Donnerstag, 16.09.2021

09:00 - 10:30

Raum 4

S16-14

Häusliche Pflege und Versorgung während einer Pandemie – Ergebnisse quantitativer und qualitativer Forschung

Moderation: K. Wolf-Ostermann, Bremen

In Deutschland, aber auch weltweit, hat die anhaltende COVID-19 Pandemie schwerwiegende Auswirkungen auf das Gesundheits- und Pflegesystem. Die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen und an den Bedürfnissen von älteren unterstützungsbedürftigen Menschen sowie ihren pflegenden Angehörigen ausgerichtete Versorgung ist mit erheblichen Problemen konfrontiert. Dieses Symposiums befasst sich mit Auswirkungen der Pandemie auf den Bereich der häuslichen Pflege und Versorgung.

Der überwiegende Anteil pflegerischer und sozialer Unterstützung für Menschen mit Pflegebedarfen findet in Deutschland innerhalb der häuslichen Umgebung statt. Die an diesen Versorgungsarrangements beteiligten Akteure sind mit der Bewältigung unterschiedlicher pandemiebedingter Herausforderungen konfrontiert. So haben ältere und hochaltrige Menschen mit Pflegebedarf ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19 Krankheitsverläufe. Zum anderen laufen die zum Schutz der Personengruppe eingeführten Maßnahmen (z.B. Kontaktbeschränkung, Quarantäne bzw. Isolation) Gefahr, weitere Zusatzbelastungen hervorzurufen. Im Besonderen gilt dies auch für Menschen mit Demenz, für die zusätzlich noch die Schwierigkeit bestehen kann, die aktuelle Situation und z.B. die Kontaktbeschränkungen zu verstehen. Pflegende Angehörige, teils selbst Zugehörige von Risikogruppen, stehen vor der Herausforderung bestehende Sorgearrangements aufgrund von Schließungen oder auch eigener Vorsicht neu organisieren und formale Unterstützungsleistungen informell ersetzen zu müssen. Schon vor der COVID 19-Pandemie wurden erhöhte Belastungen unter anderem beim gesundheitlichen Zustand, der Lebensqualität oder der gesellschaftlichen Teilhabe pflegender Angehöriger dokumentiert. Die pandemische Lage, darauf verweisen erste Erkenntnisse, scheint dies zu verstärken. Professionelle Anbieter wiederum, stehen vor einschneidenden personellen sowie organisatorischen Herausforderungen im Umgang mit der Pandemie.

Karin Wolf-Ostermann befasst sich im ersten Beitrag mit den Auswirkungen der Pandemie auf ambulante Pflegedienste. Die psychische und soziale Gesundheit erwerbstätiger pflegender Angehöriger steht im Mittelpunkt des zweiten Beitrags von Henrik Wiegelmann. Im dritten Beitrag thematisiert Viktoria Hoel die soziale Isolation sowie die Nutzung von Technologien bei Menschen mit Demenz und ihren pflegenden Angehörigen (Vortrag in englischer Sprache). Im Anschluss werden die Beiträge von Liane Schirra-Weirich zusammenfassend diskutiert.

09:00
Im Schatten der Pandemie: Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf ambulante Pflegedienste
S16-14-1 

K. Wolf-Ostermann, K. Seibert, D. Domhoff, F. Heinze, A. Schmidt, B. Preuß, H. Rothgang; Bremen

Hintergrund: Ambulant betreute Pflegebedürftige sind aufgrund ihres Alters, bestehender Vorerkrankungen und der Schwere von Krankheitsverläufen ebenfalls von der COVID-19-Pandemie besonders betroffen – stehen aber häufig im Schatten der Wahrnehmung, die sich vielfach nur auf die stationäre Langzeitpflege konzentriert. Ziel der vorliegenden Studie war es deshalb, für die erste und zweite Welle der Pandemie bundesweit Mortalität und Morbidität von Pflegebedürftigen in der eigenen Häuslichkeit sowie Mitarbeitenden von ambulanten Pflegediensten zu erheben und personelle sowie organisatorische Herausforderungen und den Umgang damit aufzuzeigen.

Methode: Es wurden zwei Querschnittstudien zur Situation in der ambulanten Langzeitpflege als Online-Umfragen in Deutschland durchgeführt und jeweils ca. 9.500 Pflegedienste deutschlandweit während der ersten (April/Mai 2020) und der zweiten Welle (Januar/Februar 2021) um die Teilnahme an der Studie gebeten. Erhoben wurden u. a. Fallzahlen in Zusammenhang mit COVID-19, personelle und materielle Ressourcen, die Versorgungssituation von Pflegebedürftigen und der organisatorische Umgang mit der Pandemiesituation.

Ergebnisse: Die Ergebnisse beruhen auf Daten von mehr als 700 Pflegediensten während der ersten und mehr als 400 Diensten während der zweiten Welle. Die Anteile der Pflegedienste mit bestätigten COVID-19-Fällen unter den Klient:innen bzw. Mitarbeitenden stieg von der ersten zur zweiten Welle deutlich an, von 17 % auf 66 % bzw. 9 % auf 56 %. Knapp 30 % der Dienste berichten von verstorbenen Klient:innen im Zusammenhang mit der Pandemie, zwei Drittel hiervon erst mit Beginn der zweiten Welle. Während der ersten Welle berichtet jeder zweite Dienst von einer verringerten Inanspruchnahme von SGB V- bzw. SGB XI-Leistungen, während der zweiten Welle sind dies nur noch jeder sechste bzw. vierte Dienst. Ebenso berichteten etwa die Hälfte der Dienste, dass die Versorgung bei verringerter Leistungsinanspruchnahme von ambulanten Leistungen gefährdet/instabil oder sogar nicht sichergestellt sei, mit leicht zunehmender Tendenz während der zweiten Welle.

Diskussion: Die Studien zeigen, dass ambulante Pflegedienste deutlich von der Pandemie betroffen sind. Ambulant versorgten Pflegebedürftigen sollte daher in der vorliegenden Pandemie auch weiterhin eine erhöhte Aufmerksamkeit in Bezug auf prekäre Versorgungssituationen zukommen.

09:25
Psychische und soziale Gesundheit erwerbstätiger pflegender Angehöriger während der COVID-19 Pandemie. Ergebnisse einer Online-Befragung
S16-14-2 

H. Wiegelmann, M. Heß, D. Domhoff, F. Heinze, A. Schmidt, K. Seibert, T. Kallwitzki, K. Ratz, C. Stolle, K. Wolf-Ostermann, H. Rothgang; Bremen, Mönchengladbach

Hintergrund: Die COVID-19 Pandemie stellt viele soziale Gruppen vor große Herausforderungen, eine davon, die allerdings meist nicht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, sind informell pflegende Menschen. Bereits vor der Pandemie war die Situation pflegender Angehöriger schwierig und ein Teil war psychisch und sozial so stark gefordert, dass die Fortsetzung der Pflege in Frage gestellt wurde. In der vorliegenden Studie wurde daher untersucht, wie sich die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf sowie die psychische und soziale Gesundheit pflegender Angehöriger während der COVID-19-Pandemie entwickelt haben.

Methode: Die vorliegende Studie ist eine Querschnittstudie, die im Juni und August 2020 durchgeführt wurde. Zielgruppe der Befragung waren pflegende Angehörige im erwerbsfähigen Alter. Die Datenerhebung erfolgte durch eine Online-Befragung (n=1.296). Im Sinne eines partizipativen Verfahrens haben Vertreter:innen des Vereins wir pflegen e.V. an der Erarbeitung des Fragebogens mitgewirkt.

Ergebnisse: Für mehr als die Hälfte (57 %) der pflegenden Angehörigen hat sich der tägliche Zeitaufwand für die Pflege während der Pandemie erhöht und 71 % der Befragten berichten, dass sie seit Pandemiebeginn mehr Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege haben. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten (52 %) berichten, dass sich ihre gesundheitliche Situation während der Pandemie verschlechtert hat. So hat das Belastungsempfinden insgesamt zugenommen, vor allem in Bezug auf das Gefühl, in der Pflegerolle gefangen zu sein, in Bezug auf die Gesamtanstrengungen und in Bezug auf negative Auswirkungen auf die Beziehungen zu Freunden. Auch die sozialen Folgen sind sichtbar: Während vor der Pandemie ein Drittel der Befragten als "sich einsam fühlend" eingestuft werden konnte (33 %), stieg dieser Anteil in Pandemiezeiten auf etwas mehr als die Hälfte (51,4 %). Trotz dieser negativen Entwicklungen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass viele Befragte die Pflege auch in Corona-Zeiten als eine lohnende Aufgabe ansehen.

Diskussion: Die COVID-19 Pandemie hat einen durchgehend negativen Einfluss auf die selbsteingeschätzte Gesundheit und die Lebensqualität der Befragten. Auch fühlen sich deutlich mehr Pflegende seit Einsetzen der Pandemie einsam und durch die Pflege belastet. Politik und Gesellschaft sind aufgefordert, die Arbeit der Pflegenden und die Herausforderungen, denen sie sich stellen, ausdrücklich anzuerkennen und durch geeignete Maßnahmen zu entlasten.

Download Vortrag (PDF)

09:50
Social isolation and the use of technology in caregiving dyads living with dementia during COVID-19 restrictions
S16-14-3 

V. Hoel, L. Steinert, A. Nekola, T. Schultz, K. Wolf-Ostermann; Bremen

Background: People with dementia and their informal caregivers (caregiving dyads) are facing multiple impacts of COVID-19, including restricted support services and social isolation. With limited social activities available, there is a potential in social technology to support social participation and caregiving relationships. Nested within a feasibility trial, this case study investigated how COVID-19 has impacted community-dwelling dementia caregiving dyads. Their use of social technology and their motivation for inviting technology into their social interactions was also explored.

Method: Qualitative interviews with three caregiving dyads (n=6) were audio recorded, transcribed verbatim and subjected to inductive thematic analysis.

Results: Two themes and seven subthemes were identified: i) living with dementia during COVID-19 (subthemes: social and leisure activities, dyadic interactions, adjusting as caregiver); and ii) the role of technology in a pandemic (subthemes: facilitating social activities, facilitating dementia care-related activities, barriers and facilitators to using social technology, the underlying motivation to invite technology into interactions). Dyads who were socially active pre-COVID-19, and who used social technology during COVID-19, seemed to have been less negatively impacted by social restrictions. The dyads differed in how COVID-19 restrictions impacted their lives and how they coped with dementia, revealing different motivations inviting technology into their social interactions.

Discussion: During and beyond this pandemic, social technology is a valuable tool promoting social participation, especially when in-person social contact is limited. Successful uptake of social technology is dependent on customization to individuals’ needs and conditions. Efforts are needed to tackle barriers that exists for older adults in using such technology.

Diskutantin: L. Schirra-Weirich, Aachen

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