Donnerstag, 16.09.2021

10:45 - 12:15

Raum 4

S16-24

Gesundheit, soziale Kontexte und Lebensqualität im sehr hohen Alter - Befunde aus der ersten Welle des NRW80+ Hochaltrigenpanels

Moderation: R. Kaspar, Köln; S. Hansen, Köln

Die Lebensqualität von Menschen jenseits des achtzigsten Lebensjahres ist in besonderem Maße von gesundheitlichen Beeinträchtigungen und sozialen Verlusten bestimmt, aber auch von einer besonderen Qualität sozialer Beziehung und Begegnung. Auch im sehr hohen Alter bleiben Menschen als Partner, (Groß-)Eltern, Nachbar oder Gesellschaftsmitglied in unterschiedliche soziale Kontexte eingebunden. Dementsprechend bestimmen auch die Anforderungen und Ressourcen dieser sozialen Kontexte die Lebensführung und Lebensqualität sehr alter Menschen auf vielfältige Weise mit.

Das NRW-Hochaltrigenpanel ermöglicht seit der ersten Repräsentativbefragung 2017/2018 zuverlässige Aussagen zu den Lebensverhältnissen und zum Wohlbefinden des ältesten Teils der Allgemeinbevölkerung im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands. Dabei wird auch die Lebenssituation von Personen in Einrichtungen der stationären Altenpflege und von Personen mit eingeschränkter Auskunftsfähigkeit mitberücksichtigt. Das der Studie zugrunde gelegte interdisziplinäre Rahmenkonzept zur Lebensqualität (CHAPO-Modell) erlaubt es, die verschiedenen Werte innerhalb von bestimmten sozialen Kontexten sowie günstige oder ungünstige Ressourcenkonstellationen für eine gelingende Lebensführung vor dem Hintergrund schwindender gesundheitlicher und sozialer Ressourcen zu untersuchen.

Das Symposium rückt vier Konstellationen von individuellen und überindividuellen Ressourcen- oder Vulnerabilitätslagen und ihre Bedeutung für eine gelingende Lebensführung im sehr hohen Alter in den Fokus. Die Einzelbeiträge beleuchten dabei die Rolle und Wahrnehmung von älteren Menschen in der Gesellschaft, gesundheitliche und soziale Bedingungen für gesellschaftliche Teilhabe, soziale Determinanten von Gebrechlichkeit und soziale Schutzfaktoren bei Multimorbidität.

10:45
Wahlverhalten, Gesundheit und soziale Ungleichheit im hohen Alter
S16-24-1 

J. Wenner, M. Wagner; Köln

Fragestellung: Die Teilnahme an Wahlen ist ein zentrales Element demokratischer Gesellschaften. Systematische Unterschiede in der Wahlbeteiligung nach Alter, Gesundheit oder sozialer Lage schwächen die politische Repräsentation und Teilhabe. Einer der Hauptgründe für eine niedrige Wahlbeteiligung bei Hochaltrigen sind gesundheitliche Einschränkungen. Da Wahlstatistiken keine differenzierten Daten enthalten und Studienergebnisse für Hochaltrige – mit Ausnahme der Berliner Altersstudie aus dem Jahr 1999 – in Deutschland nicht vorliegen, ist über das tatsächliche Wahlverhalten dieser Bevölkerungsgruppe wenig bekannt. Ziel dieses Beitrags ist es, die Determinanten des Wahlverhaltens bei Hochaltrigen unter besonderer Berücksichtigung gesundheitlicher und sozialer Ungleichheit zu bestimmen.

Methode: Die Analyse basiert auf den Daten der 1. Welle des Hochaltrigenpanels NRW80+. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Teilnahme an der letzten Bundestagswahl. Als Determinanten des Wahlverhaltens werden subjektive, funktionale, psychische und kognitive Gesundheit, Mobilität, Wohnen im Heim, sozio-ökonomischer Status (SES), soziale Eingebundenheit, Parteipräferenzen, Habitualisierung der Teilnahme an Wahlen durch ein Leben und Aufwachsen in der Bundesrepublik und Konformitätseinstellungen untersucht.

Ergebnisse: An der letzten Bundestagswahl haben sich 84.6% (95%-CI: 82.9-86.3) der Hochaltrigen in Nordrhein-Westfalen beteiligt, was – auch unter Berücksichtigung der methodisch bedingten Überschätzung – auf eine etwas überdurchschnittliche Wahlbeteiligung hinweist. Die Ergebnisse der logistischen Regression zeigen, dass die Wahlbeteiligung erheblich von der gesundheitlichen Lage abhängt. Einschränkungen der funktionalen, kognitiven und psychischen Gesundheit sind deutlich und unabhängig voneinander mit einer niedrigeren Wahlbeteiligung assoziiert. Ebenfalls nahmen Hochaltrige mit niedrigem SES deutlich seltener an Wahlen teil. Eine Partnerschaft, Habitualisierung und Parteipräferenzen erhöhen die Wahlbeteiligung.

Schlussfolgerung: Die Mehrheit der Hochaltrigen nimmt trotz relevanter gesundheitlicher Einschränkungen an Wahlen teil. Förderlich für die Teilnahme sind die Unterstützung durch eine Partnerschaft, die Habitualisierung der Teilnahme und das Vorhandensein einer Parteipräferenz. Der starke Zusammenhang mit der gesundheitlichen und sozialen Lage deutet jedoch auf erhebliche Ungleichheiten in der Wahlbeteiligung hin.

11:05
Altersbilder und empfundene gesellschaftliche Wertschätzung in der Hochaltrigkeit
S16-24-2 

M. Reissmann, L. Geithner, A. Storms, C. Woopen; Köln

Fragestellung: Altersbilder beeinflussen Verhaltensweisen und Einstellungen älteren Menschen gegenüber und sind grundlegend für normative Vorstellungen davon, was altersangemessenes Verhalten oder gar ein „gutes“ Leben im Alter bedeutet. So beeinflussen sie vielseitig die Lebensrealität älterer Menschen und stellen einen wichtigen Teil individueller Lebensqualität dar. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel dieses Beitrags, Altersbilder von Vertretern zentraler Gesellschaftsbereiche und die gesellschaftliche Wertschätzung, die Menschen im hohen Alter empfinden, einander gegenüberzustellen.

Methode: Es wurde ein paralleler Mixed-Methods-Ansatz verfolgt. Qualitative sowie quantitative Daten stammen aus der Studie „Lebensqualität und Wohlbefinden hochaltriger Menschen in NRW (NRW80+)“. Semistrukturierte Interviews (n=22) mit Stakeholdern aus Politik, Medien, Seniorenarbeit, Interessenvertretung, Mobilitätsmanagement und Gesundheitsversorgung wurden inhaltsanalytisch hinsichtlich vertretener Altersbilder ausgewertet. Anhand von Querschnittsdaten einer repräsentativen Befragung von Menschen ab 80 Jahren (n=1863) wurde die von Hochaltrigen empfundene gesellschaftliche Wertschätzung (EGW) beschrieben. Der Einfluss von Merkmalen der Person, ihrer Biographie und ihres aktuellen Lebensstils auf EGW wurde mit linearen Regressionsmodellen abgeschätzt. Im Anschluss wurden die qualitativen und quantitativen Ergebnisse miteinander verglichen.

Ergebnisse: Einige der Stakeholder betonten, dass einerseits altersbedingte Verluste hochaltrige Menschen, deren Familien sowie die Gesellschaft vor Herausforderungen stellen, andererseits verbleibende Potenziale im Alter zugunsten Anderer eingesetzt werden können und sollen. Die Ansichten der Stakeholder unterschieden sich jedoch nach dem Ausmaß ihres beruflichen Kontakts zu (sehr) alten Menschen. EGW konnte durch gesundheitsbezogene Variablen und produktive Aktivitäten vorhergesagt werden. Dies spiegelt die oben beschriebene Perspektive einiger Stakeholder wider.

Schlussfolgerung: Die beobachteten Altersbilder und Determinanten von EGW können über verschiedene Wege miteinander verbunden sein (z.B. Internalisierung von Stereotypen). Die Studie verdeutlicht die Relevanz externaler Standards für individuelle Lebensqualität und betont die Notwendigkeit einer normativen Perspektive in der Diskussion um Lebensqualität und deren Förderung.

11:25
Wohnumgebung und Frailty bei hochaltrigen Personen
S16-24-3 

J. Zimmermann, S. Hansen, M. Wagner; Köln

Fragestellung: Da ältere Menschen viel Zeit in ihrer Wohnumgebung verbringen, spielt diese eine wichtige Rolle für ihre Lebensqualität. In Anlehnung an die Ökologische Gerontologie wird vermutet, dass Frailty Folge einer Fehlanpassung an die Wohnumgebung ist. In der empirischen Forschung wird zunehmend auf den Einfluss von Umweltbedingungen auf die Entwicklung von Frailty hingewiesen. Daher wurde in diesem Beitrag der Zusammenhang zwischen der Wohnumgebung und Frailty bei hochaltrigen Menschen in Nordrhein-Westfalen (NRW) untersucht.

Methode: Die Daten entstammen der repräsentativen Studie NRW80+. Insgesamt wurden 1 577 Personen im Alter von ≥80 Jahren einbezogen, die in Privathaushalten oder Institutionen lebten. Die Wohnumgebung der Hochaltrigen wurde durch folgende Variablen operationalisiert: Wohnlage, Zustand der Wohnung, Verbundenheit mit Wohnumgebung, Funktionalität äußerer Wohnumgebung, Wohnsitz (Privathaushalt/Heim) und Gemeindegröße. Die Operationalisierung von Frailty erfolgte anhand von vier Indikatoren: Erschöpfung, unbeabsichtigter Gewichtsverlust, schwache Handgreifkraft und niedrige körperliche Aktivität. Der Zusammenhang zwischen der Wohnumgebung und dem Frailty-Niveau wurde mit einem adjustierten multinomialen Regressionsmodell geschätzt.

Ergebnisse: In der hochaltrigen Population in NRW konnten 24,3% Personen als robust, 57,0% als pre-frail und 18,7% als frail identifiziert werden. Unter Berücksichtigung relevanter soziodemographischer und gesundheitlicher Merkmale waren Personen, die als pre-frail und frail klassifiziert wurden, weniger mit ihrer Wohnumgebung verbunden. Die Personen klassifiziert als frail lebten außerdem häufiger in unattraktiven Wohngegenden und in Gemeinden mit 500 000 oder mehr Einwohnern. Der Wohnungszustand, die Funktionalität äußerer Wohnumgebung und der Wohnsitz waren nicht mit dem Frailty-Niveau assoziiert.

Schlussfolgerungen: Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Pre-Frailty und Frailty als Outcomes der Person-Umwelt-Fehlanpassung interpretiert werden können. So stand die fehlende Bindung an die eigene Wohnumgebung im Zusammenhang mit Pre-Frailty und Frailty. Darüber hinaus hat das Wohnen in schlechteren Gegenden und stark besiedelten Gemeinden das Risiko für Frailty erhöht. Frühzeitige Identifikation relevanter umweltbezogener Risiken und gezielte Interventionen könnten dem Fortschreiten sowie dem Auftreten negativer Folgen von Frailty (z.B. Krankenhaus- oder Heimaufnahme) entgegenwirken.

11:45
Multimorbidität und Einfluss auf Lebensresultate
S16-24-4 

T. Brijoux, S. Zank, C. Woopen; Köln

Fragestellung: Die hohe Prävalenz von Erkrankungen wie Bluthochdruck, Demenz oder depressiven Störungen in der Hochaltrigkeit führt vielfach zu Multimorbidität, dem gleichzeitigen Vorliegen mehrerer Erkrankungen. Multimorbidität wirkt sich negativ auf gesundheitsbezogene Lebensqualität und Hilfeinanspruchnahme aus. Da viele der alterskorrelierten Erkrankungen nicht heilbar sind, sind für multimorbide Hochaltrige therapeutische Ziele wie der Erhalt von Funktionalität, Autonomie und Lebensqualität bedeutender.

Methode: Teilnehmer der repräsentativen Studie NRW80+ (N =1863) wurden in computergestützten persönlichen Interviews befragt, zu welchen gesundheitlichen Problemen sie aktuell ärztlich behandelt werden. Als Outcomes von Multimorbidität werden Autonomie, Lebenszufriedenheit, Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) und instrumentelle ADL (IADL) untersucht und geprüft wie sich der Einfluss von Multimorbidität auf diese Outcomes in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht unterscheidet.

Ergebnisse: Zu den häufigsten ärztlich behandelten Erkrankungen gehören Bluthochdruck (59,4%), Gelenk- oder Knochenerkrankungen (45,8%) und Herzschwäche (34,9%). Durchschnittlich hat jeder Studienteilnehmer 3,6 ärztlich behandelte Diagnosen, 31,4% der Hochaltrigen sind wegen fünf oder mehr Diagnosen in Behandlung. Multimorbidität wirkt sich auf auch die untersuchten Lebensresultate aus, die entsprechenden Korrelationskoeffizienten liegen zwischen -0.14 und (für Autonomie) und -0.22 (für IADL). Dieser Einfluss unterscheidet sich zwischen Alters- und Geschlechtsgruppen kaum.

Schlussfolgerung: Multimorbidität ist in der Hochaltrigkeit ein häufiges Phänomen. Die Ergebnisse verdeutlichen den Einfluss von Multimorbidität auf patientenrelevante Outcomes. Der Identifikation multimorbider Patienten im Gesundheitssystem kommt daher eine zentrale Rolle zu. Das Fehlen klarer Alterstrends wird in Zusammenhang mit Unterdiagnostik und Unterbehandlung interpretiert.

Zurück