Freitag, 17.09.2021

09:45 - 11:15

Raum 5

S17-15

Geragogik an der Schnittstelle von Alter(n) und Technik

Moderation: C. Kricheldorff, Freiburg

Der Zugang einer noch immer großen Gruppe älterer Menschen zu digitalen Technologien und Medien und zu technischen Assistenzsystemen weist deutliche Hemmschwellen und Hürden auf. Digitale Entwicklungen sind aber inzwischen untrennbar mit den Lebenswelten und der Alltagsgestaltung verbunden – auch im Alter.

Für wenig technikaffine ältere und alte Menschen bedeutet das, dass sie von vielen Entwicklungen einer immer stärker digitalisierten Welt zunehmend ausgeschlossen werden. In den aktuellen Fachdiskursen, wie auch im Achten Altersbericht (BMFSFJ, 2020), wird deshalb auf das drohende Phänomen der digitalen Spaltung (Digital Divide) hingewiesen.

Das Symposium befasst sich vor diesem Hintergrund mit den folgenden zentralen Fragen:

- Wie kann die Motivation zum Erwerb digitaler Kompetenzen im Alter erfolgreich gefördert werden? Welche Einflussfaktoren sind hier wirksam?

- Welche methodische-didaktischen Ansätze zum digitalen Kompetenzerwerb im höheren Alter haben sich in der Praxis bewährt?

- Was sind geeignete Bildungssettings zum Techniklernen jenseits der Lebensmitte und im Alter?

Ausgehend von aktuellen geragogischen Wissensbeständen im Kontext von Prozessen der Kompetenzentwicklung Älterer wird das Techniklernen in einen Gesamtzusammenhang von Kompetenzerhalt und - entfaltung in den verschiedenen Lebenslagen und -phasen des Alters gestellt.

09:45
Gut vernetzt oder abgehängt? – Unterstützung und Förderung von digitalen sozialen Netzwerken als geragogischer Auftrag
S17-15-1 

C. Kricheldorff; Freiburg

Über die Bedeutung sozialer Netzwerke für Wohlbefinden und Lebensqualität im Alter gibt es in der gerontologischen Forschung, vor allem auch gespeist durch Arbeiten zur Person-Umwelt-Passung als zentraler Prämisse der Ökogerontologie, zahlreiche empirische Belege. Entwicklungen im Kontext der Digitalisierung haben für die Lebensphase Alter eine wachsende Bedeutung, sind aber in der konkreten Anwendung auch mit diversen Anwender- und Nutzerbarrieren konfrontiert (3).

Spätestens im Kontext der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass digitale Technologien zentrale Bedingungsfaktoren für gelingendes Altern sind, weil sie auch in Zeiten von Social Distancing soziale Teilhabe und Kontakte mit den relevanten Bezugspersonen und wichtige persönliche Netzwerke älterer und alter Menschen aufrechterhalten können. Die subjektive Bedeutung und stabilisierende Wirkung sozialer Beziehungen haben bereits Laura Carstensen mit der Sozioemotionalen Selektivitätstheorie (1) und Kahn & Antonucci (2) mit ihrem Social Convoy-Modell pointiert und alterstheoretisch fundiert dargelegt. In der aktuellen Pandemie wird offenkundig, dass gelingendes Altern nicht nur die persönliche Begegnung und Beziehungspflege braucht, sondern auch deren Ermöglichung durch digitale Formen und Ausprägungen.

Der Beitrag beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit der Bedeutung sozialer Netzwerkarbeit in analoger und digitaler Form und wie deren Entstehung im Alter durch geragogische Ansätze unterstützt und gefördert werden kann.

Literatur:

(1) Carstensen, Laura. L.; Turan, Bulent; Scheibe, Susanna; Ram, Nilan; Ersner-Hershfield, Hal; Samanez-Larkin, Gregory, R.; Brooks, Kathryn, P.; Nesselroad, John R. (2011): Emotional experience improves with age: Evidence based on over 10 years of experience sampling". Psychology and Aging. 26 (S. 21–33)

(2) Kahn, R. L., & Antonucci, T. C. (1980). Convoys over the life course. Attachment, roles and social support. In: In Baltes, P.B. & Grim, O.G., Eds., Life Span Development and Behavior, Vol. 3, Academic Press, New York, 253-286

(3) Wahl, H-W.; Kricheldorff, C.; Hedtke-Becker, A. (2018) Technik für vulnerable ältere Menschen und ihre Angehörigen. Möglichkeiten und Grenzen. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 51(1) 2018. Heidelberg: Springer (S. 1-3)

10:05
Selbstwirksamkeitsüberzeugung als Einflussfaktor zum Erwerb digitaler Kompetenzen und für die Techniknutzung bei Pflege- und Unterstützungsbedarf
S17-15-2 

R. Schramek, C. Lichteiker, A. Schramm; Bochum

Der Einsatz von Robotik zur Entlastung und Unterstützung in häuslichen Pflegesituationen ist vielfach - auch hinsichtlich verschiedener Funktionalitäten (Aktivierung, Erinnerung, emotionale Stimulation, Strukturierung) nachgewiesen, auch die Akzeptanz solcher Systeme ist belegt (2; 3). Ein Ansatz besteht darin, Techniklernen – auch bei Pflege- und Unterstützungsbedarf im häuslichen Umfeld – durch begleitete Lernprozesse zu initiieren (1; 4).

Im laufenden Forschungsprojekt „RUBYDemenz“ (01.03.2020 – 28.02.2023, BMBF) wird nun ein Lernmodell zur Technikaneignung von robotischer Technik in häuslichen Pflegesituationen mit Menschen mit Demenz entwickelt. Untersucht wird dabei, auf der Basis von Erhebungen zu vorhandenen Technikkompetenzen und der bestehenden pflege- bzw. technikbezogenen Selbstwirksamkeitsüberzeugung, wie diese Einfluss auf die Techniklernprozesse nehmen und wie die Erkenntnisse für die Technikaneignung und spätere Techniknutzung bei MmD genutzt werden können. Dargestellt werden die Forschungsergebnisse aus dem Projekt „RUBYDemenz“ aus den ersten eineinhalb Projektjahren.

Literatur:

(1) Bubolz-Lutz, E. & Stiel, J. (2018): Technikbegleitung. Aufbau von Initiativen zur Stärkung der Teilhabe Älterer im Quartier. Forschungsinstitut Geragogik, Fachhochschule Dortmund (Hg.): „Ältere als (Ko-)Produzenten von Quartiers-netzwerken – Impulse aus dem Projekt QuartiersNETZ“. Handbuch 5. Dortmund

(2) Dimitrov, T. et al. (2018): “OurPuppet” – Entwicklung einer Mensch-Technik-Interaktion für die Unterstützung informell Pflegender. In: Boll, S.; Hein, A.; Heuten, W.; Wolf-Ostermann, K.: Zukunft der Pflege. Tagungsband, Oldenburg

(3) Janowski, K.; Ritschel, H. et al. (2018): Sozial interagierende Roboter in der Pflege. In: Bendel, O. (Hg.): Pflegeroboter. Wiesbaden: Springer

(4) Schramek, R.; Reuter, V.; Kuhlmann, A.; Mertens, J. (2018): „OurPuppet“ – Nutzerakzeptanz und ethisch-soziale Aspekte einer M-T-I Entwicklung. In: Boll, S.; Hein, A.; Heuten, W.; Wolf-Ostermann, K.: Zukunft der Pflege. Tagungsband, Oldenburg, S. 34 – 39

Download Vortrag (PDF)

10:25
Zugänge und Potenziale digitaler Bildungsprozesse für ältere Menschen im betreuten Wohnen - Das interdisziplinäre Verbundprojekt „DiBiWohn“
S17-15-3 

M. Marquard, T. de Vries, I. Himmelsbach, E. Hrabal, C. Klank, J. Zieger, M. Doh; Ulm, Freiburg, Heidelberg

Die Gestaltung von Zugängen zu Bildungs- und Digitalisierungsangeboten gewinnt in einer alternden Gesellschaft und gerade in Zeiten der Covid19-Pandemie für ältere Menschen zunehmend an Bedeutung hinzu. Bereits etablierte und in der Praxis erprobte Peer-to-Peer-Konzepte zu digitaler Bildung im Alter stellen dabei für diese tendenziell eher technikferne Zielgruppe einen hohen Mehrwert dar und ermöglichen einfachere Zugangswege zur Erschließung digitaler Kompetenzen.

Das aktuell laufende Verbundprojekt „DiBiWohn – Digitale Bildungsprozesse für ältere Menschen in seniorenspezifischen Einrichtungen der institutionalisierten Altenhilfe“ (01.09.2020 – 31.08.2025, BMBF) setzt an dieser Stelle an und beschäftigt sich mit einem bislang von Bildungs- und Digitalisierungsangeboten unzureichend erschlossenen Personenkreis: ältere Menschen, die in seniorenspezifischen Wohnformen der institutionalisierten Altenhilfe leben (Betreutes Wohnen und Pflegewohnen).

Vor diesem Hintergrund gibt der Beitrag erste wissenschaftliche Erkenntnisse aus Forschung und Praxis, insbesondere zu Bildungsbiografien älterer „Offliner“ und Noviz*innen sowie zu  partizipativ entwickelten Bildungsformaten in Bezug auf digitale Bildung. Hierbei werden auch grundsätzliche geragogische Überlegungen und methodisch-didaktischen Prinzipien diskutiert.

Download Vortrag (PDF)

10:45
Einsatz von Virtual-Reality-Brillen in der psychosozialen Arbeit mit demenzkranken Älteren im Spannungsfeld von Partizipation und Schadensvermeidung
S17-15-4 

J. Steinfort-Diedenhofen, B. Sträter; Köln

Innovative und leicht verfügbare Technologien wie VR-Brillen bieten enormes Potential zur Aktivierung kognitiver und sozialer Ressourcen. Im Einsatz von Virtual-Reality-Brillen in der stationären Langzeitpflege mit alten Menschen mit Demenz (MmD) zeigen sich aber auch Widerstände und Spannungsfelder (2). Hierbei steht der Wunsch nach Weiterentwicklung von Methoden und der Nutzung von Potenzialen der Digitalität (1), den Begrenzungen durch die Einhaltung forschungsethischer Standards (4; 5) in der Arbeit mit demenzkranken Älteren gegenüber.

Der Bedarf einer qualifizierten Schulung der Mitarbeiter*innen und der Berücksichtigung insbesondere dieser ethischen Aspekte im Einsatz von VR-Brillen bei Menschen mit Demenz steigt (3). Der Beitrag nimmt die Erfolgs- und Risikofaktoren der Nutzung von VR-Brillen mit demenzkranken Älteren aus einer geragogischen und gesundheitswissenschaftlichen Perspektive in den Blick. Dabei wird der Stand der Entwicklung eines Fortbildungsprogramms für Betreuungskräfte nach § 43B, 53C SGB XI sowie Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes aufgezeigt, welches aktuell an der Katholischen Hochschule NRW als partizipatives Lehrforschungsprojekt erprobt wird.

Literatur:

(1) Bubolz-Lutz; E.; Stiel, J. (2018): Technikbegleitung. Aufbau und Initiativen zur Stärkung der Teilhabe Älterer im Quartier. Handbuch 5. Dortmund: Fogera

(2) Feldmann, M. (2020): Einsatz von VR-Technologie in der Senior*innenarbeit. Chancen und Risiken der Nutzung aus Sicht der Sozialen Arbeit. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich.

(3) Gehrke, B. (2009): Perspektiven und Möglichkeiten der Medienkompetenzförderung im höheren Lebensalter. In: Schorb, Bernd; Hartung, Anja; Reißmann, Wolfgang (Hg.): Medien und höheres Lebensalter. Theorie - Forschung - Praxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 338­–353.

(4) Hopf, C. (2012): Forschungsethik und qualitative Forschung. In: Uwe Flick, Ernst von Kardorff und Ines Steinke (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 9. Auflage. Reinbek: Rowohlt, S. 589–600.

(5) Rapp, M. (2013): Ethische Probleme in der Demenzforschung. In Helmchen, H. (Hg.): Ethik psychiatrischer Forschung. Berlin, Heidelberg: Springer, S. 163-168.

Diskutantin: C. Bleck, Düsseldprf

Zurück