Donnerstag, 16.09.2021

09:00 - 10:30

Raum 6

S16-16

Betreuung bei Demenz

Moderation: J. L. O´Sullivan, Berlin

09:00
Wege in und aus der Überforderung der Demenzbetreuung
S16-16-1 

T. Sollfrank, S. Pohlmann; München

Das Feld der (Alten-)Pflege, der Fachkräftemangel, die hohen Arbeitsbelastungen und die daraus drohenden Mängel der Qualität der Pflege und der Versorgung der Pflegebedürftigen waren bereits vor Beginn der Corona-Pandemie im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der durch Ökonomisierung und Fachkräftemangel bedingte Zeitdruck (vgl. z.B. Mohr et al. 2020) in der alltäglichen Pflegepraxis geht mit einer hohen Arbeitsbelastung und einer hohen Fluktuation im Berufsfeld der Pflege einher (vgl. z.B. Hackmann 2009). Einrichtungen nehmen teilweise bewusst eine chronische Überlastung ihrer Mitarbeiter*innen in Kauf (Krupp et al. 2020) oder lassen Einbußen in der Qualität der Pflege billigend zu, wie auch jüngste Berichte aus der Altenpflege verdeutlichen.

Vor diesem Hintergrund wird ein partizipativer Forschungsansatz skizziert, der die Arbeitsbelastung und Beziehungsgestaltung in der stationären Demenzpflege aus Sicht der beteiligten Akteur*innen dokumentieren und selbstgewählte Ansätze zur Verbesserung der Situation herausarbeiten soll. Ziel des hier angekündigten Beitrags ist es, im Rahmen einer Teilanalyse der Studie auszuloten, inwiefern ein hohes Arbeitsethos nicht nur Ausdruck einer Subjektivierung der Ökonomisierung und des Fachkräftemangels in der Pflege sind, sondern auch als eine Art der Ethisierung (Saake 2016) gelesen werden kann. Zum anderen sollen die Folgen einer solchen Subjektivierungsweise für die alltägliche Praxis der Demenzbetreuung und für die Implementierung von Interventionen zur Belastungsreduktion sowie als Konsequenz der medialen Darstellung eines Berufsbildes diskutiert werden.

 

Literatur:

- Hackmann, T. (2009): Arbeitsmarkt Pflege: Bestimmung der künftigen Altenpflegekräfte unter Berücksichtigung der Berufsverweildauer, Diskussionsbeiträge, No. 40, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Forschungszentrum Generationenverträge (FZG), Freiburgi. Br.

- Krupp, E. et al. (2020): Betriebliche Gesundheitsförderung in der Pflege - Umsetzungsbarrieren und Handlungsansätze. In: Klaus J. et al (Hrsg.): Pflege-Report 2019. Mehr Personal in der Langzeitpflege – aber woher? S. 113–122.

- Mohr, J. et al. (2020): Pflege im Spannungsfeld von Professionalisierung und Ökonomisierung. In: bpb (Hrsg.): Pflege. Praxis - Geschichte - Politik. Bonn, S. 203–213.

- Saake, I. (2016): Schweigen für eine bessere Welt. In: Kursbuch 187, S. 150-170

09:20
Einblick in das Forschungsprojekt "TiP.De - Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz"
S16-16-2 

J. Höhn, S. Seeling; Köln, Osnabrück

Im Angesicht des demografischen Wandels und der steigenden Zahl dementiell erkrankter Menschen in Deutschland ist die Sicherung einer individualisierten, biografieorientierten Versorgung für diese Personengruppe unabdingbar. Bereits jetzt sind in deutschen Alten- und Pflegeheimen rund die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner von einer dementiellen Erkrankung betroffen (Berlin-Institut 2011) und die Notwendigkeit nicht-medikamentöser Versorgungs- und Beschäftigungskonzepte für Menschen mit Demenz wird sichtbar. Dabei gelten insbesondere individualisierte und biografieorientierte Ansätze als sinnbringend und erfolgversprechend, wenngleich bisher kaum evidenzstarke Studien ihre Wirksamkeit bestätigen (DGN & DGPPN 2016). Das Forschungsprojekt ‚TiP.De – Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz‘ an der Hochschule Osnabrück, Campus Lingen, untersuchte von 2017 bis 2020 den Effekt von theaterpädagogischen Interventionen auf die Lebensqualität, das agitierte Verhalten, die Emotionalität und den Grad der Erkrankung von Menschen mit Demenz im Rahmen einer Pilotstudie. Dabei wurde in interdisziplinärer Zusammenarbeit von Pflegewissenschaft und Theaterpädagogik ein theaterpädagogisches Interventionskonzept für Menschen mit Demenz entwickelt, in zwei Pflegeeinrichtungen implementiert und hinsichtlich der Wirksamkeit evaluiert. Der Effekt des theaterpädagogischen Interventionskonzepts wurde im Rahmen eines Mixed-Methods-Ansatzes im Prä-Post-Vergleich mit vier Interventionsgruppen erhoben. Im Prä-Post-Vergleich zeigten einzelne Dimensionen der Lebensqualität eine signifikant positive Veränderung, während das agitierte Verhalten im Alltag und der Grad der dementiellen Erkrankung über den Zeitraum von zehn Wochen auf gleichbleibendem Niveau, was im Krankheits- und Versorgungskontext als beachtenswert anzusehen ist. Keiner der Teilnehmenden verließ das Angebot aufgrund von Nichtgefallen und auch für die Demenz-, bzw. gerontopsychiatrische Fachkraft war die Teilnahme eine Bereicherung des Arbeitsalltags. Langfristig kann durch die dauerhafte Integration von Theater- und Kulturschaffenden die Versorgungsqualität von Menschen mit Demenz positiv beeinflusst werden. Die Ergebnisse und das theaterpädagogische Interventionskonzept sind im "Praxishandbuch Theater in der Pflege von Menschen mit Demenz" veröffentlicht (Seeling, Cordes, Höhn 2020)

09:40
Optimierte Beziehungsgestaltung in der Demenzbetreuung – ein partizipativer Entwicklungsprozess
S16-16-3 

C. Leopold, S. Pohlmann; München

Fragestellung: Gelingende Beziehungsgestaltung in der Demenzpflege ist zentral für belastungsarmes Arbeiten von Betreuungskräften und entsprechend im Expertenstandard der Pflege definiert. Die dort benannten Kriterien guter Beziehungsgestaltung geben indes wenig Hinweise wie eine Pflegeeinrichtung von problembelasteter Beziehungsgestaltung der Betreuungskräfte zu den BewohnerInnen mit Demenz zu einer besseren gelangt. Einrichtungsspezifische Belange und unterschiedliche Perspektiven müssen berücksichtigt werden, Mitarbeitende verschiedener Professionen und Verantwortlichkeiten passgenau eingebunden und motiviert werden. Vor diesem Hintergrund soll ein empirisches Verfahren zur Einführung verbesserter beziehungsgestaltender Maßnahmen skizziert werden.

Methode: In einem Corona-belasteten Umfeld konnten in einer Piloteinrichtung über zwei Ebenen ein partizipativer Erarbeitungsprozess für bessere Beziehungsgestaltung zwischen Betreuungskräften und MmD etabliert werden. Das Projektteam kreierte in Besprechungen Vorschläge (Ebene 1), die dann der Belegschaft in zwei Befragungsdurchläufen zur Kommentierung vorgestellt wurden (Ebene 2). Ziel war die Erfassung belegschaftsintrinsischer Haltungen, Wünsche, Ideen und die Würdigung von Expertenwissen der Mitarbeitenden.

Ergebnisse: Auf Ebene 1 wurde eine Befragung zu Wünschen an eine lebenswerte Arbeitsumgebung erarbeitet. Von den 84 Mitarbeitenden reagierten 26 mit 69 Nennungen. Diese wurden kategorisiert und in relevanteste Kategorien zur Beziehungsgestaltung geclustert. Durch Fragen zu: „Eigene Empfehlungen“, „Gewünschte Fortbildungen“, „Benötigte Angebote u. Materialien“ wurde zur Umsetzung der Beziehungsangebote tiefer befragt. Diese Nachfrage beantworteten 17 Personen mit 106 Nennungen. Daraus empfahlen sich 6 Maßnahmen: Biografiearbeit, Empathieschulung „Ich bin dement“, Fallbesprechungen, praktische Vorstellung beziehungsgestaltender Angebote, Schulungen zu Demenzverlauf, Medikamenten, Demenzkommunikation, Umgang mit schwierigen Bewohnersituationen.

Schlussfolgerung: Im Entwicklungsprozess zur optimierten Beziehungsgestaltung von Betreuungskräften zu MmD ließ sich ein vertiefter Einblick in die Bedürfnisse der Mitarbeiterschaft gewinnen. Beispielhaft wird die Vorgehensweise einer Einzelmaßnahme im Bereich der Biografiearbeit vorgestellt.

10:00
Ergotherapie und Verhaltenstherapie für Menschen mit Demenz in der hausärztlichen Versorgung
S16-16-4 

L. Frankenstein, G. Jahn; Chemnitz

Nicht-medikamentöse Interventionen, wie häusliche Ergotherapie, kognitive Stimulation oder Verhaltenstherapie haben sich als hilfreich erwiesen, um die Selbstständigkeit von Menschen mit Demenz möglichst lange aufrecht zu erhalten und ihre Lebensqualität zu erhöhen. Darüber hinaus führt die Arbeit mit Menschen mit Demenz zu einer Entlastung der pflegenden Angehörigen. Doch wie gut sind Ärzt:innen über die Möglichkeiten nicht-medikamentöser Interventionen bei Demenz informiert? Wie äußert sich das in ihrem Verschreibungsverhalten? Und welche Wünsche und Erwartungen bestehen hinsichtlich interdisziplinärer Zusammenarbeit?

Methoden: In einer Online-Umfrage wurden 167 Medizinstudierende dazu befragt, welchen Stellenwert Themen wie Demenz, Ergotherapie und Verhaltenstherapie (allgemein sowie im Kontext der Demenz) in ihrem (bisherigen) Studium hatten. Und in 12 ausführlichen semi-strukturierten Interviews wurden Allgemeinmediziner:innen unter anderem zu den Themen DemenzErgotherapie, Verhaltenstherapie und interdisziplinäre Zusammenarbeit befragt, weitere 20 Ärzt:innen äußerten sich dazu in einer kurzen Umfrage.

Ergebnisse: Die Mehrheit der Studierenden gab an, dass Ergotherapie, vor allem Ergotherapie bei Demenz, aber auch Verhaltenstherapie bei Demenz in ihrem (bisherigen) Studium überhaupt nicht oder kaum thematisiert worden ist. Auch die Antworten der Ärzt:innen deuten darauf hin, dass viele von ihnen nicht ausreichend über nicht-medikamentöse Interventionen bei Demenz informiert sind. So gaben fast alle Allgemeinmediziner:innen im Interview an, Ergotherapie habe in ihrem Studium entweder keine oder eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Die Mehrheit der Befragten antwortete zudem, dass auch Verhaltenstherapie nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle gespielt habe. Die Einstellungen zu nicht-medikamentösen Interventionen sowie das Verschreibungsverhalten hingegen differierten. Mehrfach wurden Zweifel daran geäußert, dass Menschen mit Demenz noch von den genannten Interventionen profitieren: „Letztendlich geht es immer bergab“; „da ist aus meiner Sicht nicht mehr viel zu retten“. Auch die Erwartungen an die interdisziplinäre Zusammenarbeit unterschieden sich, zum Beispiel hinsichtlich der geeigneten Form und des optimalen Ausmaßes der damit verbundenen Kommunikation. Deutlich wurde aber, dass bei der Aufklärung über nicht-medikamentöse Interventionen und ihre Einbindung in den hausärztlichen Versorgungsalltag Optimierungsbedarf besteht.

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