Donnerstag, 16.09.2021

09:00 - 10:30

Raum 5

S16-15

Digitale Medien in Caring Communities

Moderation: C. Müller, Siegen; K. Pelzelmayer, Zürich/CH

Digitalisierung und Alter ist längst kein Gegensatzpaar mehr. Eine Vielzahl von Projekten ist damit beschäftigt, innovative Technologien im Pflege- und Versorgungsumfeld zu platzieren. Adressierte Zielgruppen als „end-user“ oder „stakeholder“ sind vielfältig: ältere Personen, pflegende Angehörige, professionelle Pflegekräfte oder ehrenamtlich Engagierte. Trotz der massiven Förderung von Pflegetechnologie- oder Ambient Assisted Living- Forschung ist allerdings bisher nur wenig in den Haushalten der Betroffenen angekommen. Gründe dafür sind vor allem, dass die Diversität und Heterogenität der Lebenswelten, Interessens- und Bedürfnislagen im Alter – und damit die sozialen Alltagskonfigurationen, in denen ältere Menschen leben – oftmals unzureichend adressiert werden. Dies führt dazu, dass zwar spezifische Funktionalitäten von digitalen Anwendungen hilfreich erscheinen können, aber aufgrund einer unzureichenden Einbettung in einen ganzheitlichen alltagsbasierten Ansatz scheitern. Für Akzeptanzprobleme von neuen Technologien wird auch die unzureichende Beteiligung der Zielgruppen als Grund angesehen.

Ein alternativer Ansatz der Alters- und Gesundheitswissenschaften, Pflege- und Betreuungsbedarfe in ganzheitlicher, gemeinschaftsorientierter und partizipativer Weise zu verstehen, ist das Konzept der „Caring Communities“. Caring Communities stellen die Aspekte der gesellschaftlichen Mitverantwortung und Mitsorge, sowie die Reziprozität und Koproduktion in den Vordergrund. Analog dazu stehen Ansätze der Gestaltung von Community-Technologien innerhalb der Sozio-Informatik.

Das Symposium möchte beide Ansätze zusammenbringen und Projekte vorstellen, die die partizipative Erforschung, Entwicklung und Implementierung von Maßnahmen zur Förderung lokaler Sorgegemeinschaften miteinander verschränken.  Damit werden grundsätzliche Herausforderungen der Digitalisierung von häuslichen Pflege- und Unterstützungssettings aus der Gemeinschaftsperspektive beleuchtet und Themen wie digitale Souveränität, soziale Teilhabe, und die Koproduktion gelingender sozio-technischer Infrastrukturen der Lebenswelten älterer Menschen präsentiert. Der Fokus wird damit auf die partizipative Gestaltung zukünftiger Gemeinschafts- und Alltagspraktiken gerichtet, in denen Technologie möglicherweise hilfreich sein kann, aber nicht unbedingt muss. 

09:00
Förderung digitaler Kompetenz zur Stärkung von digitaler Souveränität
S16-15-1 

K. Pelzelmayer, T. Sereflioglu, M. Becker, E. Schellenberg; Zürich/CH, Siegen

Im Zürcher Quartier Schwamendingen wurden in den letzten zwei Jahren viele Angebote des täglichen Lebens wie Ticket-Automaten auf digitale Angebote umgemünzt. Für viele Menschen, insbesondere SeniorInnen, kann diese Entwicklung zu Herausforderungen führen. Das Schweizer NSF-geförderte Projekt “Caring Comunity Living Labs” entwickelt deshalb in einem partizipativen Vorgang zwei Unterstützungsgefäße (“peer-to-peer support” in der Form von Tandems und “digitale Kaffeetreffpunkte” im Sozialraum) für Personen, die sich einen selbstbestimmten Umgang mit Technik aneignen möchten. Begleitet werden diese Personen von “Coaches”, welche über eine speziell entwickelte virtuelle Lernplattform geschult werden. Der vorgeschlagene Beitrag untersucht, in wie fern diese Lernplattform zu “capacity building” beiträgt und die digitale Souveränität der Beteiligten fördert.

09:20
Partizipative Entwicklung und Evaluierung eines Assistenzsystems für Menschen mit Demenz und dem sozialen Umfeld
S16-15-2 

D. Unbehaun, V. Wulf; Siegen

Zur Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz und deren Betreuenden zeigen sich  Bewegungsprogramme als vielversprechend. Studien zeigen, dass körperliches Training die geistigen und körperlichen Fähigkeiten älterer Menschen und auch die Alltagskompetenz bei Demenz verbessern kann.

Möglichkeiten für Betroffene könnten künftig sog. Exergames bieten, die auf unterhaltsame Weise Informationen, Fertigkeiten und Wissen vermitteln. Studien, an denen Menschen mit kognitiven Einschränkungen teilgenommen haben, gibt es zu Exergaming aber bislang kaum. Betroffene befinden sich meist in einem Alter, in dem ein erhöhtes Risiko für Einschränkungen in der Mobilität und damit einhergehend ein erhöhtes Sturzrisiko besteht. Sie können von einer gezielten Mobilitätsförderung profitieren. Bei vielen Patienten und deren Angehörige besteht allerdings einen Bedarf an intensiveren und nachhaltigen Trainingsangeboten für den häuslichen Bereich.

In diesem Beitrag werden die Ergebnisse der Evaluierungsstudie zur Unterstützung der Aktivitäten des täglichen Lebens für Menschen mit Demenz auf Basis vorgestellt. Insgesamt 53 StudienteilnehmerInnen evaluierten das System gemeinsam mit Pflegefachkräften und ihren Angehörigen über einen Zeitraum von vier Monaten in ihrem häuslichen Umfeld, sowie in stationären Pflegeeinrichtungen. Das System und die dazugehörigen Videospiele integrieren unterschiedliche Programme aus den Bereichen der Sportwissenschaft, Sportgerontologie und Pflegewissenschaft in eine digitale Spielwelt und fördern spielerisch kreative, physische und kognitiven Aktivitäten. Die Ergebnisse zeigen, dass neben Betroffenen, auch Angehörige und Pflegende von der Systemnutzung profitierten. Familienangehörige waren in der Lage zusätzlich Zeit für persönliche Freizeitaktivitäten wiedererlangen. Darüber hinaus waren Menschen mit Demenz in der Lage, bestimmte Aspekte ihrer sozialen und täglichen Aktivitäten zurückzugewinnen. Die Ergebnisse deuten somit darauf hin, dass das System in der Lage ist soziale Interaktionen und Beziehungen von Menschen mit Demenz und ihrem Umfeld zu unterstützen.

09:40
Co-Forschung und Gestaltung der „Sorgenden Gemeinschaft Obfelden“ – Herausforderungen und Möglichkeiten von Bürgerforschung im hybriden Setting
S16-15-3 

S. Gashi, T. Ertl, H. Kaspar, E. Kohler, C. Müller, A. Ruhl; Bern/CH, Siegen

Immer mehr Menschen wollen so lange wie möglich ihr Seniorenleben zuhause gestalten – auch wenn sie aufgrund von Krankheit, Alter oder Behinderung auf umfassende Hilfe oder Unterstützung angewiesen sind. Die Sorgearbeit zu Hause geht weit über die medizinische Betreuung und Körperpflege hinaus; Haushalt und soziale Teilhabe sind zentrale Versorgungsaspekte, ohne die Versorgung zu Hause nicht funktionieren kann, respektive die Lebensqualität stark leidet. Mittels partizipativer Co-Forschung auf der Basis der Community Based Participatory Research (CBPR) richtet sich das Projekt genau darauf: Mit Bewohner/-innen und weiteren lokalen Akteursgruppen ein Verständnis für Alltagsbedarfe erforschen sowie gemeinsam Handlungsempfehlungen und Maßnahmen entwickeln. Dieser Beitrag stellt einen innovativen konzeptuellen Ansatz vor, der zwei aktuelle Lösungsansätze für die technologisch gestützte Langzeitpflege zuhause zusammenbringt: Caring Community und Living Labs. Beide Ansätze arbeiten mit qualitativ-empirischen und Aktionsforschungs-orientierten Methoden, die im Projekt zusammengeführt werden.

Wir stellen den qualitativen Co-Forschungsprozess mit Gemeindebewohnern in einer von drei beteiligten Schweizer Gemeinden vor, der seit November 2019 mit dreijähriger Laufzeit verfolgt wird. In der Gemeinde stand die gemeinsame Formulierung einer Forschungsfrage, die Schulung von BürgerInnen zur Vorbereitung, Durchführung und Analyse 20 qualitativer Interviews mit Betroffenen im Zentrum. Aktuell werden die Analyseergebnisse gemeinsam verschriftlicht und ein Prozess der Entwicklung von Maßnahmen auf der Basis der Ergebnisse wurde eingeleitet. Seit April 2020 finden die zweiwöchentlichen gemeinsamen Arbeitstreffen von hauptamtlich Forschenden und Bürgerforschenden über Videokonferenztreffen statt. In Phasen der Lockerung, wie im Herbst 2020, konnten wenige Vor-Ort-Treffen stattfinden, die teilweise mit hybrider Beteiligung durchgeführt wurden. Die Covid-19-bedingten Kontaktbeschränkungen zeigten sich erst als große Hürde, doch wurden Wege gefunden, den gemeinsamen Co-Forschungsprozess weiterzuverfolgen. Die Möglichkeiten und Herausforderungen eines hybriden Settings für eine erfolgreiche bürgerbeteiligende qualitative Forschungsarbeit werden erläutert und diskutiert.

Download Vortrag (PDF)

10:00
Wie können digitale Anwendungen zur Stärkung von Caring Communities beitragen - Hinweise aus vier exemplarischen Settings
S16-15-4 

U. Otto; Tübingen

Caring Communities entfalten sich in konkreten sozialen Räumen und stützen sich nicht zuletzt auf Wohnen in seinen spezifischen Settings ab. Immer häufiger werden digitale Anwendungen sowie assistive Technik auf diese bezogen. Sie können vielfältig zur Stärkung von lokalen Caring Communities beitragen, u.a. mit Blick auf Kommunikation, auf Vernetzung, auf Koordination - in einem breiten Spektrum zwischen Stärkung sozialer Teilhabe, Lebensqualität und Wohlbefindens bis hin zu Notfallvermeidung.

Der Beitrag fokussiert auf einige ausgewählte wohnbezogene Settings und untersucht, inwiefern in ihnen Potenziale im Sinne von Caring Communities überhaupt thematisiert bzw. aktuell und potenziell gestärkt werden (können). Die Settings thematisieren absichtsvoll sehr verschiedene Lebenslagen, Anwendungsfälle und Akteurskonstellationen.

(a) Distance Caregivers - als Koproduzent*innen, die gerade aus der räumlichen Ferne zu einem lokalen Setting beitragen wollen und in vielfältiger Weise sowohl auf Digitalisierung als auch auf Caring Communities einerseits angewiesen sind als auch potenziell Teil von letzteren sind,

(b) zwei ganz aktuell umgesetzte Smarte Quartiere - unter der Frage, inwiefern sie Potenziale zur Stärkung von Caring Community-Qualitäten im Quartier aufweisen bzw. aufweisen können,

(c) einige Beispiele wohnungswirtschaftlicher Konzepte, die explizit versuchen, ihre Wohnprojekte fit für alternde Bewohner*innen zu machen - unter demselben o.g. Fragefokus,

(d) ausgewählte gemeinschaftliche bzw. generationenübergreifende Wohnprojekte - ebenfalls unter diesem Fokus.

Sämtliche vier Settings im Beitrag werden auf der Basis empirischer Forschungsprojekte diskutiert.

Diskutant: G. Naegele, Dortmund

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