Donnerstag, 16.09.2021

13:30 - 15:00

Raum 3

S16-33

Ermöglichung von Teilhabe und Versorgung von Menschen mit Hilfebedarf im Quartier durch Technikeinsatz

Moderation: H. Pelizäus-Hoffmeister, Neubiberg

In spätmodernen Gesellschaften entscheidet der Einsatz von (digitaler) Technik mit darüber, ob die Anforderungen des Alltags erfolgreich bewältigt werden können. Ebenso bieten sie große Chancen für die Teilhabe und bei der Versorgung hilfebedürftiger (älterer) Menschen. Da die direkte häusliche Umgebung für die betrachtete Personengruppe höchste alltagspraktische Relevanz besitzt, wird der Blick auf technische Potenziale gerichtet, die zu verbesserter Teilhabe und Versorgung im Quartier beitragen können. Dies kann z.B. ein durch digitale Technik ermöglichter Zugang zu lokalen sozialen Einrichtungen oder Lieferdiensten sein, ebenso wie ein digitales „schwarzes Brett“, über das Angebote im Quartier sichtbar gemacht werden.

U. Sperling et al. (Mannheim) werden über die Entwicklung und Validierung einer digitalen Plattform berichten, die die Chance bieten soll, individuelle Bedarfe der älteren Menschen rechtzeitig erkennen und hierfür passgenaue Dienstleistungen organisieren zu können. Mit der technischen Lösung soll eine oftmals gravierende Dienstleistungslücke geschlossen werden. Auf Basis der Befunde aus dem Projekt „Chemnitz Plus“ stellt S. Meyer (Berlin) die Entwicklung eines technisch basierten integrativen Versorgungs- und Dienstleistungsnetzwerkes vor. Durch seinen Einsatz soll erreicht werden, hilfebedürftigen älteren Menschen ein lebenswertes Altern in den eigenen vier Wänden, umgeben von einer bedarfsgerechten Infrastruktur, zu ermöglichen. Ganz anders gelagert ist das Projekt „MobilSorglos“, das V. Gerling et al. (Dortmund)präsentieren: Ein Transportwagen fungiert hier als mobiler Online-Shop zur Unterstützung immobiler Personen; ein umgebautes Wohnmobil ermöglicht eine mobile Beratung, telemedizinische Versorgung und Kommunikation. J. Stiel (Bonn) widmet sich dem Problem der digitalen Teilhabe in Zeiten von Corona aus der Praxis. Sie beschreibt kreative Ideen und Konzepte, mit denen lokale Akteure älteren Menschen auch und gerade in dieser Zeit zu dem nötigen „digitalen Rüstzeug“ verhelfen und verweist zugleich auf strukturelle Herausforderungen und Hemmnisse.

13:30
Projekt SINQ: Entwicklung und Validierung einer Webplattform einschließlich eines IT-gestützten Bedarfsermittlungsverfahrens zur Verbesserung der Teilhabe und Versorgung älterer Menschen im Quartier
S16-33-1 

U. Sperling, T. Obenauer, H. Burkhardt; Mannheim

Ältere Menschen und deren Zugehörige scheitern oft an zu komplizierten Wegen, um individuelle Bedarfe rechtzeitig zu erkennen und passgenaue Dienstleistungen zu organisieren. In dem vom BMBF geförderten Projekt SINQ wurde der Demonstrator einer digitalen Plattform entwickelt. Für die Anwender sichtbar sind die SINQ-Klienten-, eine Dienstleister- und eine Koordinatoren-App. Diese greifen über ein Portalframework auf einen gemeinsamen Server zu. Die technische Lösung unterstützt dabei, Präventionsmaßnahmen zu ergreifen, Versorgung zu gewährleisten und die Teilhabe älterer Menschen im Quartier zu verbessern. So kann die oftmals gravierende Dienstleistungslücke geschlossen werden.

Der Prototyp der SINQ-Klienten-App, der ein Selbstauskunftsverfahren zur Ermittlung von Bedarfen älterer Menschen in besonders alltagsrelevanten Bereichen enthält, wurde in einem Workshop mit 12 Seniorinnen und Senioren getestet. Bei einer Analyse der Nutzervorlieben stach hervor, dass ein ansprechendes Design für die Nutzerentscheidung die größte Rolle spielt (87%). Im Anschluss wurde die entwickelte Lösung einschließlich der angepassten SINQ-Klienten-App in einer dreimonatigen Feldphase mit 12 Teilnehmenden (TN) im häuslichen Alltag getestet.

Ein wichtiges Ergebnis der Feldphase ist, dass die Mehrheit der TN (n=11) in einem solchen System große Potentiale sah, um mit dessen Einsatz gesünder alt zu werden. Weiterhin schätzten 7 TN die SINQ-Klienten-App als ein gutes Instrument ein, um neu auftretende Bedarfe rechtzeitig zu erkennen und 9 TN hielten es für wahrscheinlich, dass kritische Situationen im Alltag vermieden werden können. Dass ihre Daten sicher vor Dritten seien, sahen 10 TN als gegeben. Die Mehrheit der TN möchte zwar nicht, dass ihre Daten zur Verbesserung der passgenauen Empfehlung von Dienstleistungen verarbeitet werden, die Hälfte wünschte sich aber individuellere Eingabe- und Auswahlmöglichkeiten innerhalb der mobilen Anwendung.

Projekte wie das hier vorgestellte können nur in einem multidisziplinären Konsortium durchgeführt werden. Dabei ist es entscheidend, dass jeder Partner seine spezifischen Ansätze und Interessen einbringt und vermittelt. Am Ende des Vortrags werden diesbezüglich ausgewählte Punkte angesprochen.

13:50
Die Zukunftsregion Chemnitz Plus: Erhöhung der Teilhabe durch technische Assistenz in der Wohnung, Unterstützung der Nachbarschaft und Aufwertung des Wohnumfeldes
S16-33-2 

S. Meyer; Berlin

Der Beitrag berichtet über die Evaluationsergebnisse des Projekts „Chemnitz Plus – Eine Zukunftsregion lebenswert gestalten“, durchgeführt vom Verband sächsischer Wohnungsbaugenossenschaften und gefördert vom BMBF in den Jahren 2015-2018. Die sozialwissenschaftliche prozessbegleitende und summative Evaluation des Projektes lag beim SIBIS Institut Berlin. Ziel von „Chemnitz Plus“ war die Entwicklung, die Erprobung und die Evaluation einer integrierten gesundheitlichen Versorgung mit unterstützenden und aktivierenden Gesundheits-und Dienstleistungsangeboten. Im Zentrum stand die Weiterentwicklung der Wohnung zum Gesundheitsstandort, der das das selbständige Leben in der eigenen Häuslichkeit unterstützt, gesundheitliche Risiken in der Wohnung minimiert und gekoppelt ist mit Unterstützungsangeboten im Quartier. Die in der Stadt Chemnitz und der ländlichen Region Mittelsachsen implementierten Maßnahmen sollten dazu beitragen, die Lebensqualität im Alter zu erhöhen und die soziale Einbindung und Teilhabe älterer Menschen zu stärken.

Der Beitrag fasst die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Evaluation zusammen, die die Erfahrungen der Nutzer mit den wohnungs- und quartiersspezifischen Lösungen in den Mittelpunkt stellt: (a) Erfahrungen mit der barrierefreien Gestaltung und technisch-smarten Ausstattung von Alt- und Neubauprojekten, um ein komfortables und autonomes Leben zu Hause zu unterstützen. (b) Aufwertung der Quartiere in Richtung generationenübergreifender Integration zur Verbesserung der sozialen Integration und Verbesserung der Lebensqualität für Alt und Jung. (c) Kontinuierliche Ansprache und zugehende Betreuung der Mieter durch das Konzept „Kümmerer“, das in zehn sächsischen Wohnungsbaugenossenschaften im Hinblick auf die Erhöhung der Mieterzufriedenheit erprobt wurde.

14:10
MobilSorglos - ein innovatives Versorgungsmodell im ländlichen Raum
S16-33-3 

V. Gerling, P. Stiemke; Fröndenberg/Ruhr, Dortmund

Fragestellung: In ländlichen Regionen gewinnen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Alterung der Ärzteschaft neue Versorgungsmodelle zunehmend an Bedeutung. Damit stehen gleichermaßen neue Formen der Mobilität als auch der Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung, z.B. durch Telemedizin im Fokus.

Vor diesem Hintergrund führen zwei Kommunen im Märkischen Kreis das vom BMEL geförderte, knapp dreijährige Modellprojekt „MobilSorglos“ durch.

Methodik: MobilSorglos A ist ein Transportwagen mit einem mobilen Online-Shop, der v.a. bewegungseingeschränkten Menschen mit Hilfe von ehrenamtlich und bei einer Gemeinde angestellten Fahrer*innen Produkte verschiedener, lokaler Einzelhändler nach Hause bringt, um ihre selbständige Lebensführung zu unterstützen. 

MobilSorglos B ist ein umgebautes Wohnmobil mit Schwerpunkt Beratung, Kommunikation und Telemedizin und verfügt über einen eigenen Bereich für mobile Videokommunikation. So können z.B. Videosprechstunden von Haus- und Fachärzt*innen oder der Pflegeberatung des Märkischen Kreises von älteren Menschen in Anspruch genommen werden. Mit einem Laptop, einer Antenne und einer Internetverbindung über Satellit verfügt das Mobil über die notwendige technische Voraussetzung.

Für die Abfrage, Steuerung und Vermittlung dieser Angebote und Dienstleistungen dient eine Website mit integriertem Shoppingmall System sowie einer Multi-Kamera-Konferenz Lösung. Zusätzlich wird die Bestellung auch über analoge Elemente ermöglicht (telefonische Erreichbarkeit einer Hotline und Produktbroschüren).

Am Anfang des Projekts standen die Durchführung zweier Bedarfsanalysen im Rahmen dessen den Fragen nachgegangen wurde, (1) welche Zielgruppen (ältere Menschen 75+) welche Produkte und Dienstleistungen benötigen und (2) welche Anbieter von Produkten und Dienstleistungen Interesse haben, an dem Projekt teilzunehmen.

Ergebnisse: Mittlerweile wurde die Vermittlungs- und Buchungsplattform aufgebaut und auf Basis der Bedarfsanalysen das MobilSorglos A auf die Straße gebracht. Die Vorarbeiten für MobilSorglos B sind angelaufen.

Zusammenfassung: Der Beitrag gibt einen Überblick über das Gesamtprojekt und stellt konkrete Ergebnisse der Bedarfsanalyse vor.

14:30
Ermöglichen digitaler Teilhabe älterer Menschen – Ideen und Herausforderungen der Praxis im Quartier während Corona
S16-33-4 

J. Stiel; Bonn

Schon vor Corona war bekannt, dass die digitale Teilhabe älterer Menschen ungleich verteilt ist und sich entlang der Merkmale sozialer Ungleichheit bewegt. Die Vermutung liegt nahe, dass Technik- und Medienkompetenz während der Einschränkungen in der Corona-Zeit noch mehr als zuvor eine Schlüsselkompetenz zum Erhalt von Selbstständigkeit, emotionalem Wohlbefinden und Lebensqualität darstellt. Wer einen Zugang zum Internet besitzt, über die Geräte und entsprechende Kenntnisse verfügt, hat mehr Möglichkeiten, Kontakte zu pflegen, Services in Anspruch zu nehmen oder sich vielfältiger zu beschäftigen und zu unterhalten. Die Krise führt an zahlreichen Stellen noch eindringlicher vor Augen, wie dringend Zugänge zum Internet und zu Geräten sowie zu Lernangeboten und Unterstützung bei der Nutzung sind, um ungleichen Lebenschancen zu begegnen.

Die Bildungslandschaft für ältere Menschen zum Erlernen digitaler Kompetenzen vor den Corona-Kontaktbeschränkungen war vielfältig, jedoch haben Volkshochschulen, Mehrgenerationenhäuser, kommunale Technikberatungsstellen und Bibliotheken ihre vor-Ort-Lernangebote in der Pandemie überwiegend eingestellt. Noch aktiv sind Freiwilligen-Initiativen, Familienmitglieder und kommerzielle Dienstleister. Gleichzeitig wäre zu vermuten, dass die Bereitschaft älterer Menschen, sich jetzt mit digitalen Technologien zu beschäftigen gestiegen sein mag und damit der Bedarf an Begleitung beim Lernen. 

Der Beitrag fokussiert wie Freiwilligen-Initiativen in ihren Quartieren, Technikbegleitung, d.h. Unterstützung beim Umgang mit technischen Geräten, digitalen Medien und internetbasierten Diensten, unter veränderten Bedingungen leisten. Auch sie können ihr übliches Angebot von Hausbesuchen, kleinen Kursen und Sprechstunden derzeit nicht wie gewohnt fortsetzen. Ihre Nähe zu den Älteren in ihren Quartieren und ihre eigenen digitalen Kompetenzen haben aber zahlreiche Ideen hervorgebracht, wie sie dennoch derzeit beim Erwerb von Technik- und Medienkompetenz unterstützen können. 

Die BAGSO ist in Kontakt mit ca. 400 Initiativen, die größtenteils selbst aus älteren Menschen bestehen, und kann auf Basis einer schriftlichen Befragung und qualitativen Interviews mit einigen der Initiativen einen ersten Einblick geben, u.a. ob sich aus Sicht der Engagierten die Nachfrage verändert hat (quantitativ und inhaltlich), welche neuen Ansätze sich in der Praxis bewähren und welche Herausforderungen die Engagierten für ihre Tätigkeit formulieren.

Download Vortrag (PDF)

Diskutant: H.-W. Wahl, Heidelberg

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