Donnerstag, 16.09.2021

15:30 - 17:00

Raum 7

S16-47

Gestaltungsmöglichkeiten des Wohnens und Lebens im Alter

Moderation: W. Hafezi, Wiesbaden

15:30
Generationenwohnprojekte im Längsschnitt – von der Intention zur gelebten Umsetzung
S16-47-1 

U. Otto, E. Althaus, M. Glaser, H. Kaspar, L. Pock; Tübingen, Zürich/CH, Bern/CH

Seit über 40 Jahren gibt es Generationenwohnprojekte, mittlerweile nehmen sie rasant zu. Viele bestehen damit schon länger und weisen ganz viel gelebte Erfahrung auf. Wie aber verändern sich ihre Ursprungsideen im Hinblick auf die konkreten Erfahrungen und Entwicklungen – nach mehrjährigem Bestehen?

Die Forschungsfragen der laufenden Studie (2020-23) fokussieren den kaum untersuchten Aspekt der langfristigen Entwicklung der Projekte:

(1) Alltagsleben im Lauf der Zeit: Wie gestaltet und verändert sich das (inter)generationelle Zusammenleben im «Alterungsprozess» von Generationenwohnprojekten (und ihrer Bewohner*innen), von den anfänglichen Intentionen bis hin zum gelebten Wohnalltag über die Zeit?

(2) Strukturelle Anpassungen? Wie entwickeln sich die Projekte auch längerfristig weiter bzgl. ihrer strukturellen/finanziellen und betrieblichen Organisation, ihrer inhaltlichen Ziele, ihrer Bewohnerschaft, ihrer gebauten Räume und deren Nutzung sowie ihrer Interaktion und Einbettung in unmittelbare und erweiterte Quartiernachbarschaft?

(3) Die Wirkungen: Wie nachhaltig wirken die Projekte? Welche «Ausstrahlung» entfalten sie in ihrer weiteren Umgebung sowie für die Entwicklung neuer Projekte?

Methode: Die Studie basiert methodisch auf einem breiten Bestandsaufnahme über die gesamte Schweizer Projekteszene. Auf deren Basis erfolgen eine kategoriale und beschreibende Systematisierung von 16 ausgewählten Projekten sowie vertiefte multiperspektivische Fallstudien von 6 Projekten. Aus einer Synthese und vergleichenden Analyse der Erkenntnisse werden Handlungsempfehlungen für künftige Projekte herausgearbeitet.

Ergebnis+Schlussfolgerung: Die Heterogenität ist gewaltig, sowohl bzgl. der Rahmenbedingungen, der Phänomenologie als auch in Sachen „Gemeinschaftlichkeit“. Letztere wird vielfältig beeinflusst – durch „software“-Faktoren: die implizite oder explizite Programmatik, Steuerungsmechanismen, Organisations- und Zusammenlebenskultur, Bewohnendenmix. Und durch „hardware“-Faktoren: bauliche (Gemeinschafts-)Infrastruktur.

Der Vortrag präsentiert erste Schlussfolgerungen. Er will einen Beitrag leisten, um bestehende und entstehende Praxis des Generationenwohnens zu stärken.

15:55
Sichtweisen auf Gemeinschaft von älteren pflegebedürftigen Menschen
S16-47-2 

I. Horváth, L. Dorschky, P. Schneider-Andrich; Dresden

Für ältere pflegebedürftige Menschen haben sich in den letzten Jahren gemeinschaftliche Wohnformen wie ambulant betreute Wohngemeinschaften (WG) und stationäre Hausgemeinschaften (HG) etabliert. Mit diesen Wohnformen wird u.a. die Erwartung verbunden, im Alter gemeinschaftlich leben zu können und nicht einsam zu sein.

Überraschenderweise fehlt bisher eine systematische wissenschaftliche Auseinandersetzung zur Frage, was im Kontext dieser Einrichtungen 'Gemeinschaft' bedeutet und inwieweit sich soziale Beziehungen innerhalb einer Bewohnerschaft entwickeln können.

Dabei erscheinen die Bedingungen für Gemeinschaftsbildung in mehrfacher Hinsicht ungünstig: Die Bewohner:innen kennen sich i.d.R. vorher nicht und bringen keine gemeinsame Lebenspraxis mit (vgl. Tönnies, 2012; Weber, 2009). Gerontopsychiatrische und andere gesundheitliche Einschränkungen erschweren Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Die Entscheidung für den Einzug in eine WG/HG wird oft von den Angehörigen getroffen.

Der Beitrag beantwortet eine der Untersuchungsfragen des Forschungsprojekts „Soziale Einbindung älterer Menschen in gemeinschaftlichen Wohnformen“: Welche Sichtweisen auf Gemeinschaft in WG/HG sind bei Akteur:innen des Feldes vorhanden?

Zur Erfassung der Sichtweisen wurden insgesamt 14 leitfadengestützte Interviews mit Fachreferent:innen, Leitungskräften sowie Pflege- und Präsenzkräften durchgeführt. Die Interviews wurden transkribiert und im Anschluss inhaltsanalytisch ausgewertet.

Aus den Interviews lassen sich vier Sichtweisen über Gemeinschaft extrahieren:

  • Gemeinschaft basiert auf einem gemeinsamen Alltag
  • Gemeinschaft basiert auf Resonanz
  • Gemeinschaft basiert auf Beziehungen
  • Gemeinschaft basiert auf Passung

Dabei folgt jede der Sichtweisen der persönlich und institutionell geprägten Logik der befragten Akteur:innen.

Interessanterweise stellt jede der Sichtweisen einen wichtigen Teilaspekt von Gemeinschaft dar. Eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Sichtweisen kann damit zu einer Perspektiverweiterung bei tätigen Akteur:innen in der pflegerischen Praxis beitragen. Im Rahmen des Forschungsprojekts dienen die unterschiedlichen Sichtweisen einem Öffnen des Forschungsblicks auf WG/HG.

16:20
Ungleiche Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens und Wohnens im Alter - Eine figurationssensible Betrachtungsweise ‚neuer Lebensformen‘ im Alter
S16-47-3 

Y. Rubin, W. Stadel; Fulda

Lebenslagen und Lebenschancen im Alter sind ungleich verteilt und in hohem Maße abhängig z.B. von Einkommen/ Vermögen, Geschlecht und/ oder dem Bildungsstand. Wir stellen in unserem Beitrag eine Analyseperspektive vor, anhand derer zugleich ungleichheits(re-)produzierende sozialstaatliche Leistungen betrachtet werden können und die gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten der Bearbeitung für Soziale Arbeit aufzeigt.

Neben einer strukturellen Perspektive weiten wir den Blick auf Menschen, die in ihren Teilhabechancen und Mitbestimmungsmöglichkeiten eingeschränkt sind und nehmen hier eine handlungs- und subjektorientierte Perspektive ein. Eine solche Perspektive eröffnet die Frage nach subjektiv wahrgenommenen Lebenschancen.

Hierzu nutzen wir drei Zugänge: Im Anschluss an Nancy Fraser und der Politik der Bedürfnisinterpretation wird das Zustandekommen der Strukturebene verdeutlicht. Mit Bezug zu Norbert Elias verstehen wir das Zusammensein von Menschen als Figurationen. Als dritte Perspektive möchten wir eine sozialräumlich inspirierte Sichtweise einnehmen. In Kombination dieser Ansätze lassen sich auch Machtprozesse thematisieren, in die Wissenschaft und Praxen verstrickt sind. So könnte sich die Betrachtungsweisen als hilfreich erweisen, um die eigene Standortverbundenheit Sozialer Arbeit zu beleuchten und reflexiv einzuholen.

 

Wir beziehen uns in unserem Beitrag auf empirische Daten aus aktuellen Forschungsprojekten zu Behinderung, Alter, Demenz und zu den Folgen der Coronaschutzmaßnahmen.

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