Freitag, 17.09.2021

09:45 - 11:15

Raum 6

S17-16

Ländliche und städtische Daseinsvorsorge

Moderation: B. Wolter, Berlin

09:45
Möglichkeiten und Herausforderungen digitaler Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen am Beispiel Ostsachsen
S17-16-1 

C. Endter, B. Pottharst, A. Hoff; Görlitz

Der gesellschaftliche Alterungsprozess vollzieht sich innerhalb Deutschlands sehr unterschiedlich und führt zu einer erheblichen interregionalen Varianz in den Lebensverhältnissen. Diese betrifft gerade ältere Menschen, die aufgrund geringerer Mobilität bei gleichzeitig höherer Angewiesenheit auf gesundheitliche oder pflegerische Versorgung vom Rückbau von Verkehrs- und Versorgungsmöglichkeiten wie auch von kulturellen und sozialen Angeboten besonders betroffen sind.

Sowohl auf Seiten der Politik (Siebter Altenbericht, Enquete-Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse) als auch auf Seiten der Wissenschaft finden sich Forderungen und Maßnahmen, die auf eine partizipativ gestaltete sorgende Gemeinschaft in kommunaler Unterstützung setzen. Dabei wird betont, dass es weniger um die Erfüllung von Mindeststandards als um die zielgerichtete und auf den Sozialraum abgestimmte Umsetzung von Maßnahmen gehen müsse. Trotz dieser Vorschläge und damit verbundener Maßnahmen zeigt die Analyse der Lebenssituation älterer Menschen in ländlichen Räumen, wie infrastrukturelle Benachteiligungen weiterhin die Lebenssituation älterer Menschen negativ beeinflussen. Das betrifft vor allem die Verschärfung bestehender sozialer Ungleichheiten im Alter durch regionale Ungleichheiten.

Dabei lässt sich innerhalb der letzten fünf Jahre beobachten, wie das Repertoire bestehender Maßnahmenkataloge zunehmend um digitale Dienstleistungen und technische Unterstützungssysteme zur Gewährleistung der Daseinsvorsorge erweitert wird. Damit verbunden ist das Ziel, älteren Menschen mittels digitaler Technologien soziale Teilhabe, gesundheitliche und pflegerische Versorgung in ländlichen Räumen zu ermöglichen.

In unserem Vortrag loten wir Möglichkeiten wie Herausforderungen digitaler Daseinsvorsorge anhand von Befragungsergebnissen des seit 2014 laufenden Forschungsprojekts „VATI - Vertrauen in Assistenz-Technologien zur Inklusion“ an der Hochschule Zittau/Görlitz aus. Anhand der Befragungsergebnisse zeigen wir auf, welche regional spezifischen Bedarfe und Anforderungen ältere Menschen an digitale Daseinsunterstützung haben. Daran anschließend diskutieren wir, inwieweit diese Bedarfe und Anforderungen mit den politischen Vorstellungen einer digitalen Daseinsvorsorge übereinstimmen. Der Vortrag schließt mit Überlegungen zu einer sozialräumlich orientierten digitalen Daseinsvorsorge, die die Spezifika älterer Menschen in ländlichen Räumen berücksichtigt.

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10:05
Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zu Nutzung und Akzeptanz von digitalen (Assistenz)Technologien in der Autonomen Provinz Bozen (Italien)
S17-16-2 

I. Simbrig, S. Vigl; Bozen/I

Fragestellung: Ziel der Umfrage war es zu erheben, wie digitale (Assistenz)Technologien von mittelalten, älteren und hochaltrigen Menschen in einer ländlich geprägten und mehrsprachigen mitteleuropäischen Region genutzt und akzeptiert werden. Die Hauptuntersuchungsbereiche waren: (a) aktuelle Nutzung von (Assistenz)Technologien; (b) Einfluss der Coronapandemie auf Techniknutzung; (c) Informationsbeschaffung in Bezug auf Technik; (d) Nützlichkeitsbewertung von neun verschiedenen Assistenztechnologien, die sich in Anwendungsbereich, Marktreife, und Berührung der Privatsphäre unterschieden.

Methode: Der Umfrageleitfaden wurde basierend auf bisheriger Technikakzeptanzforschung (u.a. Technology Acceptance Model) konzipiert und bezog Indikatoren für subjektives Alter, subjektive Gesundheit, Pflegeerfahrung und Lebensqualität ein. Die Umfrage wurde als Telefonbefragung mit einer Zufallsstichprobe (N=616, Alter: 40-98) Ende 2020 in der Provinz Bozen durchgeführt. Mittels multipler linearer und binärer logistischer Regressionsanalysen wurden die robustesten Prädiktoren (alle p<.05) in den vier Untersuchungsbereichen identifiziert. Die Aufnahme von Prädiktoren in die einzelnen Analysen erfolgte aufgrund theoretischer Überlegungen sowie deskriptiver und inferenzstatistischer Voranalysen.

Ergebnisse: (a) Personen mit jüngerem Alter, italienischer Hauptsprache (im Gegensatz zu Deutsch und Ladinisch), höherer Bildung und höherer allgemeiner Technikakzeptanz nutzen mehr (Assistenz)Technologien; (b) vor allem jüngere Personen und Personen mit höherer Bildung nutzen während der Coronapandemie vermehrt Technologien zur Information, Kommunikation und Unterhaltung; (c) wie Personen an Informationen zu Technik kommen und ob sie wahrnehmen genügend Informationen zu erhalten, hängt von sehr unterschiedlichen Faktoren ab; (d) besonders Personen mit italienischer Hauptsprache und hoher allgemeiner Technikakzeptanz nehmen die neun Assistenztechnologien als nützlich wahr. Insgesamt scheint chronologisches Alter auf viele Variablen einen höheren Einfluss zu haben als subjektives Alter; Bedenken in Bezug auf Datenschutz und Privatsphäre waren weniger ausgeprägt als erwartet.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse leisten einen relevanten Beitrag zur Befundlage in der Technikakzeptanzforschung. Sie sollen im Rahmen lokaler Maßnahmen wie der Konzeption eines neuen Landessozialplans sowie dem Aufbau von Beratungsstellen zu zukunftsgerichteter Pflege und Versorgung angewendet werden.

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10:25
Freiheitspotenziale technischer und nicht-technischer Lebensformen im hohen Alter - Ein ethischer Diskurs aus Sicht des hohen Alters
S17-16-3 

S. Ehret; Heidelberg

Hintergrund: Im Achten Altenbericht der Bundesregierung wird dazu aufgefordert, schon zu Beginn der Entwicklung neuer digitaler Technologien alte Menschen mit einzubeziehen um sich an deren tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten. Den vielschichtigen Kompetenzen älterer Menschen sei dabei Rechnung zu tragen, insbesondere jenen des hohen Alters, das sich als eigene wertvolle Lebensphase abzeichnet. Dass alte Menschen nun auch in ethischer Hinsicht berücksichtigt werden sollen, ist ein Novum, dem sich dieser Workshop in seinen interaktiven Teil widmen möchte.

Methode: Im Ethik-Projekt RADIUS, ein Teilprojekt des HeiAge Consortiums, wurden dialogische Interviews mit 31 Personen (21 alte und sehr alte Menschen, 3 Gesundheitsfachkräfte, 7 junge Studierende) geführt. Bei den Älteren von 72 bis 90 Jahren (m=83) waren alle Bildungsschichten vertreten. 7 alte Menschen sind Naturwissenschaftler (Ingenieure, Informatiker, Chemiker, Physiker, Ärzte).

Mit jedem Teilnehmer wurde ein mindestens 1 stündiges Gespräch geführt, das sich an einem Fragebogen orientiert, der ethische Ankerfragen enthält. Die Antworten des Befragten werden auf das Meinen und Reflektieren des Forschers rückbezogen wodurch kommunikative Symmetrie und Transzendenz entsteht, die Dialogisches enthüllt. Im echten Dialog herrscht vollkommene ethische Authentizität.

Ergebnisse: Aus den Interviews konnte ein deontologisches Modell elementarer Wertantinomien konzeptionalisiert werden, das künftigen Aushandlungsprozessen zugrunde liegen könnte.  

Der Workshop versteht sich als demokratischer Raum zum möglichen Einsatz oder Nichteinsatz von Technik. Es soll über eine Philosophie von Lebensformen reflektiert werden. Dabei wird insbesondere auf Heideggers Technikkritik Bezug genommen.  Zugang und Verständnis von Welt und Dasein bei Hochbetagten wird mit der dialogichen Methode (Ehret 2020) herauszuarbeiten versucht.  

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10:45
Ressourcen und Barrieren von außerhäuslicher Mobilität älterer Menschen im ländlichen Raum. Ergebnisse einer qualitativen Analyse
S17-16-4 

C. Ackermann, S. Mümken, D. Dräger, P. Gellert; Berlin

Fragestellung: Mobilität, definiert als regelmäßiges, selbständiges Aufsuchen außerhäuslicher Lebenswelten wie der Nachbarschaft oder dem Ort, in dem man lebt, ist ein wesentlicher Teil von Autonomie und Lebenszufriedenheit im Alter. Gerade im ländlichen Raum bedarf es hinreichender Mobilität älterer Menschen, da räumliche und strukturelle Bedingungen den Zugang zu sozialen Aktivitäten und gesundheitlicher Versorgung erschweren können.

Eine Identifikation mobilitätsfördernder Ressourcen sowie hinderlicher Barrieren ist entscheidend für die Entwicklung präventiver Maßnahmen.

Welche Ressourcen der Mobilität werden von älteren Menschen im ländlichen Raum genutzt? Welche Barrieren und Hindernisse werden beschrieben?

Methodik: Ende 2019 wurden 14 leitfadengestützte problemzentrierte Interviews zur alltäglichen Mobilität mit Menschen ab 70 in einer geriatrischen Tagesklinik im ländlichen Raum geführt. Transkribierte Interviews wurden inhaltsanalytisch mit MAXQDA ausgewertet, wobei die Kategorienbildung theoriegeleitet in die drei Domänen persönlich, sozial und umweltbezogen erfolgte. Zusätzlich konnte eine explorative telefonische Nachbefragung zum Mobilitätsverhalten und genutzten Ressourcen bei 6 Teilnehmenden während des ersten Lockdowns im April 2020 durchgeführt werden.

Ergebnisse: Die Teilnehmenden benannten in allen drei Domänen mehr Barrieren als Ressourcen. Dabei wurden sowohl bei den Ressourcen als auch bei den Barrieren persönliche Faktoren wie die eigene Mobilität zu Fuß, Einstellungen zur Annahme von Hilfe sowie motivationale Faktoren thematisiert. Nahe Bezugspersonen erscheinen als bedeutender Faktor der sozialen Domäne und können sowohl als Ressource, aber auch als Barriere fungieren. Die genannten Ergebnisse konnten durch die Nachbefragung bestätigt werden.

Zusammenfassung: Es erscheinen persönlichen Faktoren und Einstellungen als wichtige Kernkomponente, welche sowohl bei der Entwicklung präventiver Angebote zur Mobilitätsförderung als auch bei der Bewältigung vonakuten Ereignissen berücksichtigt werden sollten. Dies jedoch unbedingt in der Wechselwirkung mit anderen Ressourcen.

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