Donnerstag, 16.09.2021

13:30 - 15:00

Raum 2

S16-32

Informelle Hilfe und Pflege

Moderation: T. Stellmacher, Berlin

13:30
Belastungen und Beanspruchungen zweier Familiengenerationen durch aktuelle bzw. drohende Pflegebedürftigkeit in peripheren ländlichen Räumen
S16-32-1 

V. Thomas, C. Große, A. Seltrecht; Magdeburg

Familien der Agrarwirtschaft Sachsen-Anhalts sind besonderen Herausforderungen ausgesetzt, z.B. einer desolaten Daseinsvorsorge, mangelhaften Infrastrukturen im ländlichen peripheren Bereich sowie einer speziellen Alterssicherung, in der davon ausgegangen wird, dass die nächstfolgende Generation die Altenteiler des Hofes versorgt und pflegt. Es klafft demnach eine große Versorgungslücke auf, sodass Hofübergeber an die familienspezifische Versorgung gebunden sind – im Kontext von Autonomie lässt sich hier auch zugespitzt fragen, welche der beiden Generationen das Leben inwiefern autonom gestalten kann, sind sie doch beide stark aufeinander angewiesen.

In dem forschungsbasierten Teil des Projektes wurde die Frage nach Auswirkungen der Versorgungsstrukturen auf Familien der Agrarwirtschaft im ländlichen peripheren Bereich Sachsen-Anhalts hinsichtlich Belastungen und Beanspruchungen untersucht. Dabei lag der Fokus auf Fragen einer (drohenden) Pflegebedürftigkeit innerhalb der Familie (Angehörigenpflege).  Im Ergebnis zeigt sich, dass insbesondere die Infrastruktur und Ressourcenungleichheit als Belastung und Beanspruchung erlebt wird. Das Wissen über pflegerische Maßnahmen, Entlastungsangebote und Unterstützung von Kranken- und Pflegekassen ist begrenzt. Hinzu kommen agrarfachspezifische  Herausforderungen (Verordnungen, finanzielle Aspekte, Stellung in der Gesellschaft), die die Familien belasten. Als salutogene Aspekte zeigen sich insbesondere der familiäre Zusammenhalt und die Fähigkeit, sich innerfamiliär anzupassen (z. B. im Falle einer Hofübergabe, die mit diversen Veränderungen/Neuausichtungen verbunden ist).

Die empirischen Erkenntnisse münden in eine Schulung, die Beteiligte für die besonderen Bedürfnisse und Herausforderungen der Agrarfamilien sensibilisieren soll. Lehrer*innen für Gesundheits- und Pflegeberufe werden geschult, ihren Auszubildenden in Form von Lernsituationen diese Thematik näherzubringen. Pflegende Angehörige werden hinsichtlich pflegerischer Maßnahmen geschult. Berater*innen und Gutachter*innen im Gesundheitswesen werden sensibilisiert, um entsprechende Unterstützungsangebote vorhalten zu können.

Im Vortrag sollen zunächst die evidenzbasierten Erkenntnisse vorgestellt werden. Außerdem wird ein Einblick in die daran anschließende Qualifizierungsphase gegeben (Durchführung im Sommer 2021).

Download Vortrag (PDF)

13:50
Ehrenamtliche – Heilsbringer in häuslichen Pflegesettings?
S16-32-2 

J. Geiselhart, T. Schmidt, J. Zacher; Kempten

Im Alter möglichst lange in der eigenen Häuslichkeit bleiben können – das ist nicht nur die Wunschvorstellung vieler älterer Menschen, sondern auch politisch gewollt. Vor dem Hintergrund des wachsenden Pflegebedarfs aufgrund unserer alternden Gesellschaft und dem bestehenden (Pflege-) Fachkräftemangel werden immer wieder Stimmen laut, die angesichts dieser Versorgungslücke auf den Einsatz Ehrenamtlicher und freiwilliger Helfer hoffen. Doch ist diese Hoffnung auf das private Engagement der Bürger*innen gerechtfertigt? Denn trotz der vielfach beschworenen Entlastungs- und Unterstützungspotenziale ist über die Personengruppe der Ehrenamtlichen und freiwilligen Helfern in der häuslichen Pflege recht wenig bekannt.

Ausgehend von dieser Forschungslücke, gibt der Einzelbeitrag einen Überblick über die Forschungslandschaft, aktuelle Befunde, Forschungslücken und Wissenstand in der aktuellen Forschung zum Einsatz Ehrenamtlicher und freiwilliger Helfer*innen im häuslich-ambulanten ‚Helfermix‘ in Deutschland. Auf Grundlage einer sondierenden Recherche einschlägiger Literatur, aus den Bereichen Ehrenamt und ambulante Pflege, wird einerseits ein Überblick über soziodemografische Informationen zu ehrenamtlichen Helfer*innen in der Pflege gegeben. Andererseits wird die Inanspruchnahme der Unterstützung ehrenamtlicher und freiwilliger Helfer*innen durch (Pflege-) Haushalte betrachtet. Besonderer Augenmerk liegt abschließend auf Forschungs- und Wissensbedarfen im Kontext der informellen und ehrenamtlichen Unterstützung: Was müsste man wissen, um das beschworene informelle Unterstützungspotenzial für die häusliche Pflege besser einschätzen zu können?

Als eines der Ergebnisse der Sondierung kann festgehalten werden, dass in quantitativen Publikationen häufig auf Beschreibung der Lagemaße zurückgegriffen wird. Zu einem besseren Verständnis der statistischen Zusammenhänge wäre der zusätzliche Rückgriff auf Regressionen in den Datenanalysen wünschenswert.

14:10
Bedürfnisse pflegender Angehöriger nach Unterstützung - Ergebnisse einer großen repräsentativen Studie aus der Schweiz
S16-32-3 

U. Otto, R. Gerlich; Tübingen, Immenstaad

Fragestellung: Bisherige Forschung in der Schweiz rückte meist sehr spezifische Untergruppen pflegender Angehörigen ins Zentrum. Diese Datenlage lässt keine allgemeinen Aussagen über die Bedürfnisse von Angehörigen über unterschiedliche Lebensphasen hinweg zu. Diese aber braucht es für politische Entscheidungen und Massnahmen zur Sicherstellung der adäquaten Unterstützung und Entlastung. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit gab eine große Studie in Auftrag. Erhoben wurden (1) Kontext und Einflussfaktoren (v.a. Merkmale zur Pflege- und Lebenssituation), (2) Bedürfnisse nach Entlastung und Unterstützung, (3) Inanspruchnahme bestehender Angebote, (4) Lösungsansätze zur bedürfnis- und bedarfsgerechten Unterstützung und Entlastung.

Methoden: Die Befragung hat mehrere Alleinstellungsmerkmale: Es ist die erste schweizweite, repräsentative Bevölkerungsbefragung. In ihr wurden pflegende Angehörige schriftlich zu ihrer Situation und ihren Bedürfnissen nach Unterstützung und Entlastung befragt. Nach dem Zufallsprinzip wurden über 54.000 Personen aus dem Register der schweizerischen Wohnbevölkerung ausgewählt und angeschrieben. Die Alterspanne reicht vom Kind (Young Carers) bis zu Hochaltrigen. Das Befragungsinstrument wurde in drei Landessprachen (D F/I) sowie in leichter Sprache angeboten.

Ergebnisse: es konnten sozial vielfältig und generationenübergreifend 2‘425 pflegende Angehörige untersucht werden. Erstmalig lässt sich deren Prävalenz für die Schweiz zuverlässig abschätzen: ca. 7.6%. Auffällig sind besondere Belastungscluster, die hohe Betroffenheit von Work&Care, die durchschnittlich langen Betreuungsverhältnisse, besondere Bedarfslagen vulnerabler Gruppen im Kontext von Alleinleben u.a. Die im Überblick präsentierten Ergebnisse werden zur Datenlage in Deutschland in Beziehung gesetzt.

Schlussfolgerungen: Belastung und erheblicher hoch differenzierter Unterstützungsbedarf sind bei vielen Angehörigen hoch. Eindringlich zeigt sich, wie häufig Hilfen und Bedürfnisse nicht zueinander finden, und wie viele Entlastungs-Hilfen als nicht hilfreich empfunden werden. Sowohl die fehlende Passung als auch die herausfordernde Koordinationsleistung sind zentrale Herausforderungen. Vor all diesen Hintergründen richten sich die Empfehlungen zugleich auf eine «Normalisierungs»- wie auf eine «Differenzierungsstrategie». Die Herausforderung: Wie gelingt dieses Maßschneidern, ohne dass es zu einer Stigmatisierung kommt und ohne dass ein Bild von «Problemgruppen» entsteht.

14:30
Lern- und Bildungsperspektiven in Hilfebeziehungen im Engagementkontext
S16-32-4 

M. Jänsch; Fulda

Vermittelnde Hilfeinitiativen im Quartier, z.B. Nachbarschaftshilfen oder Ehrenamtsbörsen, sollen versorgungsbedürftige Menschen im Sinne eines Bürger-Profi(Technik)-Mix´ein längeres Leben im häuslichen Umfeld ermöglichen. Bürgerschaftliches Engagement wird dabei als tragendes Potenzial für dessen Realisierung dargestellt. In meinem Dissertationsprojekt nehme ich in diesem Kontext entstandene Hilfebeziehungen in den Blick, deren Beteiligte sich als Hilfesuchende und Hilfebietende zunächst unbekannt waren.

In der Rekonstruktion von autoethnografischen Protokollen und sogenannten Hilfepaargesprächen mit Hilfebietenden und HIlfesuchenden frage ich nach der Bedeutung von Lernen und Bildung in den Hilfebeziehungen.

In meinem Beitrag möchte ich anhand meiner Ergebnisse zeigen, welche Bedeutung Hilfe für die Beteiligten hat, welche Rollenerwartungen und -zuschreibungen damit verknüpft sind und wie diese in der Interaktion gemeinsam verhandelt werden. Auffallende Rollenirritatonen zeigen sich, wenn sich Engagierte z.B. von den eigentlich Hilfesuchenden in ihrem Alltag unterstützen lassen und dies nur begrenzt aushalten, was entweder zum Gelingen, zu unbefriedigenden Situationen oder zum Scheitern der Hilfe führt. Krisenhafte Konflikte mit der individuellen Ausgestaltung eigener Bedürfnisse in Bezug auf Hilfebedarf und Hilfeangebot werden sichtbar, z.B. wenn Hilfebietende wesentlich mehr oder weniger leisten möchten als von den Hilfesuchenden gewünscht. Das Bewegte und Veränderte der Figuren des Welt/Selbstverhältnisses (Kokemohr 2007) in den krisenhaften Interaktionsprozessen deute ich als (transformatorisches) Lern- und Bildgungspotenzial in der Hilfebeziehung.

Auf der Grundlage einer solidarischen Verantwortungsübernahme bürgerschafltich Engagierter für Hilfesuchende möchte ich unter Einbezug meiner Ergebnisse diskutieren, welche räumlichen Strukturen der Bildungsermöglichung mit einer sozialarbeiterischen (Profi-)Perspektive hier notwendig ist.

Zurück