteur*innen und Artefakten aus dem Blick zu verlieren. Praxistheorien betonen dagegen den engen Zusammenhang zwischen sozialen Praktiken, Räumen und Affekten und verstehen auch Artefakte als Träger*innen von Interaktionen.

Im Beitrag wird dieses praxistheoretische Verständnis von Räumen und Affekten anhand der Ergebnisse eines Forschungsprojektes zum Partner*innenverlust verdeutlicht. Der Fokus liegt dabei nicht auf Trauerreaktionen, Bewältigungsverhalten oder den Auswirkungen auf die Lebenssituation der Hinterbliebenen, sondern der praxistheoretischen Perspektive entsprechend vielmehr auf den sozialen Praktiken, die dem Partner*innenverlust erst auf spezifische Art und Weise formen, ihm seine soziale Gestalt verleihen und mit Bedeutung versehen. Untersucht wird, wie Raumkonstruktionen mit Konstruktionen von Alter und Geschlecht einhergehen und welche Affekte sich in diesen Herstellungspraktiken materialisieren. Die Ergebnisse machen deutlich, dass sich ein Partner*innenverlust in unterschiedlichen sozialen Praktiken und Räumen manifestiert, die die Hinterbliebenen aufgrund der jeweiligen materiellen Arrangements und Atmosphären auf spezifische Weise affizieren.

14:50
Materielle Gerontologie – Perspektiven, Ziele, Grenzen
S17-25-3 

G. Höppner, C. Endter, J. Hahmann; Münster, Görlitz, Vechta

Ausgehend von einem relationalen Raumbegriff zeigen die Vorträge auf, wie sich Altern räumlich ko-konstituiert. Räume werden durch Altern hervorgebracht, so wie sich Altern umgekehrt räumlich manifestiert und in der materiellen Gestalt des Raums sichtbar wird. Die Vorträge haben dabei deutlich gemacht, dass diese Ko-Konstitution zu unterschiedlichen Erscheinungsformen des Alter(n)s führt, die affektiv aufgeladen sein können oder deren Grenzen sich in der raum-zeitlichen Ausdehnung des hybriden Raums neu figurieren. Um dieser konstitutiven Multiplizität analytisch beizukommen, wählen die Vorträge eine Perspektive, die weder Alter(n) noch Raum als abgrenzbare Entitäten betrachtet, sondern als materiell-diskursive Phänomene.

Wie eine solche Perspektive die Gerontologie bereichern kann, diese Frage will das DFG geförderte Netzwerk „Materielle Gerontologie“ beantworten. Ausgangspunkt ist der material turn in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, der die Frage aufgeworfen hat, inwieweit nicht nur menschliche Körper, sondern auch (Alltags-)Gegenstände, Technologien, Räume, aber auch Tiere konstitutiv für soziale Phänomene sind. Überträgt man diese Idee auf das Alter(n), dann stellen sich in der Analyse, wie Menschen altern und wo Altersprozesse vonstattengehen, neue Fragen:

  • Welchen Anteil haben sowohl menschliche Körper, als auch Dinge – von der Kaffeetasse bis zur barrierefreien Badewanne – in der Hervorbringung der Lebenswelten älterer Menschen?
  • Wie beeinflussen menschliche Körper und Dinge – von Rollatoren über Parkbänke zu „altersgerechter“ Kleidung – Selbst- und Fremdbilder des Alter(n)s?
  • Und wie werden gesellschaftliche Vorstellungen und Ungleichheiten in Körper und ebenso in Dinge eingeschrieben, etwa in neue Technologien?

Neben dem Raum spielen dabei Materialitäten, Temporalitäten und Affekte in der Analyse derjenigen Phänomene eine Rolle, in der sich Altern und damit gerontologische Untersuchungsbereiche und Forschungsgegenstände ko-konstituieren. In diesem Sinne lädt eine Betrachtung, wie sie die Materielle Gerontologie vorschlägt, auch dazu ein, die eigenen Fachgewissheiten zu hinterfragen und neue Relationen auszuloten, die Alter(n) nicht allein als soziale Konstruktion ausweisen, sondern als ein relationales Phänomen, dass sich erst in der relationalen Praxis unterschiedlicher menschlicher und nicht-menschlicher Akteure konstituiert.

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