Donnerstag, 16.09.2021

10:45 - 12:15

Raum 6

S16-26

Digitale und analoge Unterstützungsangebote

Moderation: H. Künemund, Vechta

10:45
Kann der Einsatz einer digitalen Webplattform den Überleitungsprozess aus der Krankenhausbehandlung in die ambulante oder stationäre Nachversorgung nachhaltig verbessern? Ansatz und erste Ergebnisse aus dem Projekt SereNaWeb
S16-26-1 

T. Obenauer, U. Sperling, A. Finger, H. Burkhardt; Mannheim

Das vom Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg geförderte Projekt SereNaWeb verfolgt das Ziel, das sektorenübergreifende Überleitungsmanagement geriatrischer Patienten zu optimieren. Zum einen werden Hinweise gesammelt, wie die transsektoriale Kommunikation durch Digitalisierungsprozesse zu verbessern ist. Zum andern erfolgt eine Analyse der im Rahmen des Klinikaufenthaltes offenbar gewordenen Versorgungsbedarfe und ihrer Dynamik.

In einer Basiserhebung wurden Bedarfe, Prozesse und Verantwortlichkeiten beteiligter Akteure (Pflegeüberleitung, Sozialdienst, ambulante Pflegedienste, stationäre Pflegeeinrichtungen) erfasst und abgestimmt. Außerdem wurden die Arbeitsabläufe beim konventionell durchgeführten Überleitungsprozess abgefragt. In drei Folgeerhebungen nach Einführung der digitalen Überleitungsplattform Caseform in einer Modellregion wurden die Daten für die Evaluation der damit verbundenen Effekte gewonnen.

Entwickelt wurde die webbasierte Überleitungsplattform von der nubedian GmbH. Sowohl die in der Basiserhebung erfassten Anforderungen als auch die in den Folgeerhebungen gewonnenen Hinweise flossen in die kontinuierlich vorangetriebene Weiterentwicklung ein.

Die vom Geriatrische Zentrum Mannheim durchgeführte Evaluation untersucht die Frage, inwiefern durch die Implementierung einer solchen Plattform die Nachversorgung geriatrischer Patienten langfristig verbessert wird. Die Nutzung der Plattform durch die unterschiedlichen Akteursgruppen wird evaluiert. Die Effekte der Plattformnutzung auf das Überleitungsmanagement werden unter Gesichtspunkten der Ressourcenschonung, unter Aspekten der Kommunikationsqualität sowie unter ethischen Fragestellungen betrachtet. Des Weiteren soll erforscht werden, welche für die Nachversorgung relevanten (pflegerischen) Bedarfe bei geriatrischen Patienten durch einen Klinikaufenthalt neu entstehen können und welche Rolle die Kurzzeitpflege für die geriatrischen Patienten spielt.

Erste Ergebnisse zeigen, dass die Plattform bereits nach kurzer Zeit von den meisten Mitarbeitenden gut angenommen wird und sich eine Beschleunigung der Überleitungsprozesse abzeichnet. Zu erwarten ist, dass durch die zuletzt realisierten Zusatzfeatures wie die sichere Dokumentenübermittlung und Chatfunktion diese Prozesse weiter optimiert werden können.

11:05
Soziale Ungleichheiten in der Internetnutzung von ab 65-Jährigen im ersten Frühsommer der COVID-19-Pandemie
S16-26-2 

M. Grates; Dortmund

Fragestellung: Spätestens die COVID-19-Pandemie hat verdeutlicht, dass das Internet a) zahlreiche Möglichkeiten bietet und b) die Nutzung zunehmend zur Voraussetzung wird, um gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Soziale Ungleichheiten im Zugang zum Internet und in der Nutzungsintensität v.a. nach Alter, Geschlecht und Bildung sind bekannt. Das Technology Acceptance Model lässt vermuten, dass sich die Internetnutzung seit der Pandemie aufgrund des als höher wahrgenommenen Nutzens erhöht hat. Da die Nutzung aber auch Ressourcen wie finanzielle Mittel, Erfahrungswissen und ein unterstützendes soziales Umfeld bedarf, könnten bekannte Ungleichheiten auch in der Pandemie bestehen bleiben. Untersucht wird, ob individuelle Merkmale wie Geschlecht, Alter, Gesundheit, Bildung, Einkommen sowie Haushaltsgröße und das soziale Umfeld im ersten Frühsommer der Pandemie Einfluss auf das Vorhandensein eines Internetzugangs und die Nutzung des Internets zu verschiedenen Zwecken hatten.

Methode: Datengrundlage ist die DEAS-Kurzbefragung von Juni/Juli 2020. Untersucht werden Personen im Alter 65 plus (N=3281). Die Analysen umfassen deskriptive Statistiken und logistische Regressionen.

Ergebnisse: 75% der Befragten verfügen über einen privaten Internetzugang, wobei eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, wenn Personen im Zwei-/Mehrpersonenhaushalt leben, jüngeren Alters oder männlich sind, eine höhere Bildung und ein höheres Pro-Kopf-Einkommen haben. Von denjenigen mit Internetzugang nutzen v.a. Frauen, ab 75-Jährige und Personen mit geringerem sozioökonomischen Status viele verschiedene Internetanwendungen seltener (u.a. Einkaufen, Bankgeschäfte). Eine Ausnahme bilden religiöse Zwecke: Hier weisen Frauen und über 75-Jährige eine höhere Nutzungswahrscheinlichkeit auf. Frauen nutzen auch häufiger als Männer das Internet zur Pflege sozialer Kontakte. Personen mit schlechterer Gesundheit haben eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit, das Internet für Online-Gespräche mit Ärzten/Therapeuten zu nutzen als Personen mit guter Gesundheit.

Schlussfolgerung: Im Frühsommer 2020 zeigen sich soziale Ungleichheiten im Internetzugang und in der Nutzung. Die Ungleichheiten variieren z.T. nach Nutzungszweck, was für eine differenzierte Untersuchung der Internetnutzung spricht. Aus welchen Gründen das Internet von einigen Gruppen für bestimmte Zwecke seltener genutzt wird, muss geklärt werden (z.B. Nutzungsunsicherheit oder höhere Teilhabe durch „analoge“ Ausübung).

11:25
Arztpraxisinterne Sozialberatung zur präventiven Beratung und Gesundheitsförderung von älteren Menschen - Erfahrungen aus einem Modellprojekt in Berlin-Lichtenberg
S16-26-3 

T. Stellmacher, B. Wolter; Berlin

Vor dem Hintergrund der steigenden Lebenserwartung und demographischen Entwicklung kann für das deutsche Gesundheitswesen für die kommenden Jahre von einer deutlichen Zunahme älterer und chronisch kranker Patient*innen ausgegangen werden. Ihre gesundheitliche Lage wird dabei voraussichtlich erheblich von den zukünftigen Möglichkeiten und Formen der hausärztlichen medizinischen Versorgung beeinflusst sein. Vor diesem Hintergrund mahnte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen schon im Jahr 2009 eine enge Verzahnung von ambulant und stationär erbrachten medizinischen und pflegerischen Leistungen mit Angeboten zur Prävention, zur Rehabilitation, zur Arzneimittelversorgung sowie mit Leistungen von sozialen Einrichtungen und Patientenorganisationen an.

Ein in diese Richtung angelegter Ansatz wird im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg verfolgt. Seit Beginn des Jahres 2020 wird in Lichtenberg im Rahmen eines durch die Lottostiftung geförderten und durch das Bezirksamt unterstützten Modellvorhabens in 10 bezirklichen Hausarztpraxen durch den Verein soziale Gesundheit e. V. kostenfrei einmal wöchentlich eine sozialarbeiterische Beratung und Unterstützung für ältere Menschen angeboten. Dieses Beratungs- und Unterstützungsangebot kann einmalig oder über einen längeren Zeitraum als Case-Management von älteren Patient*innen genutzt werden. Mit dem Angebot sollen Schnittstellen zwischen dem medizinischen und pflegerischen Versorgungsystem für die Patient*innen besser ausgestaltet und komplementäre gesundheitliche, präventive und soziale Angebote besser in deren Versorgung eingebunden werden. Ein zentrales Ziel besteht darin, die Lebensqualität insbesondere vulnerabler älterer Menschen zu verbessern.

Die Einrichtung dieses Modellprojekts ist im Jahr 2020 durch das Institut für Gerontologische Forschung e. V. wissenschaftlich begleitet und evaluiert worden. Dabei wurden sowohl ältere Menschen, die das Beratungsangebot angenommen hatten, als auch die teilnehmenden Ärzt*innen nach ihren Einschätzungen des Projektes befragt. In den schriftlichen Befragungen standen zum einen die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität und Gesundheit bei den älteren Menschen und zum anderen die Integration des Angebotes in die Hausarztpraxen im Zentrum. In dem Beitrag werden Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation der arztpraxisinternen Sozialberatung berichtet und zur Diskussion gestellt.

11:45
Die Rolle von Designattraktivität und subjektiver Stigmatisierung für die Akzeptanz älterer Menschen: Beispiel Telepräsenzsysteme
S16-26-4 

S. Baisch, T. Kolling; Siegen

Studien zur Nichtnutzung von Hilfsmitteln, insbesondere auch technischen Hilfsmitteln wie Roboter, legen nahe, dass ein unattraktives Design ein Akzeptanzhindernis darstellen kann. Dabei könnte bei älteren Menschen v.a. die Sorge durch die Nutzung aus Altersgründen stigmatisiert zu werden, in Zusammenhang mit einer niedrigen Akzeptanz stehen. Empirische Belege hierzu gibt es jedoch kaum. Weiterhin ist unklar, welche roboter- und personenbezogenen Faktoren zur subjektiven Stigmatisierung durch ein Artefakt beitragen.

Die vorliegende Studie untersucht daher am Beispiel von drei Telepräsenzsystemen 1. den Zusammenhang zwischen subjektiver Stigmatisierung und Designattraktivität, 2. die Rolle dieser beiden Aspekte für die Akzeptanz, und 3. inwiefern demoraphische Variablen, Copingstrategien und Einstellungen zu Hilfsmitteln für die subjektive Stigmatisierung eine Rolle spielen.

An der Online-Studie nahmen N = 129 Menschen im Alter über 60 Jahren teil. Als Telepräsenzsystem wurden der Double, die Giraff und das Smartphone verwendet. Unterstützt durch Text und Bild wurden nacheinander parallele Fallvignetten präsentiert, die es den Teilnehmenden ermöglichen sollten, sich in jeweils drei Alltagssituationen (Treffen mit Bekannten, Einkauf im Supermarkt, Interaktion beim Arzt) mit jedem dieser Systeme hineinzuversetzen. Dabei sollten sich vorstellen unter Gedächtniseinschränkungen zu leiden und daher Begleitung im Alltag zu benötigen. Direkt im Anschluss beurteilten sie Designattraktivität, die subjektiv empfundene Stigmatisierung sowie die Nutzungsbereitschaft als Marker der Roboterakzeptanz. Zudem wurden verschiedene personenbezogene Variablen erhoben.

Die Ergebnisse zeigen, dass das vertrauteste System (Smartphone) als besonders attraktiv empfunden wurde, gefolgt vom futuristischen Design des Double und der in Größe, Farbe und Form eher auffälligen Giraff. Separate Pfadanalysen für alle drei Systeme zeigten, neben einem direkten Zusammenhang von Designattraktivität und Nutzungsbereitschaft einen bedeutsamen Mediatoreffekt von subjektiver Stigmatisierung. Während demographische Variablen sich als nicht relevant für die Ausprägung der wahrgenommenen Stigmatisierung, waren das Ausmaß dysfunktionaler Copingstrategien und eine negative Einstellung zu Hilfsmitteln signifikant mit höherer wahrgenommener Stigmatisierung assoziiert.

Die Bedeutung der Befunde für das Design von Telepräsenzsystemen und anderen innovativen Hilfsmitteln wird diskutiert.

Bei weiteren Interesse können Sie die Autorin unter Stefanie.Baisch@uni-siegen.de kontaktieren.

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