Donnerstag, 16.09.2021

13:30 - 15:00

Raum 4

S16-34

Geronto*Psychologie in Siegen

Moderation: J. Haberstroh, Siegen; S. Forstmeier, Siegen

Gerontopsychologie untersucht Alternsprozesse psychologischer Phänomene sowie deren Beeinflussung und Veränderbarkeit durch personsbezogene oder kontextbezogene Interventionen. Das gesunde Altern wird hierbei ebenso untersucht wie das pathologische Altern. Die Komplexität von Alternsprozessen kann nicht von einer Disziplin allein begriffen werden. Gerontopsychologie findet daher als ein Teilgebiet der Gerontologie im interdisziplinären Austausch statt.  

Das Institut für Psychologie der Universität Siegen ist eines der wenigen psychologischen Institute mit zwei explizit gerontopsychologischen Professuren (Professur für Psychologische Alternsforschung, Professur für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie der Lebensspanne) und einem darüber hinaus fächerübergreifenden Lebensspannenansatz. Die Siegener Gerontopsychologie überschreitet nicht nur disziplinspezifische Fachgrenzen, sondern ist durch das Gerontologie Netzwerk Siegen (GeNeSi) auch inter- und transdisziplinär aktiv, was sich in verschieden fakultätsübergreifenden Forschungsinitiativen und -strukturen zeigt, aber auch durch intensive Kooperationen mit der Versorgungspraxis sichtbar wird.

Im Symposium präsentiert sich die Siegener Gerontopsychologie in ihren disziplinären Verankerungen, Interaktionen und darüber hinaus. Aktuelle gerontopsychologische Forschungsbefunde werden präsentiert und diskutiert und Perspektiven für die gemeinsame Zukunft der fachinternen und fächerübergreifenden inter- und transdisziplinären Forschung in Siegen werden aufgezeigt.

13:30
Mobilitätsbezogene Einstellungen im höheren Lebensalter – Theoretische und empirische Zugänge im Kontext der Gerontopsychologie
S16-34-1 

S. G. Penger, K. Conrad; Siegen, Dortmund

Welche psychologischen Einflussgrößen tragen dazu bei, auch im höheren Lebensalter mobil zu bleiben und außerhäuslichen sozialen Aktivitäten selbstständig nachgehen zu können? Mobilitätsrelevante Einstellungen im außerhäuslichen Kontext finden sowohl in der gerontopsychologischen Forschung als auch in der Praxis, etwa im Rahmen einer altersgerechten Stadt- und Verkehrsplanung, bislang noch zu wenig Berücksichtigung. Dieses Forschungsdesiderat greift der vorliegende Beitrag auf, indem (1) mobilitätsbezogene Einstellungen im höheren Lebensalter konzeptuell beschrieben, (2) in den Kontext ökogerontologischer Theorien eingebettet und (3) Zusammenhänge zum außerhäuslichen Mobilitätsverhalten älterer Menschen empirisch untersucht werden. In diesem Kontext wurde ein neues Instrument zur Erfassung der mobilitätsbezogenen Handlungsflexibilität und Routinen (MBFR) entwickelt, welches die individuelle Überzeugung abbildet, sein eigenes Mobilitätsverhalten an Herausforderungen außer Haus anpassen zu können. Das MBFR-Instrument wurde in einer Feldstudie eingesetzt und seine Zusammenhänge mit dem alltäglichen realisierten Mobilitätsverhalten im urbanen Raum empirisch untersucht. Hierfür wurden 211 privatwohnende Personen ab 65 Jahren in persönlichen Interviews und mittels eines 7-tägigen Wegetagebuchs in der Stadt Stuttgart befragt. Differenzierte Analysen zeigten, dass MBFR vor allem bei älteren Probanden mit Mobilitätseinschränkungen bedeutsam zur Vorhersage des außerhäuslichen Mobilitätsverhaltens beiträgt. Dementsprechend profitieren ältere Personen mit einer stärker ausgeprägten mobilitätsbezogener Handlungsflexibilität (aber nicht Routinen) trotz körperlicher Beeinträchtigungen von ihren positiven Einstellungen, um ihre tägliche Mobilität außer Haus aufrecht zu erhalten. Die Ergebnisse unterstützen die dargelegte Relevanz mobilitätsbezogener Handlungsflexibilität für die Bewältigung umweltbedingter Herausforderungen sowie für eine selbstständige Lebensführung im Alter. Das Thema Mobilität im Alter soll im Rahmen der Psychologischen Alternsforschung und als Teil des fächerübergreifenden Gerontologie Netzwerks Siegen weiterhin interdisziplinär erforscht werden.

Download Vortrag (PDF)

13:50
Pferdegestützte Biografiearbeit mit Menschen in der zweiten Lebenshälfte (PBA-E)
S16-34-2 

J. Schmidt, S. Forstmeier, A. Wartenberg-Demand; Bad Berleburg, Siegen, Schrecksbach

Das Medium Pferd wird aufgrund seiner vielfältigen Wirkfaktoren in den diversen sozialen, pädagogischen, therapeutischen sowie medizinischen Handlungsfeldern eingesetzt. Die Zielgruppe dieser ergänzenden Interventionsmaßnahme sind überwiegend Kinder und Jugendliche, die einen ganzheitlichen Förderbedarf aufweisen. Trotz des demografischen Wandels finden präventive Angebote für ältere Menschen sowohl in der Fachliteratur als auch in der pferdegestützten Praxis bisher kaum Berücksichtigung, obwohl diese Altersgruppe (ab dem 50. Lebensjahr) zunehmende emotionale, soziale, gesundheitliche und kognitive Veränderungen aufweist. Hinzukommen können kritische Lebensereignisse, wie z.B. der Verlust von Bezugspersonen, Beziehungsprobleme, Veränderungen am Arbeitsplatz, Armut und das Auftreten von Krankheiten. Die genannten Veränderungen können bei Betroffenen zu einer subklinischen Depression führen, die vielfach mit einer schlechteren Lebensqualität und einer größeren Benutzung des Gesundheitssystems verbunden ist. Trotz der generell häufigeren Inanspruchnahme der verschiedenen Versorgungssysteme erhalten diese Personen oft keine adäquate Therapie. Die Aufarbeitung der eigenen Biografie ist ein elementarer Bestandteil der meisten Psychotherapieansätze und kann nachweislich die Entwicklung einer Major Depression behandeln und verhindern.

In einer multizentrischen, prospektiven, randomisierten, kontrollierten und offenen Phase-III-Studie war es das Ziel, erprobte Ansätze der Biografiearbeit und der pferdegestützten Therapie zu kombinieren, um die Wirksamkeit dieser Intervention für Menschen ab dem 50. Lebensjahr mit einer subklinischen Depression zu evaluieren.

Die StudienteilnehmerInnen der Interventionsgruppe erhielten wöchentlich das präventive Angebot der Pferdegestützten Biografiearbeit (PBA-E) über einen Zeitraum von acht Wochen. Das Studiendesign wurde bereits in TRIALS publiziert. Der primäre Endpunkt ist die Veränderung des Beck Depressions-Inventars (BDI-II) in einem Prä-Post-Vergleich. Zu den sekundären Endpunkten gehören gesundheitsbezogene Fragebögen zur Beurteilung der Lebensqualität, Erinnerungsfunktionen und Ängstlichkeit. Die Studie befindet sich derzeit in der Auswertung, der primäre Endpunkt wurde erreicht und auch weitere Ergebnisse sind vielversprechend.

14:10
Unerfüllter Enkelwunsch
S16-34-3 

P. Brettschneider, S. Forstmeier; Siegen

Die Geburtenrate sinkt. In Deutschland ist Kinderlosigkeit zu einem Massenphänomen geworden. Zugleich wird die deutsche Bevölkerung älter. Dies hat zur Folge das auch die Zahl älterer Personen ohne Enkelkind zunimmt.

In der Psychologie werden Krisen in der Regel mit kritischen Lebensereignissen assoziiert. Ein Ereignis, das nicht eintritt, wodurch ein Lebensziel schmerzlich unerfüllt bleibt (auch Nicht-Ereignis oder Lebensenttäuschung genannt), kann hingegen ebenso belastend sein. Reimann und Pohl (2006) definieren daher das „Nicht-Ereignis“ als Stressor, da es mit massiven psychische Belastungen verbunden sein kann. Ein populäres Beispiel dieser existenziellen Lebensenttäuschung ist der unerfüllte Kinderwunsch, welcher das Risiko einer psychischen Erkrankung stark erhöht. Untersuchungen zu „Nicht-Ereignissen“ fokussieren primär das mittlere Erwachsenenalter. Jedoch gibt es auch im höheren Erwachsenenalter herbeigesehnte Lebensveränderungen –insbesondere das Großeltern werden.

Wiederholt zeigen Studien den positiven Effekt der Großeltern-Enkel-Beziehung. Die Fürsorge für Enkelkinder fördert beispielsweise die soziale Eingebundenheit, die kognitive Leistungsfähigkeit, das subjektive Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit. Es ist allerdings nicht bekannt, welche Folgen die Sehnsucht nach einem Enkelkind hat.

Welche Auswirkung hat die Enkellosigkeit? Beeinflusst die Sehnsucht nach einem Enkelkind das Wohlbefinden? Ist die enkellose Situation belastend?

Diese Studie verfolgt die Beantwortung genau dieser Fragen. Wir untersuchen, ob ein unerfüllter Enkelwunsch ein Risiko für psychische Belastung und reduzierte Lebenszufriedenheit darstellt.

Im Rahmen einer explorativen Interview-Studie wurden Personen über 55 Jahren mit mindestens einem leiblichen Kind älter als 27 Jahre, ohne leibliches Enkelkind befragt. Durch Flyer und Artikel in Seniorenzeitungen wurde für die Studie geworben. In dem circa einstündigen Interview wurden die Biografie, die aktuelle Lebenssituation, Persönlichkeitsaspekte, Daten zu den Kindern und der Beziehung sowie der Freizeitgestaltung erhoben. Ergänzend wurden die Teilnehmenden gebeten, einen Fragebogen zu Lebenszufriedenheit, Lebensqualität, Anpassungsproblemen, Trauer und sozialen Ressourcen auszufüllen.

Die Datenerhebung ist noch nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse werden daher auf der Konferenz präsentiert.

14:30
Partizipation im Forschungsprozess am Beispiel der Implementation eines regionalen und sektorenübergreifenden Versorgungsmodells für Menschen mit Demenz (DelpHi-Siegen-Wittgenstein)
S16-34-4 

K. Seidel, J. R. Thyrian, J. Haberstroh; Siegen, Greifswald

Demenz ist weltweit eine der Hauptursachen von Behinderung und Abhängigkeit bei älteren Menschen und zeigt sich durch die mit der Erkrankung einhergehenden Folgen auf wirtschaftlicher, sozialer und v. a. versorgungsbezogener Ebene. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die es in den kommenden Jahren zu meistern gilt. Die Pilotstudie DelpHi-SW untersucht Dementia Care Management (DeCM) als eine Maßnahme der Nationalen Demenzstrategie, welche darauf abzielt, die Versorgung und Lebensqualität von Menschen mit Demenz (MmD) und deren versorgende Angehörige zu verbessern. Basierend auf dem bereits positiv evaluierten DelpHi-Standard zur ambulanten Versorgung von MmD wird in der Pilotstudie seit Januar 2021 die Entwicklung und Implementierung eines regional angepassten und sektorenübergreifenden DeCM-Modells für die Region Siegen-Wittgenstein untersucht. Um mit dem DeCM ein Versorgungsmodell zu schaffen, das sich an den spezifischen regionalen Ressourcen und Bedarfen von professionellen Praxisakteur:innen, MmD und deren Angehörigen gleichermaßen orientiert, findet in der Pilotstudie die partizipative Methode des Reallabors Anwendung. Diesem Ansatz folgend, werden lokale Versorgungsexpert:innen, MmD sowie deren Angehörige als gleichberechtigte Ko-Forschende verstanden und in die Pilotstudie eingebunden. Dabei entwickeln die Versorgungsexpert:innen aus den unterschiedlichen Sektoren unter Erfassung von hemmenden und förderliche Faktoren für die Umsetzung ein regional angepasstes DeCM-Modell, um es ab Februar 2021 in einer Pilotphase und in Vorbereitung auf die sich anschließende Hauptstudie hinsichtlich seiner Machbarkeit und Implementation zu erproben. MmD und deren Angehörige werden in Form eines neu zu konstituierenden Patient:innenbeirats in alle Projektphasen eingebunden. Im Rahmen des Symposiums werden erste Ergebnisse des partizipativen Entwicklungsprozesses präsentiert und kritisch beleuchtet sowie ein Ausblick auf weitere, flankierende Fragestellungen gegeben.

Diskutant: F. Oswald, Frankfurt a. M.

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