Donnerstag, 16.09.2021

15:30 - 17:00

Raum 4

S16-44

Auswirkungen der Covid-19-Pandemie im Setting Pflegeheim

Moderation: P. Gellert, Berlin; K. Wolf-Ostermann, Bremen

Die deutschen Alten- und Pflegeheime entwickelten sich im Frühjahr 2020 zu so genannten Hotspots der Covid-19-Pandemie und verzeichneten infolgedessen einen hohen Anteil an Verstorbenen während der ersten Infektionswelle. Um dem dynamischen Infektionsgeschehen Einhalt zu gebieten, wurden Hygiene- und Besuchsregelungen und -verbote erlassen, die erhebliche soziale Einschränkungen für die Bewohner:innen zur Folge hatten, die in ihren gesamten Auswirkungen noch nicht abschätzbar sind. Daneben kam es zu erheblichen Zusatzanforderungen und Belastungen für das Pflegepersonal in den betroffenen Einrichtungen.

Die Forschungsgruppen des Bremer Instituts für Public Health und Pflegeforschung in der Abteilung für Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung und des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationsforschung der Berliner Charité arbeiteten aus verschiedenen Blickwinkeln daran, die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie und der Schutzmaßnahmen auf das Setting Pflegeheim zu beleuchten.

Der erste Beitrag gibt einen kurzen Überblick zum Mortalitätsgeschehen und leitet das Symposium ein. Der zweite Beitrag präsentiert Daten zu Morbidität und Mortalität von Heimbewohner:innen und Pflegekräften in den beiden ersten Wellen sowie Ergebnisse zu organisatorischen und personellen Herausforderungen. Der dritte Beitrag widmet sich dem Einfluss struktureller Merkmale vollstationärer Pflegeeinrichtungen auf das Ausbruchsgeschehen in solchen Einrichtungen und zieht dabei einen Vergleich zwischen erster und zweiter Welle. Der vierte Beitrag betrachtet die Auswirkungen der Covid-19-Schutzmaßnahmen auf die Teilhabemöglichkeiten und den Zugang zu sozialen Angeboten der Bewohner:innen. Schließlich stellt der fünfte Beitrag die psychosozialen Belastungen des Pflegepersonals in Alten- und Pflegeheimen vor. Anschließend werden die Beiträge von der Institutsdirektorin diskutiert.

15:30
Covid-Heim: Prädiktoren von Sterblichkeit von Bewohner:innen von Alten- und Pflegeheimen während der ersten Welle der Pandemie
S16-44-1 

P. Gellert, R. Kohl, A. Schwinger, A. Gangnus, C. Hering, E. Steinhagen-Thiessen, J. Klauber, K. Jacobs, A. Kuhlmey; Berlin

Hintergrund: Bevor die Impfkampagne ausgerollt war, war die Situation in den Pflegeheimen durch eine deutlich erhöhte Sterblichkeitsrate gekennzeichnet. Zusätzlich verschlechterten die Schutzmaßnahmen, die die Pandemie eindämmen sollten, die Gesundheitsversorgung der Bewohner:innen. Welche Faktoren mit der Sterblichkeit von Heimbewohner:innen assoziiert waren, ist hingegen noch unzureichend beleuchtet.

Methode: Diese Studie ist Teil von Covid-Heim, einem Kooperationsprojekt, das verschiedene Datenquellen kombiniert, um Lehren aus der Covid-19-Pandemie für strukturelle Entwicklungen in Pflegeheimen zu ziehen. Die Analyse der Versicherungsfalldaten der AOK mit fast einer Million Bewohner:innen zwischen Januar 2015 und Juni 2020 liefert Informationen über (Über-)Sterblichkeit und medizinische Versorgung.

Ergebnisse: Die Sterblichkeit von Bewohner:innen von Langzeitpflegeeinrichtungen ist während des ersten Lockdowns in Deutschland (1. März bis 30. Juni 2020) gestiegen und hängt mit Alter, Pflegestufe und altersbedingten (Multi)Morbidität zusammen. Gleichzeitig sind die Krankenhauseinweisungen im Vergleich zu den Vorjahren um ein Drittel zurückgegangen. Zu den verminderten Behandlungen zählen schwere und zeitempfindliche Krankheiten wie Herzinsuffizienz und Schlaganfall.

Diskussion: Die relative Sterblichkeit in Pflegeheimen zu Beginn der Pandemie muss weiter aufgearbeitet werden. Ferner sollte der Gesundheitsschutz für schutzbedürftige Personen in der Pandemie dringend über die Eindämmungsmaßnahmen hinaus die sekundären Auswirkungen dieser Maßnahmen berücksichtigen.

15:45
Der Einfluss von Einrichtungsstrukturen vollstationärer Pflegeheime auf das Ausbruchsgeschehen von Covid-19 - Ein Überblick zu den ersten beiden Wellen
S16-44-2 

B. Preuß, K. Wolf-Ostermann, K. Seibert, D. Domhoff, F. Heinze, H. Rothgang; Bremen

Fragestellung: Erste Untersuchungen weisen darauf hin, dass das Infektionsgeschehen in Pflegeheimen vor allem von der Verbreitung von SARS-CoV-2 in der Allgemeinbevölkerung abhängt. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Einrichtungsstrukturen die Wahrscheinlichkeit für einen Ausbruch bzw. die Intensität eines Ausbruchs beeinflussen können. Dieser Beitrag analysiert und vergleicht die Zusammenhänge zwischen Strukturmerkmalen und Ausbruchsgeschehen in vollstationären Pflegeeinrichtungen in den ersten beiden Covid-19-Wellen in Deutschland.

Methode: Grundlage sind Daten aus zwei Querschnittbefragungen von n=824 bzw. n=385 vollstationären Pflegeeinrichtungen im Zeitraum von April/Mai 2020 bzw. Januar/Februar 2021. Mittels logistischer und linearer multivariater Regressionsmodelle werden Zusammenhänge zwischen Einrichtungsstrukturen (u. a. Größe, Trägerschaft, Personalausstattung) und dem Ausbruchsgeschehen unter Kontrolle der Verbreitung von SARS-CoV-2 in der Allgemeinbevölkerung analysiert.

Ergebnisse: Während in der ersten Welle ein deutlicher signifikanter Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Virus in der Allgemeinbevölkerung und der Wahrscheinlichkeit für ein Ausbruch besteht, nimmt die Bedeutsamkeit dieses Einflussfaktors in der zweiten Welle ab. Unabhängig von der allgemeinen Verbreitung zeigt sich in beiden Wellen eine signifikante negative Korrelation zwischen dem Anteil der erkrankten Bewohner:innen an allen Bewohner:innen und der Einrichtungsgröße und eine signifikante positive Korrelation zur Personalausstattung.

Schlussfolgerung: Insbesondere in der ersten Welle hat sich gezeigt, dass eine Strategie der „inversed isolation“, also des Schutzes nur oder zumindest vor allem der vulnerablen Gruppen nicht funktioniert, weil das Infektionsgeschehen in der Allgemeinbevölkerung entscheidend für das Infektionsgeschehen in den Heimen ist. In der zweiten Welle ist die Unterschiedlichkeit dieser erklärenden Variable weniger groß und damit auch ihre Prädiktionskraft. Unabhängig vom allgemeinen Infektionsgeschehen haben auch Einrichtungsstrukturen einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen gespielt. Es handelt sich dabei jedoch um Faktoren, die im Rahmen der Durchsetzung von Maßnahmen als Reaktion auf eine Pandemie nur schwerlich zu beeinflussen sind.

16:00
Von Welle zu Welle: Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Pflegeheime
S16-44-3 

K. Wolf-Ostermann, K. Seibert, D. Domhoff, F. Heinze, B. Preuß, H. Rothgang; Bremen

Hintergrund: Pflegebedürftige sind als hoch vulnerable Gruppe von der COVID-19-Pandemie besonders betroffen und auch Organisationen wie Pflegeheime stellt die Pandemie vor große Herausforderungen. Valide Daten zur Situation in der Langzeitpflege fehl(t)en jedoch weitgehend oder waren für das Setting Pflegeheim unvollständig. Ziel der vorliegenden Studie war es deshalb, für die erste und zweite Welle der Pandemie bundesweit Mortalität und Morbidität von Bewohner:innen und Mitarbeitenden zu erheben und personelle sowie organisatorische Herausforderungen und den Umgang damit aufzuzeigen.

Methode: Es wurden zwei Querschnittstudien zur Situation in der stationären Langzeitpflege als Online-Umfragen in Deutschland durchgeführt und jeweils ca. 8000 Pflegeheime deutschlandweit während der ersten (April/Mai 2020) und der zweiten Welle (Januar/Februar 2021) um die Teilnahme an der Studie gebeten. Erhoben wurden die Verbreitung von COVID-19 in Pflegeheimen, die personellen und materiellen Ressourcen der Heime und der organisatorische Umgang mit der Situation.

Ergebnisse: Die Ergebnisse beruhen auf Daten von mehr als 800 Heimen während der ersten und mehr als 400 Heimen während der zweiten Welle. Während beider Wellen der Pandemie und bevor für Pflegeheime flächendeckende Impfangebote zur Verfügung standen, entfielen in Deutschland etwa die Hälfte aller Todesfälle mit Covid-19 auf Heimbewohner:innen. Für die Heime war die erste Welle vor allem durch bestehende Mangelsituationen an Schutzmaterialien gekennzeichnet. In Bezug auf Pflegekräfte berichten die Heime zudem, dass die Arbeitsverdichtung massiv anstieg, hervorgerufen durch große zeitliche Mehraufwände und Personalausfälle.

Diskussion: Pflegeheime waren in den beiden ersten Pandemiewellen mit etwa der Hälfte aller bundesweiten Todesfälle Hotspots der Mortalität, obwohl die Gruppe der Heimbewohner:innen bis dahin knapp nur 7 % aller Infizierten entsprach. Die primäre Fokussierung auf das Infektionsgeschehen und die damit verbundenen Risiken in Bezug auf Morbidität und Mortalität resultierten in sozialer Isolation mit ebenfalls schwerwiegenden gesundheitlichen und sozialen Folgen für Heimbewohner:innen und ihre Angehörigen. Pflegekräfte waren bereits vor der Pandemie in großem Maße belastet - in der ersten und zweiten Welle wurden sie über Gebühr gefordert, so dass für Pflegeheime ohne eine Besserung der Arbeitsbedingungen der Ausstieg einer Vielzahl von Pflegekräften aus ihrem Beruf droht.

16:15
In vorderster Reihe während der Corona-Pandemie: Prädiktoren für psychosoziale Belastungen des Pflegepersonals in Alten- und Pflegeheimen
S16-44-4 

C. Hering, A. Gangnus, R. Kohl, E. Steinhagen-Thiessen, A. Kuhlmey, P. Gellert; Berlin

Hintergrund: Bisherige Untersuchungen konnten eine erhöhte psychosoziale Belastung (u.a. Stress, Angst, Depression) während der Corona-Pandemie für das Pflegepersonal feststellen, das schwerpunktmäßig in Krankenhäusern arbeitet. Derzeit sind Daten und Analysen aus der vollstationären Langzeitpflege jedoch selten. Das Ziel der vorliegenden Untersuchung war es daher, die psychosoziale Situation für das Pflegepersonal in deutschen Alten- und Pflegeheimen während der ersten Infektionswelle der Corona-Pandemie zu erfassen.

Methode: Die zugrundeliegenden Daten dieser Studie stammen aus dem Kooperationsprojekt Covid-Heim, das verschiedene Datenquellen kombiniert, um Lehren aus der Corona-Pandemie für strukturelle Entwicklungen im Pflegeheimbereich zu ziehen. Der Fragebogen (u.a. Stress: DASS-21, Angst: GAD-2, Depressivität: PHQ-2, soziale Unterstützung: COPSOQ) wurde via REDCap von November 2020 bis Februar 2021 auf verschiedenen Social Media Plattformen bereitgestellt. N=811 Pflegekräfte nahmen Stellung zu ihrer psychosozialen Situation unter den Gegebenheiten der Pandemie.

Ergebnisse: 55.1% des Pflegepersonals berichten von mindestens einem Risikofaktor für einen schweren Covid-19 Verlauf. 62.2% bestätigen einen Covid-19 Ausbruch unter den Bewohner:innen. 57.5% weisen klinisch relevante Stress-, Angst- oder Depressionssymptome auf. Multiple Regressionsanalysen zeigen, dass Ausbildung, eigene Risikofaktoren, Covid-19-bezogene Ängste sowie die soziale Unterstützung auf Arbeit signifikant mit dem Belastungserleben aufgrund der Pandemie zusammenhängen. Stress, Angst und Depression hängen vor allem mit Covid-19 Ausbrüchen unter den Bewohner:innen, Covid-19-spezifischen Belastungen auf der Arbeit, Covid-19-bezogene Ängste als auch soziale Unterstützung und Gemeinschaftsgefühl auf der Arbeit zusammen.

Diskussion: Die Ergebnisse bestätigen die hohe psychosoziale Belastung des Pflegepersonals während der Pandemie – auch in Alten- und Pflegeheimen. Die multivariaten Analysen weisen zudem darauf hin, dass die psychosozialen Belastungen unter anderem auf strukturelle Probleme in Pflegeheimen zurückzuführen sein könnten. Strategien für ein besseres Arbeitsumfeld sollten in den Mittelpunkt rücken, um künftige Krisensituationen besser bewältigen zu können.

16:30
Covid-19-Schutzmaßnahmen und das gemeinschaftliche Zusammenleben in Pflegeeinrichtungen: Stillstand des Sozialen Lebens
S16-44-5 

A. Gangnus, C. Hering, R. Kohl, P. Gellert, A. Kuhlmey, E. Steinhagen-Thiessen; Berlin

Hintergrund: Im März 2020 sind ex abrupto weitreichende Schutzmaßnahmen in den Alten- und Pflegeheimen aufgestellt worden. Die Lebenswelt der Bewohner*innen hat durch den Wegfall von Routinen, Begegnungen durch Verwandte, Freunde oder bürgerlichen Engagements und gemeinschaftlichen Veranstaltungen in den Heimen einen schonungslosen Einschnitt erfahren. Inwiefern und in welchem Umfang die erlassenen Verordnungen soziale Angebote einschränkten ist noch unzureichend erforscht. Ziel ist es einer evidenzbasierten Darstellung der Auswirkungen der Einschränkungen der sozialen Lebenswelt in den Pflegeheimen in Coronazeiten im Lichte der Verordnungen näher zu kommen.

Methoden: Die Studie ist Teil des Kooperationsprojekts Covid-Heim, das verschiedene Datenquellen kombiniert, um Lehren aus der Corona-Pandemie für strukturelle Entwicklungen im Pflegeheimbereich zu ziehen. Über die Plattform REDCap wurde vom 11.11.2020–28.02.2021 ein halbstandarisierter Fragebogen für Heimleitungen bereitgestellt, mit deren Antworten die Entwicklung sozialer Angebote und Schutzmaßnahmen während des ersten Lockdown (01.03–30.06.2020) eruiert wird. Die Veränderungen werden mittels einer systematischen Analyse der Verordnungen unterstützt.

(Vorläufige) Ergebnisse: Von N=1.260 ausgefüllten Fragebogen zeigen die deskriptiven Berechnungen, dass die Schutzmaßnahmen Besuchsverbote-/Einschränkungen (98,3%), Körperkontaktreduzierung (90,5%) und die Ausarbeitung eines Pandemieplans (99,3%) bundesweit den größten Fokus einnehmen und bis dato im Rahmen der Infektionsschutzverordnungen wesentlich sind. Neben den Schutzmaßnahmen schränken strikte Zugangsregelungen bürgerlichen Engagements das gemeinschaftliche Leben der Heimbewohner*innen ein. So hatten 68% (mehr als jedes zweite Heim) der ehrenamtlichen Mitarbeitenden das erste halbe Jahr keinen bzw. reglementierten Zugang in die Heime. Hausinterne gemeinschaftliche Angebote (z.B. singen, tanzen) sind deutschlandweit bei allen Trägerschaften nahezu vollständig aufgehoben worden (78%).

Zusammenfassung: Ein sozial massiv eingeschränkter Lebensalltag begleitet die Bewohner*innen seit März 2020. Berührungen, Gemeinschaftlichkeit und Vertrautheit sind durch die Schutzmaßnahmen und dem Entfall sozialer Angebote zu einer sozialen Kostbarkeit geworden.

Diskutantin: C. Kricheldorff, Freiburg

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