Donnerstag, 16.09.2021

15:30 - 17:00

Raum 3

S16-43

Förderung von Gesundheit und Partizipation in Lebenswelten und Versorgungsbezügen bei chronischer Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit

Moderation: K. Hämel, Bielefeld; M. Heumann, Bielefeld; G. Röhnsch, Berlin

Die Bewältigung von chronischen Erkrankungen, Behinderung und Pflegebedürftigkeit stellt auch ältere Menschen und ihr Umfeld vor vielfältige Herausforderungen. Die Versorgung und Begleitung im Sozial- und Gesundheitswesen sollte verstärkt darauf ausgerichtet sein, die Betroffenen in ihrer Gesundheit und Teilhabe zu fördern – und nicht nur, Krankheiten zu behandeln. Entsprechende Ansätze und Interventionen sollten gemeinsam mit älteren Menschen als ‚Nutzer*innen‘ sozialer und gesundheitsbezogener Dienste entwickelt werden, um so die individuellen Präferenzen älterer Menschen wie auch ihre soziale und kulturelle Diversität zu berücksichtigen.

Die Beiträge des Symposiums betrachten vor diesem Hintergrund, wie die Förderung von Gesundheit und Partizipation bei chronischer Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit als Aufgabe der Sozial- und Gesundheitsberufe ausgestaltet werden kann und welche Chancen und Herausforderungen sich dabei ergeben.

Im Symposium präsentieren drei Projekte (förges 3, 4, 5) des von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW geförderten Forschungsverbunds „Förderung der Gesundheit bei chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit“ ihre Ergebnisse. In dem Verbund haben sich Forscher*innen der Universität und der Fachhochschule Bielefeld mit Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege in NRW zusammengeschlossen, um wissenschaftlich fundierte Interventionen in den Einrichtungen zu entwickeln und zu erproben.

In den beiden anschließenden Kommentaren werden zunächst Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ansätze/Interventionen in den Projekten betrachtet und sodann Perspektiven zur Stärkung der Partizipation in Lebenswelten und Versorgungsbezügen bei chronischer Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit als Aufgabe der Sozial- und Gesundheitsberufe diskutiert.

15:30
Stärkung der Selbstmanagementkompetenzen türkeistämmiger Menschen bei der Pflege von Angehörigen mit Demenz
S16-43-1 

Y. Yilmaz-Aslan, T. Aksakal, H. Yilmaz, K. Annaç, A. Bulic, O. Razum, H. Tezcan-Güntekin; Bielefeld, Witten, Gelsenkirchen, Berlin

Fragestellung: Türkeistämmige Pflegebedürftige werden zum weit überwiegenden Teil von ihren Angehörigen häuslich versorgt. Die häusliche Pflegesituation kann mit einer hohen physischen, psychischen und sozialen Belastung für die pflegenden Angehörigen einhergehen. Um einer Überlastung entgegenzuwirken, ist es notwendig, pflegende Angehörige zu unterstützen und zu entlasten. Ziel des Projekts ist die Entwicklung, Umsetzung und Validierung einer Intervention zur Stärkung der Selbstmanagementkompetenzen von türkeistämmigen pflegenden Angehörigen demenzerkrankter Menschen.

Methodik: In einem ersten Schritt wurde eine Dokumentenanalyse pflegerelevanter Informationsmaterialen in türkischer Sprache durchgeführt. Zunächst wurden 10 pflegende Angehörige mittels leitfadengestützter Interviews zu ihren Bedürfnissen und Informationswünschen befragt. Auf Basis der Ergebnisse wurde eine individualisierte, partizipative Intervention entwickelt, die aus wöchentlichen Hausbesuchen durch eine muttersprachliche Fachkraft über einen mehrmonatigen Zeitraum bestand. Zur Evaluation der Intervention wurden im Anschluss erneut Interviews mit den Teilnehmenden durchgeführt.

Ergebnisse: Pflegende Angehörige haben häufig Informationsdefizite zum Thema Demenz/Pflege und sind starken Belastungen wie finanziellen Sorgen und sozialer Isolation ausgesetzt. Sie wünschen sich Unterstützung im Pflegealltag, bei der Beantragung von Leistungen, Angebote zur Entlastung sowie Betreuung durch kultursensible Pflegekräfte. Nach Durchführung der Intervention wurde deutlich, dass unterschiedliche Familienkonstellationen, Altersgruppen, Geschlechter und Pflegesituationen Merkmale sind, die mit verschiedenen Bedürfnissen und Bedarfen einhergehen. Innerhalb der Familien lassen sich unterschiedliche Stadien der Selbstmanagementförderung erkennen. Die Intervention bestärkte die Selbstorganisation der pflegenden Angehörigen und befähigte diese zur mehrheitlich selbstständigen gesundheitlichen Versorgung ihrer Familienangehörigen.

Schlussfolgerung: Dieses Vorhaben zielte durch den individuellen und partizipativen Ansatz darauf ab, einen Beitrag zur Verbesserung der häuslichen Pflegesituation und der Stärkung der Gesundheits- und Selbstmanagementkompetenzen türkeistämmiger pflegender Angehöriger zu leisten. Gleichzeitig bietet es auch professionellen Akteur*innen in der pflegerischen Versorgung eine Grundlage zur Entwicklung von Handlungsansätzen im Umgang mit Diversitätsmerkmalen in der Pflege.

15:55
Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz älterer Menschen
S16-43-2 

A. Horn; Münster

Hintergrund: Neben vielfältigen digitalen Gesundheitsanwendungen wächst ebenso das Angebot an digitalen Gesundheitsinformationen. Auch viele ältere Menschen nutzen das Internet, digitale Gesundheitsangebote und informieren sich Online über gesundheitliche Themen. Um mit dieser Vielfalt an Informationen angemessen umgehen zu können, bedarf es spezifischer digitaler Gesundheitskompetenzen, die jedoch gerade bei älteren Menschen häufig niedrig ausgeprägt ist. Unbekannt ist, wie zielgruppenspezifische Konzepte zur Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz (dGK) von älteren Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen beschaffen sein müssen und welche Besonderheiten der Zielgruppe zu beachten sind.

Methodik Um herauszufinden, wie die dGK älterer Menschen ausgeprägt ist, wurden in 2019/2020 persönliche Interviews mit (130) Personen ab 50 Jahren auf der Basis eines standardisierten Fragebogens im Raum Bielefeld und Umgebung geführt. Die deskriptive Datenauswertung erfolgte mit Hilfe von SPSS. Zudem wurden Fokusgruppeninterviews mit 17 älteren Personen durchgeführt, die Bedürfnisse und Wünsche potentieller Teilnehmer an die inhaltliche und organisatorische Gestaltung einer Intervention zur Stärkung der dGK fokussierten. Sie wurden tontechnisch aufgenommen, transkribiert und themenspezifisch ausgewertet.

Ergebnisse: Die gewonnenen Ergebnisse haben dazu beitragen, eine zielgruppenspezifische Intervention zur Förderung der dGK von älteren Menschen, die von chronischer Krankheit und Pflegebedürftigkeit bedroht sind, zu entwickeln und in Bielefeld und Umgebung zu erproben.

Diskussion: Die Ergebnisse weisen auf eine tendenziell niedrige dGK bei der Zielgruppe hin. Insbesondere das Beurteilen und Anwenden von internetbasierten Gesundheitsinformationen und das Beurteilen der Qualität von gesundheitsbezogenen digitalen Angeboten wird als schwierig empfunden.

 

16:20
Förderung von bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenzen bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung
S16-43-3 

D. Bruland, A. Mauro, Ä.-D. Latteck; Bielefeld

Hintergrund: Die Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung steigt deutlich. Zugleich treten bei ihnen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung zahlreiche Beeinträchtigungen und (chronische) Erkrankungen häufiger und oftmals früher im Lebenslauf auf. Hierfür sind ein signifikant hoher Bewegungsmangel und ein eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsprogrammen ursächlich.

Zielsetzung: Erfassung bewegungsbezogener Gesundheitskompetenz (BGK) von Menschen mit geistiger Behinderung als Basis für eine partizipative Entwicklung einer multimodalen Intervention zur Bewegungsförderung.

Methodik: Zielgruppenorientierte problemzentrierte Interviews (n=24) mit Menschen mit leichter bis mittlerer geistiger Behinderung (ICD F70 & F71). Auswertung mittels qualitativer Inhaltsanalyse (deduktive Kategorienbildung orientiert am Modell der BGK). Basierend darauf Konzeptentwicklung.

Ergebnisse: In der BGK-Subkategorie „Steuerungskompetenz“ zeigte sich ein grundlegendes Effektwissen (Bewegung als positiver Faktor für Gesundheit), allerdings fehlt das Ausführungswissen, z. B. Schutz vor eigener Überlastung. Bei der „bewegungsspezifischen Selbstregulationskompetenz“ zeigte sich eine hohe intrinsische Motivation für Alltagsbewegungen, jedoch ist das Selbstwirksamkeitsgefühl niedrig. Ausgewählte Bewegungsformen können aufgrund von Barrieren (z.B. eingeschränkte Mobilität) oftmals nicht umgesetzt werden. Ideen für Alltagsbewegungen fehlen, sodass z.B. ärztliche Empfehlungen nicht umgesetzt werden. Professionelle Akteure werden als Ressource gesehen, z.B. im Aufzeigen von Möglichkeiten für Walking anstelle von Joggen. Die Subkategorie „Bewegungskompetenz“, die u. a. eigene körperliche Fähigkeiten einbezieht, war überaus heterogen.

Fazit: Bewegungsförderung hat nachhaltige Effekte auf die Bewegungsfähigkeit wie Erhalt von Muskeln, der Koordinationsfähigkeit sowie der Reduktion von Stürzen. Die Erkenntnisse geben Hinweise auf mögliche Anknüpfungspunkte und Herausforderungen für professionelle Akteure. Vor allem die Heterogenität der Bewegungskompetenz und der vorhandenen Möglichkeiten vor Ort erfordern eine individuelle Berücksichtigung bei der Intervention. Die partizipativen Gruppen ermöglichen den zukünftigen Nutzer*innen der Intervention, sich hier selbstbestimmt zu äußern und selbstbestimmt Einblicke in ihre Lebenswelt zu vermitteln. Dabei geben sie Auskunft über die gewünschte Unterstützung auch von professionellen Akteuren.

Download Vortrag (PDF)

Diskutantin: S. Migala, Berlin

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