Donnerstag, 16.09.2021

15:30 - 17:00

Raum 1

S16-41

Facetten kommunaler Demografiearbeit – Wie sie entsteht und dauerhaft gelingen kann

Moderation: A.-K. Teichmüller, Dortmund

Ein demografiestrategisches Vorgehen in Kommunen ist essenziell, um zukünftig die Herausforderungen, die der demografische Wandel für alle Altersgruppen mit sich bringt, bewältigen zu können. Die Sicherstellung der Daseinsvorsorge und Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Kombination mit den fortlaufenden Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung und -struktur, die mit teils erheblichen Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel einhergehen, erzeugen einen Handlungsdruck auf Kommunen, sich „demografiefest“ aufzustellen. Dennoch geschieht dies nicht flächendeckend und nicht in allen Fällen zielgerichtet. In diesem Zusammenhang stellen sich zwei wesentliche Fragen: Wer oder was entscheidet darüber, ob Demografie als Thema in der Kommunalpolitik aufgegriffen und zur Priorität gemacht wird und wie kann Demografiearbeit im Anschluss strategisch und langfristig implementiert, umgesetzt und weiterentwickelt werden? Im Rahmen eines Dissertationsprojekts konnten mithilfe von Expert*inneninterviews mit Akteur*innen aus dem Bereich (wissenschaftlicher) Politikberatung sowie sechs Fallstudien auf Grundlage des Multiple-Streams-Ansatzes begünstigende Rahmenbedingungen und Akteur*innenkonstellationen für die Entstehung kommunaler Demografiepolitik expliziert werden. Die Arbeit leistet einen Beitrag zum Verständnis der Genese von Kommunaler Demografiepolitik und der Rolle von Politikberatung in diesem Kontext. Mit dem Projekt „Demografiewerkstatt Kommunen“ (DWK) wurden Kommunen in den Blick genommen, die bereits mit der Demografiearbeit begonnen haben und mithilfe einer eigenen Systematik bei der weiteren Ausarbeitung passgenauer demografiestrategischer Konzepte unterstützt. Die DWK leistete dadurch einen wesentlichen Beitrag zur Sensibilisierung, Strategiebildung, Vernetzung und Praxisarbeit rund um das Thema Demografie in den Kommunen. Dabei wurden aus Sicht der Kommunen zahlreiche individuelle Mehrwerte geschaffen, die konkrete Demografie-Aktivitäten sowie übergreifende Prozesse auf struktureller, strategischer und vermittelnder Ebene betrafen. Außerdem konnten Gelingensfaktoren abgeleitet werden, die anderen Kommunen Anhaltspunkte für die eigene Ausrichtung der Demografiearbeit geben können. In diesem Symposium wird Demografiepolitik und demografiestrategische Arbeit auf kommunaler Ebene anhand von Theorie und Empirie von der Entstehung bis hin zur gelingenden Verstetigung betrachtet und sowohl konzeptualisiert als auch mit Praxisbeispielen konkretisiert.

15:30
Gelingensfaktoren für kommunale Demografiearbeit – Ergebnisse und Good-Practice-Beispiele aus der „Demografiewerkstatt Kommunen“ (DWK)
S16-41-1 

V. Reuter, M. Schlinge; Dortmund

Der demografische Wandel zeigt sich für Kommunen in sehr vielfältigen oder sogar gegenläufigen Entwicklungen und Bedarfen, z.B. in städtischen und ländlichen Räumen, großen und kleinen Kommunen. Das Projekt „Demografiewerkstatt Kommunen“ (DWK) (Laufzeit 2016-2020, Förderung durch das BMFSFJ) setzt an diesen individuellen demografischen Herausforderungen der zehn teilnehmenden Modellkommunen (6 (Land-)Kreise und 4 Städte aus dem gesamten Bundesgebiet) an und ermöglichte die Entwicklung jeweils eigener passgenauer Konzepte. Maßgebliches Ziel der DWK war es, die Kommunen „demografiefest“ zu machen. Was dies für die jeweiligen Kommunen bedeutet, ist individuell sehr unterschiedlich. In der DWK wurde ein mehrstufiges Vorgehen entwickelt (DWK-Systematik), um die Kommunen auf ihrem Weg – unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Voraussetzungen, Strukturen, Handlungsbedarfe und Ziele – zu begleiten. Die wissenschaftliche Begleitung evaluierte die jeweiligen Ausgangslagen der Modellkommunen, die Umsetzung der Systematik, die Unterstützungs- und Beratungsbedarfe der Kommunen und die konkreten Fortschritte in der Praxis. Dadurch ließen sich Erkenntnisse über Strukturen und Prozesse ableiten, die sich förderlich auf die demografiestrategische Arbeit auswirken und sich oftmals auch auf die Ebene der Kommunalverwaltung selbst beziehen. Dies sind insbesondere die ressortübergreifende Zusammenarbeit (intrakommunale Kooperationen) in den Kommunalverwaltungen, die Einbindung der Zivilgesellschaft aller Generationen in Form von Beteiligungsprozessen und Konzepten der Engagementförderung, interkommunale Kooperationen bzw. der Einbezug kreisangehöriger Städte und Gemeinden sowie fachlicher und kollegialer Austausch und externe Beratung. Schlussendlich ist die Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel und den sich stetig verändernden Gestaltungserfordernissen eine Daueraufgabe, die Durchhaltevermögen erfordert. Demografie-Maßnahmen müssen längerfristig und somit projektunabhängig funktionieren und fortlaufend weiterentwickelt, angepasst und mitunter auch durch neue kreative und innovative Lösungen ergänzt werden. Dies ist in der DWK gelungen. Der Vortrag zeigt anhand konkreter Praxisbeispiele die Gelingensfaktoren auf, die in den DWK-Modellkommunen besonders zum Tragen kamen. Sie können auch anderen Kommunen helfen, erfolgreich Demografiearbeit zu leisten und tragfähige Strukturen für die Gestaltung der Lebensbedingungen vor Ort zu entwickeln.

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15:55
Zur Entstehung kommunaler Demografiepolitik und der Rolle von wissenschaftlicher Politikberatung – Ausgewählte Ergebnisse eines Dissertationsprojektes
S16-41-2 

M. Kühnel; Dortmund

Kommunen sind unmittelbar und mittelbar von der soziodemografischen Entwicklung betroffen. Untersuchungen zeigen, dass es zwar eine Reihe von Kommunen gibt, die das Thema Demografie im Sinne eines Gestaltungsauftrags angenommen haben, der Ansatz einer Kommunalen Demografiepolitik aber insgesamt noch keine (flächendeckende) Resonanz gefunden hat. Vor diesem Hintergrund wurde in der Dissertation untersucht, wie es zu einer Entstehung von Demografiepolitik in Kommunen kommt und welche Rolle wissenschaftliche Politikberatung dabei spielen kann. Das Ziel der Untersuchung war es einerseits, mittels Expert*inneneinschätzungen wichtige Rahmenbedingungen und Entstehungsfaktoren der Genese Kommunaler Demografiepolitik zu identifizieren. Andererseits sollten mittels Fallanalysen konkrete Entstehungszusammenhänge Kommunaler Demografiepolitik rekonstruiert werden. Ausgehend vom Multiple-Streams-Modell wurde dabei die These untersucht, ob sich die Entstehung von Kommunaler Demografiepolitik als das Ergebnis der Kopplung von Problem-, Lösungs- und Politikstrom durch einen oder mehrere Politikunternehmer*innen zu einem günstigen Möglichkeitsfenster verstehen und erklären lässt. Auf der Grundlage einer Qualitativen Inhaltsanalyse von 50 Interviews mit Expert*innen aus dem Bereich wissenschaftlichePolitikberatung sowie kommunalen Akteur*innen wurden erstens Entstehungsfaktoren für Kommunale Demografiepolitik identifiziert. Zweitens wurde die Rolle von Politikberatung im Politikfeld näher untersucht sowie drittens rekonstruktive Fallanalysen der Entstehung von Demografiepolitik in unterschiedlichen Kommunen vorgenommen. Die Ergebnisse zeigen, dass es eine Reihe von wichtigen Faktoren gibt, welche zur Genese von Kommunaler Demografiepolitik beitragen können. Die Entstehung von Demografiepolitik ist insgesamt jedoch nur schwer planbar, weil eine erfolgreiche Themensetzung nur gelingt, wenn verschiedene Faktoren (Strukturen, Akteur*innen und Zufälle) zusammenkommen. Politikberatung kann dabei eine wichtige Rolle spielen, sie ist aber nur einer von unterschiedlichen Faktoren, welche zu einer gelingenden Themensetzung beitragen können.

16:20
Das Projekt „Demografiewerkstatt Kommunen“ (DWK) – Systematische Demografiearbeit auf kommunaler Ebene und ihr Nutzen für die Kommunen
S16-41-3 

M. Schlinge, V. Reuter; Dortmund

Der demografische Wandel ist für Kommunen – als Verantwortliche zur Gestaltung der Lebensbedingungen vor Ort – die zentrale Herausforderung der Zukunft. Jede Kommune ist dabei vor ganz eigene Chancen und Herausforderungen gestellt. Das Projekt „Demografiewerkstatt Kommunen“ (DWK) (Laufzeit 2016-2020, Förderung durch das BMFSFJ) setzt an diesen individuellen demografischen Herausforderungen an und begleitete insgesamt zehn Kommunen (6 (Land-)Kreise und 4 Städte aus dem gesamten Bundesgebiet) bei der Gestaltung des demografischen Wandels. Die Kommunen waren aufgefordert, individuelle Strategien und Maßnahmen zu entwerfen und umzusetzen, um ihre Kommune „demografiefest“ für die Zukunft aufzustellen. Dabei sollten in den Modellkommunen neue Prozesse initiiert, bestehende Initiativen vernetzt, neue Handlungsfelder erschlossen und das demografiestrategische Vorgehen der Kommunen konkretisiert und umgesetzt werden. Zu diesem Zweck wurde eine eigene Systematik entwickelt, um die Kommunen zielgerichtet und nachhaltig in der Ausgestaltung ihrer Demografiestrategie zu unterstützen und dennoch individuelle Lösungsansätze zu fördern. Das systematische Vorgehen bestand zum einen aus fünf aufeinander folgenden Bausteinen (Kick-Off, Kommunalprofil, Zukunftswerkstatt, Werkstattplan, Halbzeitbilanz) und zum anderen aus mehreren prozessbegleitenden Unterstützungselementen (externe Beratungen, Werkzeugkoffer, Online-Vortragsreihe, Austauschtreffen, kollegiale Beratung, Fachdiskurse). Die jeweiligen Ausgangslagen der Kommunen, die Umsetzung der Systematik-Schritte und der Nutzen der DWK für die Kommunen wurden von der wissenschaftlichen Begleitung während der Projektlaufzeit in verschiedenen Erhebungen (u.a. standardisierte Befragungen der Berater*innen) und im Rahmen einer Abschlussevaluation (qualitative Interviews mit Vertreter*innen der Kommunen) evaluiert. Dadurch konnte gezeigt werden, dass die DWK aus Sicht der Kommunen ihre demografiestrategische Arbeit maßgeblich unterstützt hat. So konnten neben der Durchführung und Weiterentwicklung zahlreicher Demografie-Aktivitäten in der Praxis weitere tiefgreifende Prozesse angestoßen und Strukturen geschaffen werden, z.B. Etablierung neuer Beteiligungskulturen in den Verwaltungen oder Herstellung eines Bewusstseins für die eigenen Stärken der Kommune. Dieser Mehrwert wird in dem Vortrag nach einer Vorstellung der Zielsetzung und Systematik des Projektes anhand konkreter Praxisbeispiele aufgezeigt.

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Diskutant: C. Strünck, Dortmund

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